Mehrere aktuelle Studien zeigen: Wer von Hand mitschreibt, erinnert sich langfristig besser und versteht den Stoff tiefer. Der Grund liegt im Schreibprozess selbst.
Man könne nicht alles wortwörtlich festhalten – man müsse auswählen, umformulieren, vereinfachen, erklärt Atheena Johnson, Doktorin der angewandten Linguistik an der Université Paris Nanterre.
«Wir verwenden verschiedene Mittel, damit wir uns später in unseren Notizen zurechtfinden. Und genau beim Lernen entstehen die Verbindungen. Wir füllen die Lücken. Diese Tätigkeit hilft uns, Informationen langfristig zu behalten», sagt sie gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS. Die Suche nach Sinn sei es, die die analytischen Fähigkeiten der Studierenden stärke.
Tippen versus von Hand mitschreiben – die Vor- und Nachteile:
Im Gegensatz dazu führe das Tippen oft zu einer wortgetreuen Mitschrift: Man könne alles erfassen – Daten, Namen, Fakten. Doch laut Johnson schneiden Studierende, die auf der Tastatur mitschreiben, bei analytischen Fragen schlechter ab.
Bedarf an Kompetenzen
Johnson verurteilt den Einsatz des Computers jedoch nicht grundsätzlich. Mitschreiben auf der Tastatur könne effizient sein – vorausgesetzt, man beherrscht es. Doch genau diese Kompetenz werde weder in der Primarschule noch in der Sekundarstufe systematisch vermittelt.
«Beim Tippen bewegen wir uns in zwei Räumen: dem Bildschirm und der Tastatur. Wer ständig nach unten schaut, um Tasten zu suchen, konzentriert sich nicht mehr auf das, was übertragen wird. Wer die Technik beherrscht, kann von einfachen zu komplexen Schreibkompetenzen übergehen – also zu Planung, Formulierung und Überarbeitung», erläutert sie.
Tablet als Kompromiss?
Für Sara Cotelli, die an der Universität Neuenburg Notiztechniken unterrichtet, bietet das Tablet mit Stift eine ideale Zwischenlösung.
«Man schreibt mit der Hand, hat aber zugleich die Vorteile des Computers. Man kann schnell etwas ergänzen, alles digital archivieren, ohne Notizen zu verlieren. Ich denke, das ist vielleicht die beste Kombination», sagt sie.
Gegenüber automatischen KI‑Transkriptionsdiensten zeigt sie sich hingegen skeptisch. Studierende glaubten zwar, Zeit zu sparen, doch in Wahrheit verschieben sie den Lernprozess nur.
«All die Vorarbeit, die sie beim handschriftlichen Mitschreiben geleistet hätten, müssen sie später nachholen. Denn erst dann müssen sie auswählen, Inhalte umformulieren und in eigene Worte fassen, um sie wirklich zu verinnerlichen», erklärt sie. Handschriftliche Notizen seien zudem ein gutes Training für schriftliche Prüfungen.
Situation in der Westschweiz
In der Westschweiz können Studierende an den meisten Universitäten weiterhin selbst wählen, wie sie mitschreiben. Handschriftliche Notizen werden empfohlen – aus denselben Gründen wie in Frankreich –, aber sie sind nicht vorgeschrieben.
In Neuenburg, wo Erstsemestler einen Kurs zur Notiztechnik besuchen können, beobachtet Sara Cotelli deutlichen Widerstand. «Ich spüre bei einigen Studierenden grosse Frustration darüber, dass es nichts zum Thema Notizen am Computer gibt», sagt sie. Trotz der Empfehlungen erscheinen viele weiterhin mit dem Laptop im Unterricht.