«Alle haben verloren. Es gibt keine Gewinner in dieser Angelegenheit.» Das sagt Chowra Makaremi, iranische Anthropologin und Autorin eines Buchs über die Protestbewegung im Iran, im Interview mit dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS).
«Die USA als Hegemonialmacht haben es nicht geschafft, ihr Recht des Stärkeren durchzusetzen», argumentiert Makaremi. «Der iranische Staat hat mindestens 200 seiner Führungskräfte verloren. Ein Grossteil der Infrastruktur ist zerstört. Das Land befindet sich nach dem Krieg in einem ziemlich verheerenden Zustand. Und natürlich hat die iranische Gesellschaft verloren.»
Makaremi lehrt am Centre national de la recherche scientifique in Frankreich. Nachdem sich der Westen in den vergangenen Jahren von allen diplomatischen und politischen Bemühungen zurückgezogen habe, sei in einem Teil der iranischen Opposition die Hoffnung entstanden, dass der Krieg ihnen einen positiven Ausweg bieten könnte.
«Diese Hoffnungen waren vielleicht eine Fata Morgana», sagt Makaremi. «Ich habe mich oft gefragt: Warum wird die militärische Intervention von aussen als einzige mögliche Alternative angesehen?» Die Untätigkeit der europäischen Länder habe mit dazu beigetragen. Sie hätten diesem verheerenden Krieg freie Bahn gelassen.
Der Widerstand geht weiter
Trotzdem zweifelt die iranische Wissenschaftlerin nicht daran, dass die iranische Opposition weiter bestehen wird. Die Bewegung «Frauen, Leben, Freiheit», die sich nach der Tötung von Masha Amini im Jahr 2022 durch die iranischen Sicherheitskräfte formiert hatte, habe dauerhafte Veränderungen bewirkt.
«Die Staatsmacht musste einen Rückzieher machen», betont Makaremi. «Und zwar beim Tragen des Schleiers, auch wenn das nicht wirklich das Hauptthema ist. Aber dieser symbolische Rückzug illustriert perfekt, wie der Aufstand mit der veränderten Stellung der Frau, ihrer Handlungsmacht, die iranische Gesellschaft geprägt hat.»
Hören Sie die Einschätzung der Exiliranerin Chowra Makaremi
Die Demonstrationen von Dezember 2025 und Januar 2026 seien eine Art Neukonfiguration dieses Kampfes zwischen Gesellschaft und Staat gewesen. «Beim Massaker im Januar hat das Gespenst der militärischen Intervention das Kräfteverhältnis getrübt», gibt sich die Anthropologin überzeugt. «Die iranische Gesellschaft hat das Kräfteverhältnis immer sehr intelligent respektiert. Unbewaffnet und mit leeren Händen ging sie nie direkt in den Kampf gegen eine Macht, die mit Maschinengewehren auf sie schoss. Die Versprechungen und die falschen Versprechungen von Donald Trump haben dieses Kräfteverhältnis kippen lassen und die Bedingungen für dieses Massaker geschaffen.»
Makaremi nimmt in der iranischen Gesellschaft eine Rückkehr zur «List» und zu Formen des friedlichen Widerstands wahr. «Die Fata Morgana des Krieges löst sich gerade auf. Die iranische Gesellschaft baut Widerstandsformen wieder auf, die es ihr ermöglichen, den Kampf gegen eine Macht wieder aufzunehmen, die sie als illegitim betrachtet.»
Für die Exiliranerin ist der Fortbestand der Islamischen Republik Ausdruck einer «neuen internationalen Ordnung», in der «die Völker nicht zählen». Sie beklagt die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft angesichts der Bestrebungen der iranischen Gesellschaft nach Gleichheit und Emanzipation.
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