Denkt man an die Schlacht von Austerlitz, so fällt es leicht, Napoleon als Sieger zu erkennen. Gleiches gilt für den Zweiten Weltkrieg und die Alliierten. Diese Konflikte sind beendet, abgeschlossen, mit klaren Siegern und Besiegten, die in die offizielle Geschichtsschreibung eingegangen sind.
Doch was ist mit dem Nahen Osten, der seit mindestens der Mitte des 20. Jahrhunderts nahezu ununterbrochen im Krieg steht, mit Aserbaidschan und Armenien seit drei Jahrzehnten oder mit Russland und der Ukraine seit 2014? Heute verwischen zeitgenössische Konflikte die Begriffe von Krieg und Frieden.
Krieg jenseits des Schlachtfeldes
Nach Ansicht des französischen Politikwissenschaftlers und Journalisten Gaïdz Minassian ist es sehr selten, dass ein Krieg tatsächlich gewonnen wird.
Zudem sei der Begriff «Sieg» seines Sinnes entleert. Denn obwohl das Schlachtfeld nach wie vor in modernen Konflikten eine Rolle spielt, sind strategische Fragen längst nicht mehr die einzigen, die über den Ausgang entscheiden.
Der komplette RTS-Beitrag zur Kriegsfrage (mit dt. Untertiteln):
Im 21. Jahrhundert ist der Krieg daher hybrid, mit «einer ganzen Palette nichtmilitärischer Massnahmen, die darauf abzielen, eine feindliche Gesellschaft zu destabilisieren oder zu spalten», beobachtet Valérie Rosoux, Forschungsdirektorin beim Belgischen Nationalfonds für wissenschaftliche Forschung und Expertin für internationale Beziehungen. «Wer soll festlegen können, dass eine solche Politik der Destabilisierung zu einem Sieg geführt hat? Das ist extrem undurchsichtig.»
Ein weiterer Unterschied zu früheren Konflikten betrifft das Völkerrecht und das Kriegsrecht im Falle eines regulären Konflikts zwischen zwei Staaten. «Kriege sind heute extrem medialisiert», sagt Minassian. «Es ist sehr schwierig, wie früher einen Krieg hinter verschlossenen Türen zu führen. Deshalb gibt es zwangsläufig Druck seitens des internationalen Systems und der öffentlichen Meinung, diesen Krieg einzudämmen oder schlicht zu beenden.»
Arbeit auf lange Sicht
In Verhandlungen zur Beendigung eines Konflikts fallen oft Begriffe wie «Waffenstillstand» oder «Friedensplan».
Doch in heutigen Konflikten sind solche Lösungen meist nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zum Kriegsende. «Wir müssen es schaffen, die Waffen zum Schweigen zu bringen, aber das ist nur ein Schritt», erklärt Alain Berset, Generalsekretär des Europarates, in einem Interview zur Lösung des Ukraine-Krieges.
«Entscheidend wird sein, ob wir es schaffen, eine europäische Ordnung neu zu begründen. Basierend auf Recht, Demokratie und Menschenrechten», fügt der alt Bundesrat hinzu.
Auch die Auswirkungen auf die Bevölkerung müssen berücksichtigt werden, meint Valérie Rosoux. «Es gibt Erzählungen, aber vor allem Gefühle, die mit dem Krieg verbunden sind: Hass, Ressentiments, Scham, Schuld, Trauer.»
Es reiche daher nicht aus, bewaffnete Gruppen zu entwaffnen, um zu behaupten, ein Krieg sei beendet. Man müsse auch die «Geister auf der Ebene des Gedächtnisses» entwaffnen, sagt Rosoux. «Und das dauert Generationen.»