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Mohammed bin Salmans Vision Modernisierung gescheitert? Das Öl-Paradox Saudi-Arabiens

Als Antwort auf die US-amerikanisch-israelischen Angriffe führt der Iran Raketenangriffe auf Ziele in der Golfregion aus. Im Auge des Sturms befinden sich der saudische Kronprinz bin Salman und seine Ambitionen.

Einen Monat nach Kriegsbeginn im Iran schwächen die Vergeltungsmassnahmen Teherans die Golfstaaten: Sie richten sich gezielt gegen die Erdölinfrastruktur und strategisch wichtige Häfen – und das schlägt sich auf die regionale Wirtschaft nieder. Für Saudi-Arabien, die stärkste Wirtschaftsmacht am Golf, ist dies ein herber Rückschlag.

Was bin Salman über alles fürchtet, ist das Chaos, das derzeit in der Region herrscht.
Autor: Karim Sader Politologe und Fachexperte für die Golfstaaten

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman hatte vor neun Jahren seine «Vision 2030» vorgestellt. Diese hat zum Ziel, Saudi-Arabien in einen globalen Knotenpunkt zu verwandeln, die Gesellschaft zu modernisieren, die Wirtschaft zu diversifizieren und – paradoxerweise für den Erdölstaat – die Abhängigkeit vom Erdöl zu verringern.

Die Einschätzung des Politologen Karim Sader:

In diesem Projektrahmen sollte auch NEOM entstehen, ein Ensemble futuristischer Megaprojekte, die sich über 175 Kilometer zwischen einer Gebirgskette und dem Roten Meer erstrecken sollen. Unter ihnen The Line, eine lineare Stadt ohne Autos und CO₂-Emissionen, oder etwa Trojena, ein futuristisches Skigebiet, das 2029 die asiatischen Winterspiele ausrichten soll.

Bin Salman wollte aus seinem Königreich den führenden Tourismus-Hotspot der Region machen, mit jährlich 150 Millionen Besucherinnen und Besuchern.

Das Erdöl-Paradox

Doch bereits vor dem Ausbruch des Krieges gab es Alarmsignale. Im Januar wurde angekündigt, dass die asiatischen Winterspiele verschoben werden – offiziell wegen Verzögerungen beim Bau des Skigebiets. Das ganze NEOM-Projekt litt unter fehlendem ausländischen Kapital und rückläufigen Erdöleinnahmen – bei 70 Dollar pro Barrel reichte der Ölpreis nicht mehr aus, um die Ambitionen des Kronprinzen zu finanzieren.

«Was bin Salman über alles fürchtet, ist das Chaos, das derzeit in der Region herrscht. Der saudische Kronprinz ist sogar so weit gegangen, sich vor zwei Jahren, unter der Schirmherrschaft Chinas, dem historischen Rivalen Iran anzunähern, um ein Klima der Stabilität zu schaffen und so die Vision 2030 umzusetzen», sagt Karim Sader, Politologe und Fachexperte für die Golfstaaten, gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS).

Mittlerweile übersteigt der Preis pro Barrel 100 Dollar. Ein Glücksfall für den Kronprinzen? Jein, denn Saudi-Arabien müsste das Öl auch exportieren können, während Raffinerien, Öltanker und Häfen vom Iran angegriffen werden. Die Bank Goldman Sachs hat berechnet, wegen der Blockade der Strasse von Hormus werde die saudische Ölproduktionen bis Ende April um 12 Prozent sinken – was einem BIP-Rückgang von 3 Prozent gleich käme.

Laut Karim Sader wäre aber eine Erholung der Erdölpreise auch nicht förderlich für bin Salman, da dies den Wunsch nach einem Wandel der Wirtschaft und nach Unabhängigkeit vom Erdöl untergraben würde.

Phönix aus der Asche?

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Für Alexandre Kazerouni, Dozent für arabische und iranische Studien an der Pariser École Normale Supérieure, dürfte Saudi-Arabien gestärkt aus der aktuellen Krise hervortreten im Vergleich zu den anderen Golfstaaten: «Ein guter Teil der saudischen öffentlichen Politik zielt darauf ab, die grossen multinationalen Unternehmen, die sich bisher auf Dubai und die Vereinigten Arabischen Emirate konzentrierten, zu zwingen, ihre Hauptsitze nach Saudi-Arabien zu verlegen, um dort Arbeitsplätze zu schaffen.»

Bedeutet aber der Krieg nun das Ende für das NEOM-Projekt? Nicht unbedingt, aber die Prioritäten müssen wohl neu gesetzt werden. Ohne Tourismus aus dem Westen kann Saudi-Arabien auf religiöse Besucher in Mekka und Medina setzen. Erneuerbare Energien, künstliche Intelligenz, die Expo 2030 und die Fussball-WM der Männer 2034 bleiben alle auf dem Programm.

Noch im Januar übte der Kronprinz Druck auf US-Präsident Trump aus, um den Angriff auf den Iran zu verhindern. Nun ruft er zu einem raschen Waffenstillstand auf.

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RTS Tout un monde, 26.03.2026, 08:13 Uhr; noes

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