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Irans Angriffe auf Golfstaaten Saudischer Politologe: «Der Iran fährt eine Kamikaze-Strategie»

Die Golfstaaten reagieren auf iranische Angriffe bislang zurückhaltend. Doch der saudische Politologe Abdulaziz Alghashian glaubt, dass der Druck steigen wird und Vergeltung eine Option bleibt.

Abdulaziz Alghashian

Professor für Sicherheitspolitik

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Abdulaziz Alghashian ist Professor für Sicherheitspolitik an der Naif Arab University for Security Sciences in Riad, Saudi-Arabien. Sein Fachgebiet ist die Aussenpolitik Saudi-Arabiens mit Schwerpunkt auf den Beziehungen zwischen dem Königreich und Israel.

SRF News: Die Golfstaaten setzen seit Kriegsbeginn auf Mässigung und Diplomatie. Ist diese Strategie jetzt gescheitert?

Abdulaziz Alghashian: Ich denke, es braucht jetzt mehr Diplomatie denn je. In den Jahren zuvor gab es eine Phase der Annäherung zwischen den Staaten der Region. In naher Zukunft werden wir jedoch wohl kaum noch von Annäherung sprechen. Stattdessen wird es eine Diplomatie sein, die von Misstrauen und Verrat gezeichnet ist.

Was ist der koordinierte Plan jenseits von Rhetorik?

Wir befinden uns in einer Position, in der es keine guten Optionen gibt. Wenn wir nicht reagieren, könnte das ein Signal an den Präsidenten eines ermutigten Irans senden: Man könne uns angreifen, ohne dass wir zurückschlagen.

Könnte das als Schwäche gelesen werden?

Ja, aber die Staaten des Golf-Kooperationsrats kalkulieren langfristig. Diese Zurückhaltung ist im Moment der beste Weg. Aber es muss die Möglichkeit für Vergeltung geben – und die gibt es. Einige Golfstaaten haben in der Vergangenheit militärisch direkt auf iranische Drohungen reagiert.

Die Saudis und andere Golfstaaten sehen Israel zunehmend als Störfaktor in der Region.

Wird es engere Beziehungen zu den USA oder sogar mit Israel geben?

Zu den USA ja, zu Israel nicht. Gewisse Leute wollen die Idee eines anti-iranischen Bündnisses zwischen den Golfstaaten und Israel etablieren. Das ist eines der zentralen Ziele dieses Krieges: den Eindruck zu erwecken, dass die Golfstaaten Seite an Seite mit Israel kämpfen. Das wollen sie nicht. Ausserdem sehen die Saudis und andere Staaten Israel zunehmend als Störfaktor in der Region. Die Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Iran stand im Mittelpunkt der regionalen Sicherheitsüberlegungen.

Vieles deutet darauf hin, dass der Iran noch konfrontativer auftreten könnte.

Wie kann der Iran Vertrauen in der Region wiederherstellen?

Das ist eine schwierige Frage. Betrachtet man den Hintergrund des neuen Obersten Führers im Iran – jemand, der Vater, Mutter, Familienmitglieder und die Beziehung zu den Revolutionsgarden verloren hat – deutet vieles darauf hin, dass der Iran noch konfrontativer auftreten könnte.

Golf-Kooperationsrat

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Der Golf-Kooperationsrat ist ein Zusammenschluss der sechs Golfstaaten Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Das Bündnis entstand 1981. Die Golfstaaten wollten sich damit im ersten Golfkrieg (1980) und gegen die Auswirkungen der Islamischen Revolution im Iran (1979) schützen.

Neben der wirtschaftlichen Zusammenarbeit verpflichten sich die Mitgliedstaaten auch, sich gegenseitig im Falle eines Angriffs zur Seite zu stehen.

Wie lange kann Iran Ziele am Golf angreifen – und Saudi-Arabien und die andern Staaten nehmen es hin?

Dass sie das einfach hinnehmen werden, halte ich für Wunschdenken. Es wird von verschiedenen Faktoren abhängen: von der Dauer des Krieges und den Angriffen auf kritische Infrastruktur in Saudi-Arabien. Wenn diese zunehmen, haben die Saudis deutlich gemacht, werden sie iranische Infrastruktur angreifen.

Wird US-Präsident Trump in der Region respektiert?

Trump genoss in seiner ersten Amtszeit deutlich mehr Respekt. Er hat die Fassade amerikanischer Symbolik und politischer Korrektheit entfernt, hinter der in Wirklichkeit nationale Interessen stehen. Er hat die nackte amerikanische Realpolitik sichtbar gemacht. Die Leute fanden das erfrischend. In seiner zweiten Amtszeit ist die Situation anders, auch wegen des Kriegs von Israel. Heute wird Präsident Trump als jemand gesehen, der Entwicklungen stört, ein Akteur, der die Lage komplizierter macht.

Die Golfstaaten wollen sich als sicherer Hafen präsentieren, aber der Krieg ist schlecht für das Image.

Tatsächlich, das ist ein Schlag gegen unser Image. Deshalb wurde auch Dubai angegriffen. Dass sie Ölraffinerien, Infrastruktur und Hotels ins Visier nehmen, soll das Sicherheitsgefühl in den Golfstaaten zerstören. Der Iran fährt eine Kamikaze-Strategie.

Das Gespräch führte Barbara Lüthi.

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Club, 10.3.2026, 22:25 Uhr ; 

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