In Teufen im Appenzell sind am letzten Tag des Jahres jeweils archaische Gestalten unterwegs, die sogenannten «Silvesterchläuse». Sie tragen Kleider aus Tannenreisig oder Stroh, manche auch dämonische Masken.
Rituale wie dieses hat der französische Fotograf Charles Fréger festgehalten.
Seine aktuelle Ausstellung im Zeughaus von Teufen mischt die Fotografien aus der Schweiz mit solchen, die anderswo in Europa entstanden sind. Sie zeigen alle traditionelle Rituale, die böse Geister oder den Winter vertreiben sollen.
-
Bild 1 von 9. Maskerade der Ziege, Rumänien. Bildquelle: Charles Fréger.
-
Bild 2 von 9. Échelliers, Fête des Pailhasses, Languedoc, Frankreich. Bildquelle: Charles Fréger.
-
Bild 3 von 9. Tschäggättä, aus dem Schweizer Lötschental. Bildquelle: Charles Fréger.
-
Bild 4 von 9. S'Urtzu e sos Bardianos, Sardinien, Italien. Bildquelle: Charles Fréger.
-
Bild 5 von 9. Smrt (der Tod), Třebič, Tschechische Republik (links) und Caretos, Vila Boa de Ousilhão, Portugal (rechts). Bildquelle: Charles Fréger.
-
Bild 6 von 9. Mascarita, Alsasua, Baskenland, Spanien (links) und Burryman, Queensferry, Schottland (rechts). Bildquelle: Charles Fréger.
-
Bild 7 von 9. Arkouda (Bär), Monastiraki, Griechenland (links) und Nevesta, Begnishte, Mazedonien (rechts). Bildquelle: Charles Fréger.
-
Bild 8 von 9. Sauvages (Wilde), Le Noirmont, Schweiz. Bildquelle: Charles Fréger.
-
Bild 9 von 9. Mechkari, Prilep, Mazedonien (links) und Laufr (Springer), Třebič, Tschechische Republik (rechts). Bildquelle: Charles Fréger.
«Charivari» nennt der Fotograf sein Projekt, ein Wort, das seinen Ursprung im Griechischen hat und für Katzenmusik und Chaos steht. Fréger interessieren Bräuche, die einen Zustand kollektiver Unordnung herstellen.
Aufhebung von Hierarchien
Eine Fotografie in der Ausstellung zeigt das programmatisch: Männer sind eingespannt in eine Leiter, die sie quer tragen, die Umkehr der Sprossen steht für die Aufhebung der üblichen Hierarchien.
Solche Bräuche ermöglichen «eine Art Reset der Gemeinschaft», erklärt Fréger. Doch er sieht die heutige Funktion von Festen wie dem Karneval kaum mehr in der Umkehr aller Verhältnisse – die finde heute anderswo statt.
«Heute findet man die Ventilfunktion der Maskerade eher in den sozialen Netzwerken», sagt er. «Statt Masken verwendet man Avatare oder Pseudonyme. Wie Masken geben sie Freiheiten gegenüber dem Rest der Welt.»
Fréger interessieren die fotografierten Rituale als Momente der Verbindung zwischen Menschen. Am liebsten fotografiert er in kleinen Dörfern, wo kleine verschworene Gruppen sich maskiert zusammentun.
Karikatur des Fremden
Oft sind die Figuren des «Charivari» Karikaturen des Fremden. «Es gibt viele Darstellungen in europäischen Maskeraden, die nicht konsensfähig sind. Es geht um die Konfrontation zwischen Gemeinschaften, Erinnerungen an Invasionen und Kriege», sagt der Fotograf.
Er findet es wichtig, solchen Polemiken Raum zu geben: «Wir müssen unsere Fähigkeit zum Spott wiederbeleben.» Er sieht sich umgeben von «einer Welt, in der man sich derzeit über nichts mehr lustig machen kann».
Wir müssen unsere Fähigkeit zum Spott wiederbeleben.
Der «Charivari» ist auch ein zentraler Begriff an der Basler Fasnacht. An den Schnitzelbänken in Basel hat sich Fréger denn auch am wohlsten gefühlt auf seiner Tour durch die Schweiz. «Ich mochte dieses Hofnarrenartige sehr.»
Doch zentral für Fréger ist auch: «Satire funktioniert nur, wenn man selbst bereit ist, sich lächerlich zu machen.»
Besonders faszinierten ihn in der Schweiz deswegen die «Nünichlingler»: Männer in langen schwarzen Mänteln, Glocken um ihren Hals und sehr hohen Zylindern. An Heiligabend gehen sie geistergleich durch das Dorf Ziefen in der Region Basel. Ursprünglich waren die Figuren Kinderschrecke, die Brave belohnen und Ungehorsame bestrafen sollten.
Das Verbindende in seiner Ausstellung «Charivari» besteht für Fréger auch darin, dass Menschen sich in ihrer Lächerlichkeit produzieren: Der Gemeindepräsident rennt als Schwein durch die Strassen, der Politiker sitzt auf einem Esel, Menschen geben sich groteske Körper.
«Charivari ist nicht nur die Freiheit, zu viel zu trinken, zu viel zu essen, zu tun, was man will. Es ist auch der Moment, in dem man in den Spiegel schaut und lächerlich ist und über sich selbst lacht», sagt Fréger. An solchen Gelegenheiten fehle es im Moment.