Das vertrauliche Dokument trägt den sperrigen Titel «Synthese eines kurzen Audits über die Funktionsweise der Gemeinde Crans-Montana in Bezug auf Management, Organisation und Kommunikation». Es datiert vom 31. August 2023. Das Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) konnte es einsehen, obwohl die Gemeinde Crans-Montana den Zugang verweigert hatte.
Gemäss RTS befindet sich das Dokument weder in den Akten der Walliser Staatsanwaltschaft, noch haben die Opferanwälte Einblick erhalten. Der vollständige Bericht mit seinen Anhängen wurde nicht beschlagnahmt. Nur die sieben Mitglieder der Gemeindeexekutive und die Dienstchefs wissen davon. Im August 2023 waren Präsident Nicolas Féraud und Vizepräsidentin Nicole Clivaz bereits im Amt.
Was einer der Opferanwälte zum Ergebnis des Audits sagt:
Der Inhalt des Audits ist vernichtend. Er zeigt, dass die Mitglieder der Gemeindeexekutive 2023 über Funktionsstörungen innerhalb der Gemeindeverwaltung informiert waren.
Beziehungen wichtiger als Kompetenzen
Das Audit bringt Probleme in der Personalführung ans Licht und erwähnt «nicht behandelte oder ignorierte Disziplinarfälle» sowie «Auftragsverweigerungen» seitens gewisser Mitarbeiter. Auch das Rekrutierungsverfahren wird kritisiert: Nicht die Kompetenzen der Kandidatinnen und Kandidaten stünden im Mittelpunkt, sondern ihre persönlichen und politischen Beziehungen.
Unter den Empfehlungen, die im Audit gemacht wurden, kann man lesen: «Den Dienstchefs bei der Personalführung mit einer neutralen Personalberatung helfen (...), ohne politischen und historischen Einfluss». Es wird ebenfalls vorgeschlagen, «bei den Disziplinarfällen Ordnung zu schaffen». Man kann auch lesen: «Die Pflichtenhefte sind nicht auf dem neuesten Stand oder entsprechen nicht der Realität vor Ort.»
Das Audit weist auch auf einen Mangel an Ressourcen hin: «Die Ressourcen, das Personal und die zur Verfügung stehende Zeit sind angesichts der zu erwartenden Aufgaben (der Dienstchefs) unangemessen (...). Diese Situation erzeugt in gewissen Dienststellen eine Arbeitsüberlastung (...) und Verzögerungen bei den Fristen.»
Diese Problematik betrifft direkt die für die Brandschutzkontrollen zuständige Stelle. Dieselbe Stelle hat die obligatorischen jährlichen Kontrollen nicht durchgeführt, wie jene in der Bar «Le Constellation», was einem Verstoss gegen die Walliser Gesetzgebung gleichkommt. Die letzte Inspektion der Bar geht auf das Jahr 2019 zurück.
Eine solide finanzielle Lage
Dieser Mangel an Ressourcen ist für eine Gemeinde wie Crans-Montana erstaunlich. Denn das Gemeindebudget weist ein Vermögen von nahezu 155 Millionen Franken aus.
Das Audit wurde der Gemeindeverwaltung von Crans-Montana am 31. Oktober 2023 übergeben. Gemäss mehreren anonymen Quellen hat die Gemeinde die vorgeschlagenen Korrekturmassnahmen nur sehr marginal umgesetzt, insbesondere innerhalb der Dienststelle für öffentliche Sicherheit, die für die Brandschutzkontrollen zuständig ist.
Auf Anfrage von RTS erklärte die Gemeinde: «Die Gemeinde Crans-Montana äussert sich nicht zu dem, was mit dem laufenden Verfahren zusammenhängt. Deshalb werden vorerst keine Interviews gewährt. Die Gemeinde Crans-Montana arbeitet mit den Justizbehörden zusammen.»