Anfang der 1990er Jahre herrschte eine Aufbruchsstimmung: Das World Wide Web sollte Menschen weltweit verbinden, Grenzen aufweichen und Wissen frei zugänglich machen.
Die Vorstellung war, dass das Internet für alle da sei, dass alle miteinander kommunizieren könnten, egal ob arm oder reich, in Afrika oder Südamerika. Staaten und Regierungen schienen zunächst machtlos, und viele glaubten, das Internet sei ein dezentraler, gleichberechtigter Raum.
Staaten und Kontrolle im Netz
Doch die Realität sah anders aus. Das Internet war nie ein rechtsfreier, staatenloser Ort. Zwar spielten Universitäten anfangs in der Entwicklung eine zentrale Rolle, zum Beispiel das CERN in Genf, aber auch Staaten und das Militär hatten von Anfang an eigene Interessen. China baute bereits Ende der 90er die «Great Firewall», um Inhalte zu zensieren. Ein System, das inzwischen auch in Russland, Iran oder Myanmar eingesetzt wird.
Weltweit verschlechtert sich laut der Nichtregierungsorganisation «Freedom House» die Freiheit im Netz kontinuierlich. Davon betroffen sind nicht nur Autokratien, sondern zunehmend auch Demokratien. Politikerinnen und Politiker gehen vermehrt gegen Kritik im Netz vor und Medienschaffende sehen sich Einschüchterungsversuchen ausgesetzt.
Von Anonymität zu Identifizierbarkeit
Überwachung funktioniert aber nur, wenn die Menschen nicht mehr anonym im Netz unterwegs sind. Früher galt das Internet als anonymer Raum. Man wusste oft nicht, wer am anderen Ende sitzt, und diese Anonymität galt als zentral für Freiheit und offene Diskussionen. Heute ist das Gegenteil der Fall: Plattformen und Unternehmen kennen die Identität der Nutzerinnen und Nutzer meist sehr genau. Vollständige Anonymität ist nur schwer möglich.
Gleichzeitig ist ein gewisses Mass an Identifizierbarkeit auch notwendig, etwa für den Kinder- und Jugendschutz. Beispielsweise dürfen in Australien Jugendliche unter 16 Jahren keine sozialen Medien nutzen.
Soziale Medien schienen zunächst das freie Internet zu verwirklichen: Jeder kann mit jedem kommunizieren. Doch schnell zeigte sich: Plattformen wollen Nutzerinnen und Nutzer vor allem im eigenen Ökosystem halten. Externe Links werden benachteiligt, der Plattformwechsel erschwert – das Internet wird weiter eingeengt.
Daten als Währung: der Kapitalismus im Netz
Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung ist der Datenkapitalismus. Plattformen im Internet sammeln systematisch Daten. Inhalte erscheinen zwar gratis, doch hinter der Oberfläche steckt ein Geschäftsmodell, das auf Monetarisierung durch gezielte Werbung basiert. Paywalls ergänzen dieses System: Seit 1998 versteckt das «Wall Street Journal» Inhalte komplett hinter einer Bezahlschranke. In der Schweiz folgten später Zeitungen wie die «NZZ» oder der «Tagesanzeiger».
Die Kommerzialisierung des Internets wirft ausserdem grundlegende Fragen auf: Wie schützen wir Urheberrechte? Wie soll Medienfinanzierung funktionieren? Welche Rolle spielt Anonymität für die Freiheit im Netz? Die Balance zwischen Schutz, Kontrolle und freiem Zugang bleibt eine zentrale Herausforderung im digitalen Zeitalter.