Zu oft werde Geschichte von oben erzählt, findet Daniel de Roulet. Aus der Perspektive von Generälen oder Staatslenkern. Den Westschweizer Autoren interessieren die anderen: «Ich versuche, die Geschichte von unten zu erzählen.» Aus der Perspektive von Schweizer Söldnern, mausarmen Auswanderern, unzufriedenen Anarchistinnen.
Die Literatur ist dafür in den Augen des 82-Jährigen besonders geeignet. Denn obwohl er viel in Archiven und vor Ort recherchiert, sei die Quellenlage oft dünn: Unterprivilegierte hinterlassen weniger Dokumente. Anders als ein Historiker könne er als Schriftsteller mit Fantasie ergänzen.
De Roulet war ursprünglich Architekt, später Informatiker. Erst mit über fünfzig hat er in den Ferien seinen ersten Roman geschrieben. Knapp vierzig Bücher sind in den dreissig Jahren seither dazugekommen. Viele drehen sich um die Schweiz und ihre Geschichte. Neben Romanen hat de Roulet auch viele Reiseberichte geschrieben – von Wanderungen quer durch die Schweiz bis zu Reisen zu sämtlichen 56 Kernreaktoren in Frankreich.
Der verärgerte Schweizer
Aufgewachsen ist de Roulet in Saint-Imier im Berner Jura. Der Vater war Pfarrer und französischsprachig, die Mutter Deutschschweizerin. Ein grosser Vorteil: Er könne sich in der Schweiz «wie in einer grossen Stadt» bewegen.
Sein Verhältnis zur Schweiz ist eng, aber nicht innig. In seinen Büchern, Essays und Artikeln geht de Roulet immer wieder hart mit der Schweiz und ihrer Politik ins Gericht. Ganz besonders ärgert ihn die in seinen Augen übertrieben strenge Migrationspolitik.
Der Brandstifter
Wichtig ist ihm, dass seine Bücher keine militanten Pamphlete werden. Literatur müsse zugänglich bleiben, auch für Menschen, die anderer Meinung seien. Sein Ziel sei immer, zu unterhalten – auf intelligente Weise.
Doch Daniel de Roulet hatte auch sehr militante Seiten. 1975 zündete er das Chalet des «Bild»-Verlegers Axel Springer in Rougemont an. Jahrzehnte später, nach Ablauf der Verjährungsfrist, schrieb er ein Buch darüber («Ein Sonntag in den Bergen»). Das Buch und die Tat lösten eine heftige Kontroverse aus, vor allem in der Deutschschweiz. Hier sei der Brandanschlag immer, in Frankreich kaum je Thema.
Wer de Roulet gegenübersitzt, vergisst leicht, dass er 82 Jahre alt ist. Scheinbar unermüdlich arbeitet er an neuen Büchern – über die Aufständischen seiner Generation, über künstliche Intelligenz, einen Schweizer Maler im Wilden Westen.
Sein Archiv hat de Roulet bereits dem Schweizerischen Literaturarchiv übergeben. Dabei sei es für ihn unwichtig, ob seine Bücher ihn überlebten. Was ihn antreibt, ist die Unzufriedenheit mit dem Hier und Jetzt: «Wenn die Welt in Ordnung wäre, würde ich gar nicht schreiben.» Einer Würdigung von sich selbst würde er diesen Titel geben: «Toujours en colère – immer noch wütend.»