Um einen Teppich auf dem Boden der Pestalozzi-Bibliothek Hardau in Zürich stehen kleine Kinder mit ihren Müttern. Sie winken abwechselnd mit beiden Händen und singen auf Albanisch: «Mirëdita me dorën e majtë, mirëdita me dorën e djathtë» – «Guten Tag mit der linken … und mit der rechten Hand». Der «Schenk mir eine Geschichte»-Nachmittag beginnt.
Während die Kinder mit der Lese-Animatorin auf Albanisch Szenen auf Bildern beschreiben und einer Geschichte lauschen, erzählt Fatmire Zairi, eine Mutter: «Meine Kinder sprechen zuhause vor allem Schweizerdeutsch, obwohl wir versuchen, ihnen auch Albanisch mitzugeben.» Ihre drei Kinder sind alle in der Schweiz geboren und sozialisiert.
Bezug zur Sprache behalten
Sie wünsche sich manchmal, dass die Kinder auch von ihrer Muttersprache mehr mitnehmen würden – als Teil ihrer Herkunftskultur. Und einfach auch, «damit sie die Leute besser verstehen, wenn wir in Albanien Ferien machen». Ihr Haushalt ist vielsprachig: Neben Albanisch wird auch Französisch gesprochen – und viel Deutsch und Schweizerdeutsch.
Den Bezug zur Herkunftssprache auch in der zweiten oder dritten Generation nicht zu verlieren, ist eine von vielen möglichen Motivationen, warum Eltern heute mit ihren Kindern die «Schenk mir eine Geschichte»-Nachmittage besuchen. Andere kommen, weil es sich wie eine grosse Familie anfühlt. Oder einfach, weil sie ihrem Kind beim Spracherwerb helfen wollen.
Integration geht nicht nur auf Deutsch
Für Familien mit Migrationshintergrund ist die Integration in der Schweiz zentral – und die findet häufig auch über die Sprache statt. Dass «Schenk mir eine Geschichte» genau nicht hauptsächlich auf Deutsch, sondern in über 20 verschiedenen Sprachen angeboten wird, widerspreche diesem Gedanken nicht, sagt Projektleiterin Gina Domeniconi.
Bilderbüchlein, Schilder-Anschauen im Bus, kleine Geschichten im Alltag – das sind alles wichtige Momente für Kinder, um an eine Sprache heranzukommen.
Im Gegenteil: «Wir wissen aus Studien, dass es Kindern leichter fällt, weitere Sprachen wie etwa Deutsch zu lernen, wenn sie in ihrer Herkunftssprache einen möglichst komplexen Wortschatz haben.» Je kompetenter die Eltern also in der Sprache sind, die sie ihrem Kind mitgeben, desto besser – und das heisst: Förderung des frühen Spracherwerbs in der Muttersprache der Eltern erscheint sinnvoll.
Übers Bilderbuch zur Sprache
Dieser Gedanke war die Grundidee hinter «Schenk mir eine Geschichte», als es vor 20 Jahren vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) ins Leben gerufen wurde. Es war eine Reaktion auf die schlechten Resultate, die Schweizer Jugendliche in den PISA-Studien der Nullerjahre beim Lesen und Schreiben erzielten.
«Da hat man gemerkt, dass man viel früher ansetzen muss», sagt Domeniconi. Schon die Zeit, in der Kinder noch gar nicht selbst reden, sei zentral: «Bilderbüchlein, Schilder-Anschauen im Bus, kleine Geschichten im Alltag – das sind alles wichtige Momente für Kinder, um an die Sprache heranzukommen.»
Durch «Schenk mir eine Geschichte» sollen auch wenig sprachaffine Eltern dazu animiert werden, ihren Kindern genau solche Erfahrungen auch ausserhalb dieses Rahmens zu ermöglichen. Dass das Angebot mittlerweile auf über 20 Sprachen an über 70 Orten in der Deutschschweiz und Romandie angewachsen ist und rege genutzt wird, spricht als Erfolg für sich selbst.