Der Auslöser: Der österreichische Olympiasieger Benjamin Karl hat in einem Podcast erzählt, dass seine Frau nach 20 Jahren Ehe mehr Zeit für sich wolle. Das gehe nicht, habe er ihr gesagt. Sie habe dem traditionellen Familienmodell zugestimmt: «Sie wollte zwei Kinder haben.» Sie habe auch Haus und Pool gewollt. Er verdiene das Geld und dürfe somit gewisse Entscheidungen treffen. Seine Frau müsse zurückstecken.
Der Shitstorm: Der Podcast sorgte für Empörung in den sozialen Medien. Karl entlarve mit seinen Aussagen ein Machtgefälle in seiner Partnerschaft, kritisiert etwa ein Paar-Coach. Care-Arbeit werde von vielen Männern zu wenig gewürdigt, heisst es in anderen Reaktionen. Der umstrittene Podcast wurde zwischenzeitlich gelöscht. Aktuell ist er ohne die umstrittensten Aussagen wieder online.
Die Einordnung: Die österreichische Geschlechterforscherin Elli Scambor ist über Benjamin Karls Haltung nicht erstaunt. Überraschend sei aber gewesen, «dass er das so deutlich formuliert hat». Scambor sieht in den Aussagen ein bekanntes Muster: Der Mann bestimmt die Bedingungen der Beziehung. Wenn in Familien eine Person allein «das letzte Wort» habe, sei das aber problematisch.
Der Konsens: Dass Karls Aussagen so heftige Reaktionen ausgelöst haben, erklärt Scambor mit dem aktuellen gesellschaftlichen Konsens: Auf Ebene der Einstellungen sei Gleichstellung breit akzeptiert und gewünscht. Eine Mehrheit sei der Ansicht, Entscheidungen, Kinderbetreuung und Haushalt müssten aufgeteilt werden. Karls Aussagen wirkten deshalb wie ein Rückgriff auf alte patriarchale Muster, so Scambor.
Die Realität: Zwischen Haltung und Handlung klafft laut Scambor eine Lücke. Sie verweist auf eine österreichische Studie zu Geschlechtergerechtigkeit und Lebensqualität. Gerade wenn Paare Kinder bekämen, rutschten sie oft in traditionelle Muster: Frauen reduzierten dann ihr Arbeitspensum, während Männer weiterhin Vollzeit arbeiteten. Folglich würden sich Männer dann auch weniger um die Erziehung kümmern. Nur 16 Prozent der Befragten hätten angegeben, dass sie Kinderbetreuung und Haushaltsaufgaben in der Partnerschaft ausgewogen aufteilten.
Die alten Rollenbilder: Sind die klassischen Rollenbilder also wieder zurück? «Ich glaube, sie waren gar nie weg», sagt Scambor. Zwar gebe es Entwicklungen hin zu fürsorglicheren Männlichkeitsbildern, also zu Männern, die mehr Care-Arbeit übernehmen wollten. Insgesamt würden diese Veränderungen aber nur sehr langsam vonstattengehen. Auch Arbeitswelt, Politik und Kinderbetreuung spielten dabei eine Rolle. Viele Unternehmen rechneten weiterhin mit Männern, die vollzeit verfügbar seien – und mit Frauen, die unbezahlte Sorgearbeit übernähmen. «Es hat sich gesamtgesellschaftlich wenig verändert.»
Der «Manosphere»-Faktor: Frauenfeindliche Influencer verstärken traditionelle Bilder zusätzlich, ist Scambor überzeugt. Auf den Online-Kanälen dieser männlichen Influencer, in der sogenannten «Manosphere» lautete die Botschaft oft: «Ich als Mann bestimme die Bedingungen für unsere Beziehung.» Solche Influencer erreichten meist junge Männer, die sich nicht anerkannt oder gesellschaftlich abgehängt fühlten. «Da haben wir in der Forschung, glaube ich, zu lange nicht hingeschaut», sagt Scambor selbstkritisch.
Mehr zum Thema Manosphere gibt es in der Podcast-Serie «Alpha Boys» zu hören.