Der neue Jahresbericht des Anti-Folter-Komitees des Europarats schlägt Alarm: Misshandlungen in europäischen Gefängnissen nehmen zu. Der Genfer Gefängnismediziner Hans Wolff, langjähriges Mitglied des Komitees, sieht darin einen Teil einer grösseren Entwicklung.
«Die Menschenrechtslage steht seit Jahren unter Druck», sagt Wolff. «Heute kommen vermehrt Regierungen an die Macht, die grundlegende Rechte infrage stellen.» Der Bericht des Komitees spiegle diese Entwicklung.
Eindrückliche Erfahrungen aus Europas Gefängnissen
Wolff hat über 100 europäische Haftanstalten besucht. Besonders eindrücklich sei ein Gefängnis in Französisch-Guayana gewesen: «Eine Zelle für 15 Personen war mit bis zu 25 Menschen belegt.» Besonders verstörend sei die Situation psychisch Kranker gewesen – ohne Betreuung, isoliert, in schrecklichen hygienischen Bedingungen. «Ich habe mich nach dem Besuch in Sakko und Schuhen unter die Dusche gestellt.»
Solche Eindrücke seien belastend, sagt Wolff. «Schwierig wird es vor allem dann, wenn man wie in diesem Fall keine Lösung sieht.»
«Überbelegung ist eine Katastrophe»
Auch in der Schweiz sieht Wolff problematische Zustände, insbesondere die Überbelegung von Gefängnissen in der Westschweiz.
Es ist laut in diesen Anstalten, gefährlich und unwürdig für eines der reichsten Länder der Welt.
Das grösste Gefängnis der Schweiz, Champ-Dollon im Kanton Genf, hat beispielsweise 398 Plätze, aber über 500 Gefangene. «Wenn ein Gefängnis so überbelegt ist, leidet alles darunter», sagt er. Betreuung, Sicherheit und der Umgangston verschlechterten sich. «Es ist laut in diesen Anstalten, gefährlich und unwürdig für eines der reichsten Länder der Welt.»
Gefängnisse verschärfen psychische Probleme
Besonders alarmierend ist laut Wolff die psychische Gesundheit der Gefangenen. «Gefängnis macht krank», sagt er. Studien zeigten, dass Inhaftierte rund zehnmal so häufig an psychischen Erkrankungen leiden wie Nichtgefangene.
Die Haftbedingungen könnten bestehende Probleme verstärken. «In einem belastenden Umfeld treten Krankheiten oft erst richtig zutage.» Das zeige sich auch bei den Suizidraten, die im Gefängnis um ein Vielfaches höher seien als ausserhalb.
Ein besonders grosser Risikofaktor sei die disziplinarische Einzelhaft. «Das Risiko steigt massiv, wenn Menschen isoliert sind», so Wolff. Gerade bei ohnehin belasteten Personen könne das tödliche Folgen haben. Wolff ist überzeugt, dass es andere, bessere Arten gibt, mit renitenten Häftlingen umzugehen.
Was sich ändern müsste
Letztlich müsse man sich fragen, ob nicht zu viele im Gefängnis landeten. 80 Prozent aller Inhaftierten in der Schweiz verbüssen Strafen von weniger als sechs Monaten.
Gefängnisse sind schädlich. Wenn die Leute rauskommen, sind sie auf keinen Fall bessere Bürger als vorher.
«Die könnte man wohl auch anders managen», sagt Wolff. Denn: «Gefängnisse sind schädlich. Wenn die Leute rauskommen, sind sie auf keinen Fall bessere Bürger als vorher.»
Zugleich fordert der Präsident der Konferenz der Gefängnisärzte mehr Lernbereitschaft. Es gebe in Schweizer Gefängnissen viele gute Ansätze. «Man könnte die Kantone miteinander vergleichen, schauen, was gut läuft, voneinander lernen. Aber das passiert leider nicht.»