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Gigi d’Agostinos Hit wird zur Nazi-Hymne – was bringt ein Verbot?
Aus News Plus vom 28.05.2024. Bild: Reuters
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Vom Hit zur Nazi-Hymne Musik macht Botschaften mächtig – auch rechtsradikale

Auf Sylt grölen Touristen Naziparolen zu einem Hit von Gigi D'Agostino. Laut Fachpersonen ist das kein neues Phänomen.

Die Tatsache, dass Menschen Musik verwenden, um Botschaften zu artikulieren, ist wohl so alt wie die Knochenflöte. Für SRF-Musikredaktor und Popkultur-Kenner Schimun Krausz ist das der Musik geradezu eingeschrieben. «Musik berührt auf einem Level, auf dem die Sprache das meistens nicht kann.»

Musik wird durch Menschen benutzt, um sich darüber politisch zu artikulieren.
Autor: Yvonne Wasserloos Musikwissenschaftlerin

Jüngstes Opfer dieser Vorliebe, Botschaften in süffige Noten zu giessen, ist der italienische DJ Gigi d’Agostino. Sein Hit aus dem Jahr 2001, «L'amour toujours», wird derzeit von braunen Kulturnostalgikern als Vehikel für ihre xenophoben Botschaften vereinnahmt. Dank unserer Social-Media-Portale geht d’Agostinos Ode an die Liebe als Medley ausländerfeindlicher Parolen durch die Decke.

Yvonne Wasserloos

Professorin für Musikwissenschaften

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Yvonne Wasserloos studierte Musikwissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte, Germanistik und Skandinavistik an der Universität Münster. 2019 habilitierte sie zur Professorin für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Ihre Forschung und Lehre konzentrieren sich auf Kulturtransferprozesse im 18. und 19. Jahrhundert, Musik im Nationalsozialismus und Rechtsextremismus sowie auf Erinnerungskultur und Rezeptionsforschung.

Auch Yvonne Wasserloos erstaunt das nicht. Sie ist Professorin für Musikwissenschaft in Salzburg und forscht zur Musik im Rechtsradikalismus. Der Song selbst stehe auf einer anderen Seite der Interpretation, sagt Wasserloos. «Aber er wird durch Menschen benutzt, um sich darüber politisch zu artikulieren.» Dass sich der Song auch einfach zum Mitsingen eigne, dürfte die Wahl seiner Verunglimpfer begünstigt haben.

Schimun Krausz erklärt das mit dem Hook in d'Agostinos Lied. «Dieses Dee Dee Dee Dee Dee. Da hat es keinen Text im Original, da kann man drüber singen.» Begonnen habe das darum viel früher als auf Sylt. Wahrscheinlich an feuchtfröhlichen Dorffesten. Und auf drögen TikTok-Kanälen.

Hinzukommt, dass das gängige Kulturpraxis ist. Beim gemeinschaftlichen Singen vollzieht sich eine Vergemeinschaftung, wie die Kulturwissenschaftlerin Wasserloos diese Hymnisierung nennt. Wie sich Menschen beim Singen der Nationalhymne mit dem Staat identifizieren, «so verbinden sich hier politisch gleichdenkende Gruppen mit einer rechtsextremen Haltung.»

D’Agostino ist in guter Gesellschaft

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Es ist nicht das erste Mal, dass Musik instrumentalisiert wird. Die Nationalsozialisten benutzten Komponisten wie Richard Wagner oder Ludwig van Beethoven für ihre Propaganda. Adolf Hitler wünschte sich Beethovens Ode an die Freude jeweils zum Geburtstag, und später wurde das Stück als Europahymne bezeichnet.

Auch zeitgenössische Titel stehen oft auf Wunschlisten von Politikern. Vor 40 Jahren machte der Republikaner Ronald Reagan den Welthit von Bruce Springsteen «Born in the USA» zu seinem Wahlkampfsong. Springsteen hat das Reagan jedoch verboten. Und auch Donald Trump hat eifrig nach künstlerischen Werken von Bruce Springsteen, Neil Young und Rihanna gegriffen, um seinen Wahlkampf nicht nur in die Köpfe, sondern auch in die Herzen zu bringen.

Und nicht nur in Übersee haben Agitatoren ein Faible für eingängige Rhythmen. «Die Toten Hosen» gingen 2013 im deutschen Wahlkampf gegen die Kaperung ihres Hits «An einem Tag wie diesem» juristisch gegen die SPD und die CDU vor.

Die so emotionalisierten Botschaften würden sich durch diesen Prozess multiplizieren, sagt Wasserloos. «Dann geht die Musik nicht nur in den Kopf, sondern auch ins Herz. Das macht sie mächtig.» – Und wohl auch nicht gefeit davor, von politisch motivierten Menschen als Radikalisierungsinstrument missbraucht zu werden.

Wenn Hits zu Codes werden

So habe man in diesen Gruppierungen erkannt, dass man Dinge, die aus juristischen Gründen nicht aussprechbar sind, auf diese Weise an den justiziablen Regelungen vorbeimogeln kann. Sei der Song erst einmal gekapert, werde er rasch zum Code, so Wasserloos, «und alle Eingeweihten wissen, was gemeint ist, auch ohne es auszusprechen.»

Seit ungefähr 2010 beobachtet die Wissenschaftlerin eine gewisse Systematik in der politischen Vereinnahmung von Musik und auch von Videos. Musik sei zum Gebrauchsgegenstand geworden, dessen sich rechtsextreme Gruppen regelmässig bedienen. «Wäre es nicht dieser Song, wäre es ziemlich sicher ein anderer», resümiert Wasserlos.

Sich dem Missbrauch entgegenstellen

Der Missbrauch populärer Musikstücke bleibt wohl auch in Zukunft unausweichlich. Auch, wenn man – wie in d'Agostinos Fall – das Abspielen verbietet. Wasserloos empfiehlt daher betroffenen Komponistinnen und Komponisten, gegen den Missbrauch anzugehen.

Neil Young ist ein solcher Künstler, der genug davon hatte, dass seine Songs für die Wahlkampagne von Donald Trump herhalten mussten. Er gab darum vor vier Jahren eine neue Version seines Lieds «Looking for a Leader» heraus. Darin spricht er sich klar gegen Trumps Politik aus und fordert die Menschen auf, Joe Biden zu wählen.

Schimun Krausz

SRF-Musikredakor

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Als SRF-Musikredaktor ist Schimun Krausz Teil der Schweizer Delegation, die für den Eurovision Song Contest 2024 nach Malmö, Schweden, reist. Er berichtet von dort mit Artikeln und Videos. «Ich will so den ESC noch näher zu den Leuten nach Hause bringen», sagt er. «Es ist unglaublich, was hinter den Kulissen der ganzen Produktion abläuft.»

Podcast News Plus Hintergründe

Aufwändig recherchierte Geschichten, die in der Schweiz zu reden geben. In News Plus Hintergründe gibt es die ganze Story.

Weitere Audios und Podcasts

Newsplus, 28.05.2024, 17:15 Uhr ; 

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