Manche Dinge sind einfach gegen die Natur. Zum Beispiel im Pyjama Fussball schauen. Wer es mit der Nati hält, kommt jedoch kaum darum herum: Denn die Schweiz misst sich in der Runde der letzten 32 mit Algerien – am Freitag, um 5 Uhr Schweizer Zeit. Frühaufsteher müsste man sein...
Durchgemacht und ausgeschieden
Auch Fussballfans in Holland und Deutschland mussten gestern ihre biologische Uhr umstellen. Die stolzen Fussballnationen schieden um 1.26 Uhr bzw. 5.57 Uhr aus. Nach Verlängerung und Penaltyschiessen, die das Martyrium eine Dreiviertelstunde in die Länge zogen.
Schweizer Fans müssen sich (im Erfolgsfall) auf ein hartes Schlafregime einstellen: Der Achtelfinal gegen Kolumbien oder Ghana würde um 22 Uhr beginnen, ein möglicher Viertelfinal (gegen Argentinien!) um 3 Uhr Schweizer Zeit.
Mal Primetime, mal Nachtschicht, mal Frühschicht: Kann man sich darauf vorbereiten? Oder sollten wir uns das gar nicht erst antun? Antworten auf diese Fragen liefert die ETH-Forscherin Caroline Lustenberger. Sie hat langjährige Erfahrung in der Schlafforschung und untersucht, wie die Gehirnaktivität im Schlaf die Gesundheit beeinflusst.
Vorneweg: Die rote Karte von der Schlafforschung gibt es nicht. Dafür aber auch keinen «Zaubertrick» wie vorschlafen oder nachschlafen. «Wer weiss, dass eine Nacht kurz wird, kann in der Nacht davor etwas mehr Schlaf einplanen», erklärt Lustenberger. Aber: Das «Schlafkonto» lässt sich nicht nach Belieben auffüllen und beziehen.
Und am Tag danach? «Man braucht sich nicht heroisch durchbeissen», so die Neurowissenschaftlerin. Stattdessen könne ein kurzer Powernap helfen. Man sollte es jedoch beim Nickerchen belassen: Denn Ausschlafen oder ein allzu ausgiebiger Mittagsschlaf können die nächste Nacht erneut verschieben.
Tückisch ist der Wildwuchs bei den WM-Anspielzeiten. Mal spät ins Bett, mal früh raus: Die Kombination aus Unregelmässigkeit und Schlafverkürzung könne im Alltag spürbar werden, erläutert Lustenberger. «Eine einzelne Ausnahme ist meist kein Drama. Aber mehrere solche Nächte hintereinander können Aufmerksamkeit, Stimmung und Leistungsfähigkeit deutlich belasten.»
Wer keine WM-Minute verpassen will, kann seinen Schlafrhythmus also durcheinanderbringen. Und Menschen, die an chronischen Schlafproblemen leiden, sollten ohnehin nicht allzu sehr an der inneren Uhr rütteln.
Die Sorgen Sorgen sein lassen
Und: Wer nach einem Spiel noch schlafen möchte, sollte seine «Alarmbereitschaft» laut der ETH-Forscherin nicht unnötig hochfahren: Licht dimmen, Verzicht auf koffeinhaltige Getränke, nach dem Spiel nicht lange am Handy bleiben – und Alkohol weglassen oder nur massvoll konsumieren. Auch auf Mahlzeiten sollte man in der Nacht verzichten.
Am Morgen danach empfiehlt sich viel Tageslicht und Bewegung. Auch die Tasse Tee oder Kaffee sind erlaubt, um wieder in Schwung zu kommen. Letztlich gilt vor allem eines: Nur nicht stressen lassen. «Denn die Angst vor der schlechten Nacht kann den Schlaf manchmal noch mehr belasten», schliesst Lustenberger. «Genuss in Massen, Ausnahmen und besondere Abende gehören auch zu einem gesunden Leben dazu.»
Das hält auch die Schlafforscherin selbst so, die sich normalerweise von Fussball nicht den Schlaf rauben lässt. «Sobald ein Spiel mit der Schweiz läuft, kann ich aber meist doch nicht aufhören zu schauen.» Ihr Schlusswort: «Hopp Schwiiz!»