Dass Menschen wieder vermehrt an eine flache Erde glauben, beobachtet auch Guido Schwarz, Gründer und Direktor des Swiss Space Museum. «Dieser Glaube steht in engem Zusammenhang mit einem allgemeinen Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Autoritäten und lebt nicht zuletzt von der Attraktivität vermeintlichen ‹Geheimwissens›».
Legende:
Astronaut Reid Wiseman blickt während der Artemis-2-Mission auf dem Weg zum Mond auf seinen runden Heimatplaneten – die Erde.
Keystone/AP/Nasa
Ein Grund dafür liege aus seiner Sicht darin, dass eine problematische Praxis populistischer Politik zunehmend salonfähig geworden sei: «Es geht oft nicht mehr um Inhalte, sondern darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen, Schuldige zu benennen und gezielt Empörung auszulösen, die Realität tritt dabei in den Hintergrund.»
Soziale Medien seien ein Katalysator für diesen kommunikativen Wandel: «Dass heute praktisch jede und jeder ungefiltert Inhalte veröffentlichen kann, verstärkt diese Dynamik.»
Artemis-2-Mission als Trigger
Das sieht auch Sozialwissenschaftler Marko Kovic so. Und: «Die Artemis-2-Mission war nun ein Trigger-Event, durch den die Menge an Flat-Earth-Kommentaren in den sozialen Medien explodiert ist. Nicht, weil die Plattformen wollen, dass wir das glauben, sondern weil sie algorithmisch ausspielen, was bei anderen Userinnen und Usern zieht».
Viele Länder regulieren zwar soziale Medien, um die Verbreitung von Falschinformationen zu reduzieren. In der EU verpflichtet zum Beispiel der Digital Services Act grosse Plattformen wie Meta oder TikTok dazu, gegen Desinformation vorzugehen und Inhalte zu moderieren.
«Ich kann mir aber vorstellen, dass man gewisse Dinge laufen lässt. Der Glaube, die Erde sei flach, hat weniger Tragweite als beispielsweise Falschinformationen, die direkt die Demokratie oder die Gesundheit betreffen und schädigen.»
Geschichte der «Flat Earth»-Verschwörungserzählung
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Die Vorstellung einer flachen Erde ist sehr alt. In vielen frühen Kulturen war sie Teil eines vormodernen Weltbilds. «Die heutige «Flat-Earth»-Verschwörung hingegen ist ein klar modernes Phänomen und wurde nicht einfach seit der Antike kontinuierlich weitergetragen», sagt Guido Schwarz, Gründer und Direktor des Swiss Space Museum.
«Die Mondlandung von 1969 war dabei weniger der Ursprung als vielmehr ein zusätzlicher Katalysator: Sie lieferte neuen Stoff für Zweifel und Verschwörungserzählungen, die sich gegen wissenschaftliche Institutionen richten.»
Entscheidend sei die inhaltliche Verschiebung: «Aus einem frühen kosmologischen Modell – der Vorstellung einer scheibenförmigen Erde – wurde in den letzten zwei Jahrhunderten ein Verschwörungsnarrativ. Dieses basiert auf der Annahme, dass ‹Eliten› oder Institutionen gezielt Wissen unterdrücken und die wahre Gestalt der Erde verheimlichen.»
Marc Horat, Leiter Planetarium im Verkehrshaus der Schweiz, beschäftigt sich seit längerer Zeit mit Debunking und Faktenchecks in den sozialen Medien. «Seit der Corona-Pandemie trauen sich mehr Menschen, ihre Wissenschaftsskepsis oder gar -feindlichkeit zu äussern. Und gerade in Krisenzeiten wird die Gesellschaft egoistischer und macht sich dadurch ein eigenes Weltbild, wie es für einen selbst gerade stimmt.»
Und obwohl der Glaube an eine flache Erde auf den ersten Blick harmlos wirkt, sei es dennoch gefährlich, ihn als solchen zu sehen. «Der Glaube an eine flache Erde kann Tür und Tor öffnen, um noch weiter in die Welt der Verschwörungstheorien abzudriften. Wer an eine flache Erde glaubt, ist oder wird meist auch Anhänger anderer Verschwörungsmythen.»
Faktencheck zum «Artemis-2-Foto» der Erde
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Legende:
Dieses von Astronaut Reid Wiseman geschossene Bild der Erde rief besonders viele Flacherdlerinnen und Flacherdler auf den Plan.
Keystone/AP/Nasa
Ein von Astronaut Reid Wiseman geschossenes Foto der Erde löste bei vielen Kommentierenden auf Social Media Skepsis aus.
Die aufgeworfenen Fragen im Faktencheck:
«Warum sieht man auf dem Foto keine Sterne rund um die Erde?»
«Wenn ich die Erde fotografiere und sie nicht überbelichten will, muss ich die Belichtung tief halten. Sterne sind lichtschwach, wenn ich also die Belichtung herunterschraube, dann ‹verschwinden› die Sterne», sagt Guido Schwarz, Gründer und Direktor des Swiss Space Museum.
Marc Horat, Leiter Planetarium im Verkehrshaus der Schweiz, ergänzt: «Längere Belichtungen wie zum Beispiel beim Bild von der dunklen Mondrückseite mit dem Erdschein zeigen auch Sterne und Planeten. Dieses leicht zu entkräftigende Argument wurde übrigens auch schon bei den Apollo-Landungen angeführt, hier ist der Grund derselbe: Die Mondoberfläche ist zu hell, als das Sterne auf den Bildern zu sehen wären.»
«Warum sieht man auf dem Foto keinen Weltraumschrott und keine Satelliten rund um die Erde?»
«Die Erde hat einen Durchmesser von 12'742 Kilometern. Weltraumschrott ist beispielsweise so gross wie ein Kleinwagen. Das ist im Verhältnis zur Erde enorm klein, man sieht deshalb auch keine Menschen auf der Erde. Dasselbe gilt auch für Satelliten.»
«Warum ist die Erde auf Fotos so perfekt rund, obwohl sie doch ein Geoid ist?»
«Die reale Form der Erde wird tatsächlich als Geoid bezeichnet. Das beschreibt die unregelmässige, durch die Schwerkraft bestimmte Form der Erde», sagt Guido Schwarz. «Aber diese Abweichungen sind im Vergleich zum gesamten Erdradius extrem klein. Auf Fotos aus dem All wird die Erde aus sehr grosser Entfernung aufgenommen, wodurch diese kleinen Unebenheiten visuell nicht erkennbar sind.»
«Warum sieht die Wolkenformation auf den Fotos der Erde immer gleich aus? Sollten sich diese nicht bewegen?»
«Wolken bewegen sich recht langsam über die Erdoberfläche, unser Planet ist gross», sagt Marc Horat. «So sind ähnliche Wolkenformationen über mehrere Tage zu sehen und oftmals sind die Wetterbedingungen über Regionen wie dem Nordatlantik mit den grossen Tiefdruckgebieten immer wieder ähnlich, so dass sich die grossräumigen Wolkenformationen auch über längere Zeit ähnlich sehen und sich wiederholen.»
Im Internet ebenso populär ist die Behauptung, dass die Astronautinnen und Astronauten der Artemis-2-Mission während des Starts der Rakete in einer «Kapsel» die Rakete verliessen, also gar nie um den Mond geflogen sind. Ursprung dieser Theorie ist, dass man während des Raketenstarts Teile gesehen hat, die von der Rakete gelöst wurden.
«Das sind Rettungsgondeln, die am Startturm angebracht sind und bei akuter Gefahr die Astronauten rechtzeitig in Sicherheit bringen könnten», sagt Guido Schwarz. «Beim Start wurden diese ausgelöst, weil sie nahe am Startturm geparkt sind. Hätte man sie oben gelassen, so wären sie von den Triebwerken versengt geworden.»
Dass jüngere Menschen wie auf TikTok pauschal anfälliger für den Glauben an eine flache Erde sind, denkt Kovic nicht. «Sie sind Informationen kognitiv zwar stärker ausgeliefert als ältere Menschen, da der präfrontale Kortex im Gehirn, der unter anderem für Entscheidungen wichtig ist, sich sehr langsam entwickelt und meist erst zwischen etwa 20 und 25 Jahren als vollständig ausgereift gilt. Sie haben aber mehr Medienkompetenz und verstehen besser, dass nicht alles stimmt, was sie sehen oder lesen.»
Ältere seien deshalb in der Regel kognitiv reifer, «sie sind hingegen aber meist weniger medienkompetent und glauben eher daran, dass in den sozialen Medien alles wahr ist».