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Legende: Audio Zwiespältige Erinnerung an die Weimarer Republik abspielen. Laufzeit 05:28 Minuten.
Aus Echo der Zeit vom 06.02.2019.
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100 Jahre Weimarer Republik Glaube an Demokratie im Osten fragiler als im Westen

Die Erinnerung an die Weimarer Republik ist gespalten. Im Bundesland Sachsen-Anhalt zeigt sich dies besonders gut.

Die berühmte Bauhaus-Architekturschule wurde von Walter Gropius in Weimar gegründet. Von 1925 bis 1932 hatte sie ihren Sitz Dessau. Das Bauhaus sei etwas vom Modernsten und Liberalsten gewesen, was die Weimarer Republik und Sachsen-Anhalt zu bieten hatten, sagt Rainer Haseloff, CDU-Ministerpräsident des ostdeutschen Bundeslandes.

Das Bauhaus war aber auch der Lieblingsfeind der Nationalsozialisten. 1932 musste es von Dessau nach Berlin umziehen. 1933 wurde es geschlossen.

Wirtschaftskrise und Rekordarbeitslosigkeit

Man müsse die damaligen Ereignisse analysieren, sagt Rainer Haseloff. 1928 errangen die Nationalsozialisten in Anhalt 2 Prozent Wähleranteil, 1932 waren es 41 Prozent. Dazwischen lagen Weltwirtschaftskrise und Rekordarbeitslosigkeit.

«Noch höhere Arbeitslosigkeiten hatten wir nach der Wiedervereinigung in unseren ostdeutschen Bundesländern zu verzeichnen, welche der Sozialstaat zwar abzumildern half», sagt Haseloff. «Aber auf der anderen Seite gab es auch kritische Situationen, die den Menschen im Hinterkopf geblieben sind.»

Polizeiwagen in Weimar, vor Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz
Legende: Die Weimarer Republik war die erste Demokratie Deutschlands. Die Nazis beendeten sie. Keystone

Eine solch kritische Situation war die Flüchtlingskrise vor drei Jahren. Gerade in Ostdeutschland sei der Glaube an die bundesrepublikanische Demokratie viel fragiler als im Westen, gibt Haseloff zu bedenken. Die Menschen haben einen Staat, die DDR, untergehen sehen, und sie trauen ihm viel weniger.

Die Folge: Die AfD kam bei den Landtagswahlen 2016 in Sachsen-Anhalt von 0 auf 24.2 Prozent. Gerade deshalb verlangen die ostdeutschen Ministerpräsidenten für den Kohleausstieg lange Auslaufzeiten und Milliarden.

Sichere Arbeitsplätze, keine Erhöhung der Strompreise, das sei entscheidend, damit das politische System nicht destabilisiert werde. «Das darf nicht unterschätzt werden», warnt Haseloff. Aber die Wirtschaft ist laut dem Ministerpräsidenten bloss das Eine. Das Andere sei gerade im Osten die Grundsatzfrage: Wo will die EU mit ihrer langfristigen Politik eigentlich hin?

Skepsis gegenüber direkter Demokratie

Die Monarchie, die Weimarer Republik, das Dritte Reich und der Kommunismus: Kein System habe den Menschen im Bundesland Sachsen-Anhalt wirklich entsprochen, sagt Haseloff. Und er höre immer wieder: «Jetzt sind wir zum ersten Mal stolz darauf, Deutsche zu sein, in einer Friedensgemeinschaft der EU, und nun soll uns das abgesprochen werden.»

CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Rainer Haseloff
Legende: CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Rainer Haseloff: «Man traut dem Volk schon.» Imago

Die Vertiefung der EU stösst im Osten auf grosse Skepsis. Auf grosse Skepsis in ganz Deutschland stiessen nach dem Untergang der Weimarer Republik und dem Aufstieg der Nationalsozialisten die direktdemokratischen Elemente der damaligen Weimarer Verfassung. Das hat Auswirkungen bis heute.

Auch repräsentative Demokratie ist Demokratie

Als Schweizer stellt man zwar fest, dass Deutschland ohne Zweifel eine Demokratie ist, dass man aber dem Volk seit Weimar nicht wirklich traut.

Haseloff sieht das anders: «Man traut dem eigenen Volk schon, denn anders als in anderen Nationalstaaten gibt es hier fast kein Quartal, in dem nicht gewählt wird.» Und diese Wahlen hätten immer sofort einen Effekt.

Auch eine repräsentative Demokratie sei eine Demokratie: «Das ist ein System, das sich eingespielt hat und ausreichend Artikulationsmöglichkeit aufweist, ohne dass man zum Rütlischwur zurückkommen muss.» Die Gründung der Weimarer Republik liegt zwar 100 Jahre zurück. Aber die Angst vor der Fragilität der Demokratie ist noch lebendig, gerade im Osten.

Legende: Video Weimarer Verfassung – Aufbruch zur Demokratie in Deutschland abspielen. Laufzeit 01:10 Minuten.
Aus Tagesschau vom 06.02.2019.
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25 Kommentare

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  • Kommentar von Georg Benad  (kreanga)
    Planta:GU-Teil3
    Günter Grass schrieb in der ZEIT über "das Schnäppchen Namens DDR" und appellierte, das alte Unrecht im Einheitstaumel nicht zu vergessen: "Diese siebzehn Millionen Ostdeutschen sind es gewesen, denen, sozusagen stellvertretend, die Hauptlast des von allen Deutschen begonnenen und verlorenen Krieges aufgebürdet wurde. Geschwächt von Anbeginn durch Demontage und Reparationsleistungen in Milliardenhöhe, hatten sie nie freie Wahl."

    Herr Planta,Grüße von einem ehemaligen Ossi....
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  • Kommentar von Georg Benad  (kreanga)
    Planta:GU- Teil 2

    Für Diskussionen sorgte diese ungleiche Belastung dann im Zuge der Wiedervereinigung. Der Bremer Historiker Arno Peters hatte in einem Gutachten versucht, die Differenz genau zu beziffern: 35 Mark, so seine Berechnung, hätte jeder Westdeutsche für die Kriegsschuld der Nazis bezahlt, die Bürger der DDR seien umgerechnet pro Kopf mit 6.712 DM belastet worden. Die Ausgleichszahlungen, die der DDR von der Bundesrepublik zustünden, veranschlagte Peters auf 721 Milliarden Mark.
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  • Kommentar von Georg Benad  (kreanga)
    Planta:Etwas Geschichtsunterricht-Teil 1
    Und während die Amerikaner rasch bestrebt waren, der Bundesrepublik zu wirtschaftlicher Stärke zu verhelfen, und bei allerlei Entschädigungsforderungen aus dem Ausland ihre schützende Hand über die BRD hielten, demontierten die Rotarmisten rund 3.000 der ostdeutschen Betriebe. Bis 1953 büßte die DDR so 30 Prozent der industriellen Kapazitäten ein und zahlte so nach Schätzungen zwischen 50 und 100 Milliarden Mark an den sozialistischen Bruderstaat.
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