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Bundeskanzlerin Merkel dankt den Menschen, die zum Fall der Mauer beigetragen haben
Aus News-Clip vom 09.11.2019.
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30 Jahre Mauerfall Zeit für eine neue Geschichte

9. November 2019. Eine ganze Generation liegt zwischen heute und dem Fall der Berliner Mauer. Zeit genug, um Jahrzehnte der Teilung zu überwinden. Doch Ost und West sind noch da. Vielleicht mehr denn je. Es sind zwei Perspektiven auf die gleiche Geschichte, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

Zwei unterschiedliche Erzählungen

Hier die Erzählung vom maroden, heruntergewirtschafteten und moralisch unterlegenen sozialistischen Osten, der vom Westen errettet und in seiner Mitte aufgenommen wurde und sich bedankt mit Gejammer, Ostalgie oder Rechtsextremismus, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen.

Dort die Erzählung vom neoliberalen Westen, der einem Raubritter gleich über den Osten herfiel, sich gezielt alles unter den Nagel riss oder plattmachte und die neuen Bundesländer zur Kolonie degradierte. Ist der Kapitalismus zu stark, bist du zu schwach.

Beide Erzählungen scheinen – so zugespitzt – unglaubwürdig. Und sind doch verbreitet. Sie sind mit den Jahren nicht etwa harmloser geworden, haben sich nicht abgeschliffen oder eingemittet; sie wurden weitergegeben an eine Generation, die geboren wurde, als die Mauer schon nicht mehr stand.

Neues Selbstbewusstsein im Osten

Viele von ihnen erheben jetzt ihre Stimme. Durchbrechen alte Narrative, benennen reale Ungleichheiten und irreale Stereotype. Oder sie laufen Fackelträgern hinterher, lassen ihrem Rassismus und Menschenhass freien Lauf. Und sie machen ihr Kreuz bei der AfD.

In den neuen Bundesländern erreicht die AfD doppelt so hohe Stimmenanteile wie in den alten: ausser in Berlin wählt im Osten fast jeder vierte rechts aussen. Nur gut 40 Prozent der Bürgerinnen und Bürger im Osten halten die Demokratie für die beste Staatsform.

Die Wirtschaft im Osten hinkt hinterher, die Führungsjobs in allen Bereichen sind vorwiegend von Westdeutschen besetzt, Kapital und Privatvermögen sind im Osten geringer, die Überalterung stärker ausgeprägt und vor allem herrscht vielerorts ein Männerüberhang. Das tut keiner Gesellschaft gut.

Dabei hat die ostdeutsche Zivilgesellschaft enormes geschafft. Sie hat sich gegen eine Diktatur erhoben und selbst befreit. Sie hat einen extremen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umbruch überlebt und entdeckt gerade ein neues Ost-Selbstbewusstsein.

Aber sie ist damit weitgehend auf sich allein gestellt. Sanierte Innenstädte können den kollektiven Kater, der auf den anfänglichen Freudenrausch folgte, nicht überdecken. Und eine echte politische Vision für den Osten gibt es nicht. Geschweige denn eine politische Vision, die dem geeinten Deutschland gerecht werden würde.

Raum für Ernüchterung und Politikverdrossenheit

Die blutleere Regierung erzeugt ein Vakuum, das viel Raum lässt für Ernüchterung, Politikverdrossenheit, Rückzug ins Private und nicht zuletzt für Hass und Hetze. Die drängenden Fragen, auf die gerade das von Ost und West geprägte Deutschland glaubwürdige Antworten finden könnte, bleiben unbeantwortet.

Die Deutschen mögen sich die Feierlaune nicht wirklich verordnen lassen. Aber sie sprechen ehrlicher als je zuvor über Ost und West. Deutschlands bewegte Geschichte verleiht dem Land seinen ausgesprochenen Charakter. Es wäre schön, daraus eine neue Erzählung für die Zukunft zu machen – gemeinsam.

Bettina Ramseier

Bettina Ramseier

Deutschland-Korrespondentin, SRF

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Bettina Ramseier ist SRF-Korrespondentin in Berlin. Sie ist seit 15 Jahren TV-Journalistin: Zuerst bei TeleZüri, danach als Wirtschaftsredaktorin bei SRF für «ECO», die «Tagesschau» und «10vor10».

SRF 4 News, 12:00 Uhr

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Fritz Meier  (FriMe)
    Vorab gratuliere ich allen Osteuropäern zu 30 Jahre Freiheit. Die Ost-DE hatten im Vergleich aller anderen Osteuropäern die denkbar besten Karten gezogen. Dennoch, wenn ich die Artikel über O-DE lese, so wird nirgendwo soviel gejammert und rechts-/linksradikal gewählt, wie in O-DE. Ich bin je länger je mehr der Meinung, dass die O-DE ein eigener Staat aufbauen sollten. Demokratie muss gewollt werden. Ob mit Erfolg, würde sich weisen. Die von W-DE finanzierte top Infrastruktur steht ja schon.
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    1. Antwort von Udo Gerschler  (UG)
      Ich würde Ihnen Empfehlen statt jeden Mist zu lesen mal diese Bundesländer zu besuchen deren Bürger genauso wie in allen anderen Bundesländern Steuern und Soli bezahlen wo auch die Preise gleich sind aber im Schnitt 20% für die selbe Leistung weniger verdient wird.Die alte Kamellen vom Jammerossi oder Besserwessi sind auch abgegriffen.Wie im Artikel geschrieben sollten wir weiter eine gemeinsamen Zukunft bauen und eine andere Meinung nicht gleich in die Rechte Ecke zu stellen.
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  • Kommentar von Dorothee Meili  (DoX.98)
    Menschen in Deutschland feiern: singen, tanzen, freuen sich, erinnern in Wehmut, Stolz, auch in Zweifel, Zorn. Menschen erinnern am 9.11. auch in Trauer und Sorge an 9.11.1918 und 9.11.1938! es ist nicht an uns, aus der "heilen Schweiz" heraus einzuteilen, zu deuten. @SRF: ob dieser Beitrag in der Hauptausgabe der Tagesschau vom 9. November angemessen war?!? Wenn modisch "Geschichten Erzählen", dann nicht "nur" zwei mit "Westfernsehen-Unterton", gipfelnd im Begriff: "blutleere Regierung"!
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  • Kommentar von Udo Gerschler  (UG)
    Sehr gute Analyse.Wenn man heute mit unter 40 jährigen spricht schauen die eventuell einen genauso an wie ich wenn mir vom Krieg erzählt wurde und ich das versuchte zu verstehen.
    Wir sind mehr vereinigt als uns manche Parteien die wieder an die Macht wollen darstellen.
    Danken wir allen die die Wiedervereinigung möglich machten .SPD und Grüne gehörten nicht dazu.Leider wurden viele vom Runden Tisch anscheinend in die Ecke gedrängt.Ich denke Dankbar an solche Bürgerrechtler/in wie Bärbel Bohley.
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