Zum Inhalt springen

Header

Audio
Was hat sich in Tschechien verändert?
Aus Echo der Zeit vom 14.11.2019.
abspielen. Laufzeit 07:03 Minuten.
Inhalt

30 Jahre samtene Revolution «Die aktuelle tschechische Regierung ist eine Zumutung»

Monika Pajerova war mitverantwortlich für den Machtwechsel 1989. Mit gemischten Gefühlen blickt sie auf die letzten 30 Jahre zurück.

Die Tschechoslowakei ist Mitte November 1989 spät dran. Das ehemals sozialistische Bruderland Polen hat bereits eine demokratisch gewählte Regierung. Schon Monate zuvor hat der ungarische Aussenminister den Eisernen Vorhang durchschnitten. Am 9. November ist in Berlin die Mauer gefallen.

So erlebte Pajerová die samtene Revolution

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen
So erlebte Pajerová die samtene Revolution
Legende:Monika Pajerova (rechts) und ihre Kollegen 1989.Imago

Mit einem baldigen Ende des Kommunismus in der Tschechoslowakei rechnete Monika Pajerova nicht: «Die Tschechoslowakei war von der Welt dermassen abgeschnitten.»

Die 23-jährige Redaktorin einer Studentenzeitung ist im November 1989 sowieso völlig absorbiert. Sie organisiert eine Kundgebung, die an den Sturm der Nazis auf die Prager Karls-Universität erinnern soll.

Ein Vorwand, mit dem Pajerova und ihre Mitstreiter die Kommunisten überzeugen, ihre Studentendemonstration zu bewilligen. Eigentlich ist es eine Demonstration gegen das kommunistische Regime. Aber ohne offzielle Stempel, befürchtet sie, würden zu viele aus Angst zuhause bleiben.

«Ich war von der Polizeigewalt nicht überrascht»

Pajerovas Rechnung geht auf. Es wird die grösste Demonstration in Prag seit zwanzig Jahren. Rund 15'000 Leute gedenken der Opfer der Nazis, vor allem aber zeigen sie ihre Unzufriedenheit mit den kommunistischen Machthabern.

Die Kundgebung beginnt friedlich. Doch als die Demonstranten Richtung Wenzelsplatz ziehen, dem grossen Platz im Prager Stadtzentrum, werden sie von der Polizei eingekesselt, mit Schlagstöcken verprügelt.

Sie habe die Gefahr wohl verdrängt, sagt Pajerova , damals alleinerziehende Mutter. Und doch: «Ich war von der Polizeigewalt nicht überrascht.»

Kommunistische Führung tritt zurück

Sehr überrascht hat sie hingegen, was danach passiert. Die Nachricht, dass die Polizei friedliche Demonstranten verdrischt, treibt von Tag zu Tag mehr Tschechoslowakinnen und Tschechoslowaken auf die Strasse.

Nur eine Woche nach der Studentendemonstration spricht Vaclav Havel, der bekannteste Dissident des Landes, auf dem Wenzelsplatz zu Hunderttausenden. Am selben Tag tritt die ganze kommunistische Führung zurück. Ende Dezember wird Vaclav Havel Staatspräsident.

«Mit der Wahl Havels endete für mich die Revolution. Nun ging es darum, das Land und die Gesellschaft umzubauen, mit Havel an der Spitze.» Den Umbau der Tschechoslowakei nach der unblutigen, der samtenen Revolution, erlebt Monika Pajerova als Diplomatin in Frankreich. Aus der Ferne sieht sie, wie sich ihre Heimat zuerst der Nato und dann der Europäischen Union annähert.

Sie sieht auch, wie die Tschechoslowakei in Tschechien und die Slowakei zerbricht, wie der rasante Umbau der Plan- in eine Marktwirtschaft wenige Tschechen sehr reich und zunächst viele arbeitslos macht.

Unser grösster Fehler war, dass wir gewöhnlichen Leuten das Gefühl gegeben haben, ihre Probleme würden weiterhin von oben gelöst werden.
Autor: Monika PajerovaAktivistin der samtenen Revolution

Pajerova sieht, wie die Menschen das Vertrauen in die Politik verlieren, weil sich die Politiker mehr für ihren Machterhalt interessieren als für die Bedürfnisse der Bürger. «Heute ist die tschechische Gesellschaft, was Politik angeht, von Fatalismus geprägt», sagt sie. Die meisten glauben, sie könnten sowieso nichts ändern. Oder wenn, dann könne nur ein starker Einzelner etwas bewegen.

Video
Aus dem Archiv: Das Leben von Vaclav Havel
Aus Tagesschau vom 18.12.2011.
abspielen

Dieser Glaube an den starken Mann ist der Grund, wieso der Milliardär Andrej Babis vor zwei Jahren die Wahlen gewonnen hat und seither Tschechien regiert, obwohl er in verschiedene Korruptionsskandale verwickelt ist.

Selbstkritik von Pajerova

Pajerova unterrichtet aktuell an einer amerikanischen Universität in Prag. In ihren Vorlesungen geht es immer wieder um die samtene Revolution und die Jahre danach.

Für sie sind die Intellektuellen von 1989, Studentenführerinnen wie sie oder Dissidenten wie Vaclav Havel, mitschuldig am tschechischen Fatalismus: «Unser grösster Fehler war, dass wir gewöhnlichen Leuten das Gefühl gegeben haben, ihre Probleme würden weiterhin von oben gelöst werden.» Für viele sei es eine böse Überraschung gewesen, als sie realisierten hätten, dass sie selbst handeln müssten.

«Ich liebe sie. Die sind wie wir vor 30 Jahren»

In der Folge hätten viele der Politik enttäuscht den Rücken gekehrt, sich nur noch fürs persönliche wirtschaftliche Vorankommen interessiert. Allerdings: Gerade dieses Jahr sind in Prag so viele Menschen auf die Strasse gegangen wie seit 1989 nie mehr.

250’000 hat im Juni gegen Regierungschef Babis demonstriert. Über 100’000 werden am Wochenende erwartet. Alles Leute, die sich nicht damit abfinden wollen, dass der Regierungschef und Milliardär der grösste Subventionsempfänger des Landes ist.

Auch diese Demonstrationen organisiert eine kleine Gruppe von Studenten. «Ich liebe sie. Die sind wie wir vor 30 Jahren», sagt Pajerova. «Sie wollen diesen Fatalismus überwinden».

Tschechen nach wie vor autoritätsgläubig

Die heute 53-Jährige findet die aktuelle tschechische Regierung eine Zumutung, ihre Mitbürger findet sie teilweise noch immer unerträglich autoritätsgläubig.

Und doch, unzufrieden ist die Studentenführerin von 1989 mit der samtenen Revolution nicht: «Wenn ich vergleiche, was ich vor 30 Jahren erwartet habe und mir anschaue, wie wir in diesem Land heute leben, dann ist es nicht so schlecht.» Was auf deutsch auf Pajerovas Stofftasche steht, gelte halt auch für Revolutionen. «Du kannst alles machen. Aber nicht alles auf einmal».

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

11 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von L. Leuenberger  (L.L.)
    Wie wahr:"Sie sieht wie der rasante Umbau der Plan-in eine Marktwirtschaft wenige Tschechen sehr reich und zunächst viele arbeitslos macht.".."Pajerova sieht, wie die Menschen das Vertrauen in die Politik verlieren, weil sich die Politiker mehr für ihren Machterhalt interessieren als für die Bedürfnisse der Bürger.".."In der Folge hätten viele der Politik enttäuscht den Rücken gekehrt, sich nur noch fürs persönliche wirtschaftliche Vorankommen interessiert."..Die Lage in vielen EU-Ländern heute.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Daniel Jetel  (danjan)
      Herr Leuenberger, gehen Sie einmal auf Eurostat und schauen Sie sich die Daten zur sozialen Lage an (z.B. Armutsrisiko und Einkommensverteilung). Sie werden feststellen, dass Tschechien zu den EU-Staaten mit den geringsten sozialen Unterschieden und der tiefsten Arbeitslosigkeit gehört. Ihr erstes Zitat mag für die 1990er Jahre gegolten haben, ist heute aber nicht mehr zutreffend. Was die Politikverdrossenheit betrifft, stimme ich Ihnen jedoch zu.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Andreas Müller  (Hugh Everett)
    Ganz alles wurde wohl nicht falsch gemacht. Das Land boomt wie fast kein anderes und hat mit Abstand die tiefste Arbeitslosigkeit in Europa.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Es ist vieles nicht in Ordnung. Sonst würden nicht Zehntausende auf die Strasse gehen. Babsi ist Korrupt.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Jaro Bels  (Gotod)
      @Planta
      Warum bräuchte ER gerade Korrupt zu werden? Auf die Strasse gehen Menschen aus ganz anderen Gründen. Der Artikel sagt leider gar nichts über die Wahre Gründe. Ich bin langsam Fan vom Babis, Die Regierung hat täglich um 7 Uhr die erste Sitzung und die Mitglieder, stellen Sie sich das nur vor, müssen den ganzen Tag arbeiten! Bis Babis kam, hat man in Gastronomie praktisch nur geklaut. Jetzt haben sie elektronischen Kassen, der Staat Milliarden und die Wirten ?- gehen auf die Strasse.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Seit Wochen gehen in Tschechien Tausende Menschen gegen Babis und für unabhängige Ermittlungen auf die Strasse. Gegen Babis ermitteln die tschechische Staatsanwaltschaft und die EU-Korruptionsbehörde seit zwei Jahren. Babis Vermögen schätzt man auf vier bis fünf Milliarden Euro, er soll zwei Millionen Euro an EU-Mitteln erschlichen haben.Mit Rentenerhöhungen und Sozialmassnahmen habe er viele sozialdemokratische und kommunistische Wähler einfach gekauft.Die tschechische Regierung eine Zumutung.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen