Am 11. September 1973 wurde in Chile Präsident Salvador Allende gestürzt, mit einem blutigen Militärputsch. Es war der Beginn der Pinochet-Diktatur, einer der grausamsten Diktaturen Lateinamerikas. Hautnah miterlebt hat den Staatsstreich damals Allende-Sekretärin Patricia Espejo Brain.
SRF News: Patricia Espejo Brain, beim blutigen Staatsstreich vom 11. September 1973 waren Sie Anfang dreissig und arbeiteten als Sekretärin für Präsident Salvador Allende. Santiago muss damals einem Schlachtfeld geglichen haben: Der Präsidentschaftspalast La Moneda wurde aus der Luft beschossen. Wie erlebten Sie den Putsch?
Patricia Espejo Brain: Ich bin inzwischen 83 Jahre alt, aber ich erinnere mich noch an alles. Ich war unterwegs zum Regierungspalast im Zentrum von Santiago. Da war ein gepanzertes Fahrzeug auf dem Platz vor La Moneda, es versperrte mir den Weg. Ich musste anhalten mit meinem Auto. Eine Gruppe Militärs umzingelte mich.
Ich verstand nicht, was passierte, nur dass die Lage sehr ernst war.
Ich sagte: 'Lassen Sie mich durch, ich bin die Sekretärin des Präsidenten!' – das machte natürlich alles nur noch schlimmer. Ich verstand nicht, was passierte, nur dass die Lage sehr ernst war. Dann sah ich einen von Allendes Ministern, Fernando Flores, und im Vorbeigehen flüsterte er mir zu: 'Versuch zu fliehen!'. Also legte ich den Rückwärtsgang ein und raste mit meinem Auto davon.
Ihr Chef, der demokratisch gewählte Salvador Allende, wollte in Chile auf legalem Weg den Sozialismus einführen. Dagegen richtete sich der Staatsstreich der Militärs – angeführt von General Augusto Pinochet – gefördert von den USA. Gab es denn gar keine Anzeichen für einen Putsch?
Schon am 10. September, am Vortag des Staatsstreiches, gab es grosse Spannungen. Präsident Allende teilte den Streitkräften, den Geheimdiensten und den politischen Parteien mit, dass er am nächsten Tag eine Volksabstimmung einberufen werde. Aber wir waren uns nicht sehr bewusst, dass es das Ende von Allendes Regierung war.
Bei den Gesprächen mit den Militärs war damals auch der spätere Diktator General Augusto Pinochet dabei. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
Nach dem Treffen vom 10. September nahm Salvador Allende den Arm von General Pinochet. Der Doktor, so nannten wir Allende, denn er war ursprünglich Arzt, sagte zu Pinochet: 'Komm, komm mit mir'. Wir liefen zum Lift. Vor der Tür eines Aufzugs blieb Pinochet stehen.
Das war der Moment des Verrats.
Es gab einen Angestellten, der diese Tür öffnete. Da standen Pinochet, Präsident Allende und ich. Der Präsident verabschiedete sich, und Pinochet sagte ihm: 'Herr Präsident, die chilenische Armee wird Ihnen bis zu den letzten Konsequenzen zur Seite stehen'. Das war der Moment des Verrats.
Dort verriet er uns, weil sie die Entscheidung, einen Putsch durchzuführen, bereits getroffen hatten. Niemand hat das Recht, jemanden mit dem Tod zu bedrohen oder eine demokratisch gewählte Regierung zu stürzen, niemand. Nur die Demokratie garantiert uns ein Stückchen Freiheit.
Sie lebten nach dem Putsch viele Jahre im Exil, in Kuba und Venezuela, kamen erst nach dem Ende der Pinochet-Diktatur zurück nach Chile. Wie sehen Sie Ihr Land heute?
Als ich zurückkam, kannte ich mein Land nicht mehr. Heute ist vieles anders in Chile. Aber wir können nicht einfach sagen, das mit der Diktatur ist lange her, also vergessen wir es – so, wie das die rechten Republicanos heute in Chile machen. Sie verneinen die Gräuel der Diktatur und das ist falsch. Diese Überzeugung werde ich bis zu meinem Lebensende verteidigen.
Das Gespräch führte Teresa Delgado.