Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio Mexiko fordert Entschuldigung für Spaniens Eroberung abspielen. Laufzeit 05:32 Minuten.
05:32 min, aus Echo der Zeit vom 26.03.2019.
Inhalt

500 Jahre Eroberung «Mexiko tut sich mit den indigenen Völkern schwer»

Vor ziemlich genau 500 Jahren erreichten die Schiffe der spanischen Eroberer die Küste Mexikos. Sie machten sich auf, das Reich der Azteken zu erobern, und das auf ziemlich brutale Art und Weise. Nun verlangt der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador eine Entschuldigung – von Spanien und der katholischen Kirche. Historiker Christian Büschges von der Universität Bern über die umstrittene Debatte im lateinamerikanischen Land.

Christian Büschges

Christian Büschges

Historiker

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Er ist Professor für Iberische und Lateinamerikanische Geschichte an der Universität Bern. Forschungsschwerpunkte sind zum Beispiel «Adel und soziale Eliten in Lateinamerika zwischen Kolonialzeit und Nationalstaat im 18.-19. Jahrhundert» oder «die vizeköniglichen Höfe der Spanischen Monarchie im 16.-17. Jahrhundert».

SRF News: Kann eine Entschuldigung Mexiko bei der Aufarbeitung helfen?

Christian Büschges: Spanien hat dies sofort zurückgewiesen und gesagt, dass eine Aufarbeitung der Ereignisse nur in einem gegenseitigen Dialog stattfinden kann. Auf der anderen Seite gibt es in Spanien auch immer wieder Stimmen, die eine Eroberung Amerikas als Zivilisationsleistung darstellen. Gerade an nationalen Gedenktagen in Spanien und Amerika flammen deshalb immer wieder Konflikte zwischen der ehemaligen Kolonialmacht Spanien und den lateinamerikanischen Ländern auf.

Statue eines Kämpfers.
Legende: An vielen Orten stehen Erinnerungen an die Eroberungszüge wie hier die Statue eines Eroberers im Bundesstaat Quintana Roo. imago

Wie beurteilen Sie die Aufarbeitung der Konquista in Spanien?

Hier hat sich seit den 80er-Jahren viel getan. Während meiner Studienzeit in Sevilla standen vor allem die Heldentaten, Zivilisierung und Christianisierung im Vordergrund. Mittlerweile hat sich das geändert. Es gibt eine international breit vernetzte kritische Diskussion.

Mexikanische Völker halfen den Konquisadoren bei den Eroberungen; beispielsweise beim heutigen Mexiko-Stadt.

An Universitäten und in der Wissenschaft hat man ein komplexes Bild der Konquista; es geht nicht mehr um Schuld, sondern um Versuche der Rekonstruktion. Man will wissen, welche Akteure wie gehandelt haben und versucht, ein möglichst objektives Bild dieser Zeit zu erhalten.

Die Spanier werden in diesem Zusammenhang häufig als machtgierig und brutal dargestellt. Stimmt diese Sichtweise?

Das hat es auf jeden Fall gegeben. Die Konquistadoren waren auf Beutezug und befanden sich in einem schwierigen und gefährlichen Unterfangen. Ein Grossteil der Eroberer wollte Reichtum und den sozialen Status durch die Eroberungszüge verbessern. In Mexiko selbst gab es aber auch kriegerische Auseinandersetzungen. Mexikanische Völker halfen den Konquistadoren ausserdem bei den Eroberungen; beispielsweise beim heutigen Mexiko-Stadt.

Als die Spanier in Mexiko ankamen, lebten im Reich der Azteken etwa 25 Millionen Menschen. 80 Jahre später waren es noch eine Million. Das spricht doch für eine verbrecherische Skrupellosigkeit?

Ja. Das ist auch der Grund, weshalb kurz nach der Konquista sehr negativ darüber berichtet wurde. Man muss differenzieren: Ein Grossteil der Millionen Toten, die die Eroberung letztendlich hervorgebracht hat, gehen nicht auf Kriegshandlungen, sondern auf Krankheiten oder Ausbeutungen zurück.

Einerseits sieht man sich als Gründer Mexikos, gleichzeitig beruft man sich aber auf das Erbe der Azteken.

Das ist alles andere als erfreulich. Aber die Eroberungszüge selbst haben daran einen relativ kleinen Anteil.

Schwarz-weiss Bild einer Schlacht.
Legende: Die Conquista ist in Mexiko auch heutzutage noch präsent, wie hier in dieser historischen Darstellung. imago

Sind die Mexikaner 500 Jahre später immer noch verletzt?

Das ist zwiespältig. In mexikanischen Schulbüchern liest man zweierlei: Einerseits sieht man sich als Gründer Mexikos, gleichzeitig beruft man sich aber auf das Erbe der Azteken. Die Schuldzuschreibung ist somit nicht eindeutig. Auch der mexikanische Staat tut sich mit einer Berücksichtigung der Nachkommen der indigenen Völker schwer. Der Aufstand der Chiapas 1994 hat dies sehr deutlich gezeigt. Indigene Völker in Mexiko leben auch heute noch unter schwierigen sozialen Bedingungen und sind Anfeindungen ausgesetzt.

Das Gespräch führte Roger Brändlin.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

9 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Paul Leuenberger (simbawaniyka)
    Die meisten Leserbeiträge erstaunen mich ebenso wie die Aussagen des Herrn Professors. Natürlich kann man begangenes Unrecht nicht ungeschehen machen, dass aber auch in Mexiko von den Kolonialmächten zusammen mit der Kirche unsägliches Unrecht begangen wurde, steht wohl ausser Frage. Eine Entschuldigung als symbolischer Akt würde m.E. nicht nur den Spaniern gut anstehen. An SRF: als Bildillustration wäre wohl das Konterfei von Cortez im Nationalmuseum von Mexiko-City aussagekräftiger gewesen!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Jonas Sanddorn (Sanddorn)
      Die Aussagen des Herrn Professors erstaunt Sie? Sind Sie erstaunt, weil es jemand wagt sich faktenbasiert und differenziert mit Geschichte zu befassen und die Geschichte nicht moralisierend missbraucht?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ursula Keller (Note)
    Der Titel «Mexiko tut sich mit den indigenen Völkern SCHWER» scheint mir die Zwiespältigkeit gut darzustellen. Soll es jetzt eine Entschuldigung an die idigenen Völker geben oder eine an die Nachkommen der Eroberer? Hat man sich nun mit den idigenen Völker arrangiert oder geht die Eroberung subversiv immer noch weiter und man tut sich mit ihnen SCHWER? Genügen 500 Jahre für eine Entschuldigung noch nicht oder ist das Ganze doch eher nur ein PR Gag?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Simon Weber (Weberson)
    Man muss hier auch bis zu einem gewissen Grad von einem Denkfehler sprechen. Die Indios wurden nicht nur vor 500 Jahren ausgebeutet und ermordet. Das war auch vor 200 Jahren noch so und ging nach der Unabhängigkeit im selben Stil weiter - bis zum Teil heute. Genau gleich die Situation in vielen afrikanischen Länder oder auch Australien wo die Unterdrückung sogar noch nach dem 2. Weltkrieg stattfand. Der Vergleich mit Römern oder Franken in einigen Kommentaren von gestern hinkt also gewaltig!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Udo Gerschler (UG)
      Glauben sie wirklich das es in Afrika,Asien oder Arabien,Indien,Südamerika keine Sklaven mehr gibt die aus Minderheiten rekrutiert werden?Dann machen sie sich mal kundig wo es heute noch Sklavenmärkte gibt,
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Simon Weber (Weberson)
      @U. Gerschler: Nein, das glaube ich nicht, ja ich weiss sogar, dass es ganz und gar nicht so ist und ich verstehe noch viel weniger, warum Sie das Gefühl haben, dass ich das denke? Und übrigens haben Sie in Ihrer Aufzählung, wo es heute noch überall Sklavenhandel gibt ganz klar Europa vergessen... Freundliche Grüsse
      Ablehnen den Kommentar ablehnen