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Legende: Audio In China regt sich Widerstand gegen exorbitante Arbeitszeiten abspielen. Laufzeit 05:50 Minuten.
05:50 min, aus SRF 4 News aktuell vom 01.05.2019.
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72-Stunden-Woche in China Junge Chinesen erwarten vom Leben mehr als Schuften

Staatliche Medien kritisieren die Haltung der Tech-Bosse. Proteste unzufriedener Chinesen sollen so verhindert werden.

Seit einigen Wochen beschweren sich zahlreiche Chinesen in den sozialen Medien unter dem Hashtag #996 über die langen Arbeitszeiten von bis zu 70 Stunden pro Woche. Inzwischen berichten selbst staatliche Medien über das Thema. Kritik müssen vor allem die grossen Tech-Konzerne wie der Onlinehändler Alibaba oder der Mobiltelefonhersteller Huawei einstecken. Teilweise arbeiten die Angestellten dort von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, und das sechs Tage in der Woche – #996 eben. Dabei gilt in China offiziell die 40-Stunden-Woche.

«Kein Schlaf, kein Sex, kein Leben»

So titelte die in Hongkong erscheinende Zeitung «South China Morningpost» einen Artikel zum Thema. Wer #996 arbeite, habe schlicht kein Privatleben, hiess es dort. «In den Tech-Unternehmen wird eine 70-Stunden-Woche von den Angestellten erwartet», sagt der in Hongkong lebende freie Journalist Felix Lee. Hintergrund sei die Tatsache, dass die Gründer und Chefs der Tech-Konzerne in jungen Jahren selber auch so viel gearbeitet hätten und das nun auch von ihren Angestellten erwarten.

Arbeit soll auch Vergnügen sein

Für die meisten von den exorbitanten Arbeitszeiten Betroffenen gebe es keinen Extralohn für die Überstunden, weiss Lee. Die Tech-Unternehmer verteidigten ihre Haltung damit, dass sie den Angestellten schliesslich auch luxuriöse Arbeitsbedingungen böten. So gibt es in vielen dieser Firmenbüros etwa Tischtennistische, Fitnessräume oder Lounge-artige Sitzecken, welche die Angestellten benutzen können. «Aus Sicht der Tech-Bosse gibt es keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit», so der Journalist.

Jack Ma inmittten anderer Männer, er lacht.
Legende: Alibaba-Gründer Jack Ma (Mitte) findet, Angestellte müssten bereit sein, bis zu 72 Stunden pro Woche zu arbeiten. Jetzt krebst er etwas zurück. Imago

In China haben lange Arbeitszeiten Tradition. Berüchtigt sind etwa die Textilfabriken oder der Bergbau, wo zu den langen Arbeitszeiten noch schlechte Arbeitsbedingungen hinzukommen. Doch jetzt beschweren sich die jungen Chinesen über #996 in den sozialen Medien – ein Grund für die staatlich gelenkten Medien, das Thema aufzugreifen. «Die kommunistische Führung ist ständig besorgt über die Stabilität im Land», sagt Lee in Hongkong. Dass sie jetzt über die staatlichen Medien in die Diskussion eingreife, zeige, dass sie die Proteste sehr ernst nehme.

Bosse fügen sich

Alibaba-Chef Jack Ma nannte die 72- Stunden-Woche zunächst einen «grossen Segen», Fleiss gehe über alles. Wer in seinem Unternehmen arbeiten wolle, müsse bereit sein, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten. Doch nach der Kritik an seiner Aussage in den staatlichen Medien ist Ma, der selber Mitglied der Kommunistischen Partei ist, ein Stück weit zurückgerudert. So bekräftigte er, dass die Arbeitsbedingungen sowie die Entlöhnung für die Angestellten stimmen müssten. «Die Tech-Unternehmer werden künftig wohl etwas vorsichtiger sein und nicht mehr ganz so lange Arbeitszeiten von ihren Angestellten fordern», ist Lee deshalb überzeugt.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Baumann (GuterNutzername)
    Was sind das für Menschen, die ein Arbeiter wie eine Maschine verbrauchen. Keine Reparaturen für solche Menschlichen sorgen, keine Sorgfalt oder Geduldt. Es ist die reine Gier, welche es seit ewigkeiten zu bekämpfen gilt.
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  • Kommentar von Lesek Hottowy (Lhot)
    Arbeit und Freizeit trennen oder miteinander harmonisch verbinden, dass muss jeder für sich entscheiden. Ich jedenfalls war viel weniger gestresst, als ich die zwei harmonisch verbunden habe. Freizeit ist ohnehin ein, erst durch unsere Wohlstandsgesellschaft entstandenes Phänomen. Sicher ist aber, dass nichts vom Himmel fällt. Will man Wohlstand, guten Lohn, Sozialstaat, Infrastruktur, Bildung, Gesundheitswesen, dann muss man dafür arbeiten. Und es steht jedem frei, es selbstständig zu tun.
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    1. Antwort von Richard Höhn (EcceHomo)
      so etwa nach dem Motto: "Arbeit mach frei".....? Leben besteht aus Leben und Arbeit, das ist keine Frage. Und nun entscheidet das Individuum, ob es lebt zum Arbeiten, oder ob es arbeitet zum Leben. Zumindestens in der "zivilisierten" Gesellschaft.
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Es ist nicht Freizeit, wenn man in der Firma am Arbeitsplatz sitzt und für die Firma arbeitet. Und wer einen Beruf hat, der auch als Freizeitbeschäftigung funktioniert kann da schon beides "harmonisch verbinden". Der Durchschnittsarbeiter bei Alibaba arbeitet aber im Lager oder in der Lagerbewirtschaftung. Das hat kaum Freizeitwert und dann ists auch mit der harmonischen Verbindung nicht weit her.
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    3. Antwort von Claudia Beutler (Claudia)
      Aber früher, also im Mittelalter als Freizeit noch nicht so ein Thema war, arbeitete man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, d. H. Im Winter war um 16:00 Schluss. Damals lebten die Menschen deutlich kürzer und waren mit 40 Jahren verbraucht. Ich bin sehr froh, dass in der Schweiz Freizeit und Erholung einen Wert hat.
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  • Kommentar von David Huser (Dave21)
    Das ist ja nicht nur in China so. Google kauft seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch die Lebenszeit durch Töggeli-Kästen und firmeneigene Fitness Center ab. Wer sich so blenden lässt ist meines Erachtens selber schuld. Ich denke zwischen einer 40h und einer 72h Woche gibt genügend Spielraum um Leistung zu zeigen und ein schönes Leben zu führen. Warum müssen es immer diese Extreme sein?
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