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Schweden, die «Mutter» des Vaterschaftsurlaubes
Aus Tagesschau vom 05.09.2020.
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Abstimmung Vaterschaftsurlaub Elternurlaub in Schweden: Nach über 40 Jahren völlig unbestritten

Bald stimmt die Schweiz über den Vaterschaftsurlaub ab. Wer das in Schweden erzählt, erntet erstaunte Blicke. Kein Wunder: 40 Jahre, nachdem der Elternurlaub den Mutterschaftsurlaub ersetzt hat, gehört er in dem Land schlicht dazu, gilt als Erfolgsgeschichte und wird nicht mehr hinterfragt.

480 Tage Elternurlaub

Wer mit HR-Personal von schwedischen Grossfirmen wie Spotify, Ericsson oder H&M spricht, hört nur eines: Es funktioniert. Diese global tätigen Firmen gewähren inzwischen sogar in ihren Auslandsniederlassungen teils weit grosszügigere Elternurlaube als lokal üblich – und machen damit bei der Rekrutierung von Arbeitskräften offenbar beste Erfahrungen.

In Schweden darf man bis zu 480 Tage Elternurlaub beziehen, also rund 16 Monate. Davon stehen jedem Elternteil 240 Tage zur Verfügung. Man kann die Tage frei beziehen in den ersten Lebensjahren des Kindes. Für jeden Elternteil sind allerdings je 90 Tage fix reserviert – das heisst, man kann sie nicht dem anderen Elternteil überlassen.

Vater zieht Kind Socken an.
Legende: Auch in Schweden bezogen und beziehen lange nicht alle Männer den Elternurlaub. Keystone

Die Vergütung über die ganze Zeit hinweg beträgt jeweils 80 Prozent des letzten Lohnes. Sie ist staatlich finanziert – das ist möglich, weil die Steuerbelastung in Schweden je nach Einkommen zwischen 30 und 50 Prozent des Lohns beträgt.

Frauen entscheiden sich für deutlich längeren Urlaub

Auch in Schweden bezogen und beziehen lange nicht alle Männer den Elternurlaub – oder sie beziehen nur einen Bruchteil dessen, was sie dürften. Die Frauen entscheiden sich für einen deutlich längeren Urlaub. Erst mit dem Ausbau, auch von neuen Bedingungen und neuen Anreizen, hat der Elternurlaub langsam zu mehr Gleichstellung nicht nur bei der Familienarbeit geführt, sondern auch am Arbeitsplatz.

Bei der Anstellung von neuem Personal wissen die Personalchefs inzwischen: Ob ihnen ein Bewerber oder Bewerberin gegenübersitzt – sie müssen mit einem Ausfall über Monate rechnen, vor allem in der Hauptstadtregion Stockholm. Auf dem Land ist das viel weniger der Fall.

Zwar beziehen 80 Prozent der Väter in Schweden den Elternurlaub, sie beziehen ihn aber nach wie vor nur halb so lang wie die Mütter. Von den ausbezahlten Elterntagen gehen 30 Prozent auf das Konto der Männer.

Alles kein Problem? Nicht ganz. Wie Erik Ageberg, Sozialversicherungsexperte des schwedischen KMU-Verbands «Företagarna», sagt, kann es für kleine Firmen in der Praxis durchaus zum grossen Problem werden, wenn von einem kleinen Team viele fehlen. «Relativ gesehen sind die Kosten höher, ökonomisch und auch sonst. Es ist für kleine Firmen schwieriger, einen Ersatz zu finden. Wenn einer von vier den Urlaub bezieht, dann sind das 25 Prozent. 25 Prozent zu ersetzen ist da klar schwieriger als etwa bei Volvo.» Doch seien die Unternehmer meist kreativ bei der Lösungsfindung.

Selbstständige im Nachteil

Kompliziert ist es mit dem Bezug des Elternurlaubs auch für die Selbstständigen: Bleibt ein Coiffeur mehrere Monate weg, muss er befürchten, dass seine Kunden weg sind. GAV-Verträge mit Elternurlaubs-Zulagen auch seitens der Arbeitgeber schaffen ein Stück weit Abhilfe.

So oder so, der Elternurlaub bleibt unbestritten. Oder wie Erik Ageberg sagt: «Die Lage ist klar: Man hat in Schweden das Recht auf einen Elternurlaub, da gibt’s nichts daran zu rütteln.»

So sieht es nach EU-Recht aus

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Nach EU-Recht haben beide Elternteile Anspruch auf je mindestens vier Monate Elternurlaub. Grundsätzlich können Beschäftigte ihre Urlaubsansprüche nicht auf den anderen Elternteil übertragen. Einige Länder erlauben es jedoch, bis zu maximal drei Monate übertragen zu dürfen.

Die Beschäftigten können jederzeit den Elternurlaub nehmen, bis das Kind acht Jahre alt ist. In der Gesetzgebung der einzelnen EU-Länder kann diese Altersgrenze jedoch niedriger liegen.

Tagesschau, 05.09.2020; 19:30 Uhr

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30 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Stocker  (Beat Stocker)
    Ja, andere Länder haben grosszügigere Regelungen. Aber das bedeutet nicht, dass auch die Schweiz diese (teuren) Lösungen übernehmen muss. Will sich jemand mit Kindern verwirklichen, so ist ihr/ihm dies freigestellt, doch eine staatliche Unterstützung sollte aus Umweltschutzgründen nicht (mehr) erfolgen. Wer Kinderfreundlichkeit sucht, kann (wie die Milliardäre die offenbar die günstigsten Steuerdomizile suchen) in ein ihr/ihm entsprechendes Land auswandern.
  • Kommentar von Tim Luethi  (timluethi)
    Schweden hat eines der höchsten Steuerraten, wollen wir das?
    1. Antwort von Marco Brunner  (Gaistli)
      Lieber Herr Lüthi,

      Klar, Schweden hat eine hohe Steuerbelastung. Eine der höchsten ist aber übertrieben. Zumindest wenn man Rankings bzgl. Einkommensteuer und Sozialabgaben anschaut. Da sind Länder wie Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien und auch Belgien teils bedeutend teurer. Die Frage ist halt immer auch: Was macht der Staat mit "unserem" Steuergeld. In Schweden würde ich lieber Steuern zahlen als in vielen anderen Ländern.
    2. Antwort von Sonja Estermann  (Saphira13)
      Und trotzdem verarmen die Schweden deswegen nicht. Die Schweden gehen genau so ins Ausland Ferien machen oder sonst was wie andere Europäer auch. Gerade in Schweden oder Finnland haben viele Leute eigene Ferienhäuser auf dem Land. Auch der Lebensstandard ist in Schweden sehr hoch. Die Steuergelder kommen ja schlussendlich wieder in irgendeiner Form dem Volk zu gute.
    3. Antwort von Hanspeter Flueckiger  (Hpf)
      Nein, das wollen wir nicht. Eigenverantwortung ist gefragt, nicht staatliche Überbemutterung.
  • Kommentar von Angela Nussbaumer  (Angela N.)
    Das Modell Schweden kann es nun wirklich NICHT sein für uns Schweizer. Ich glaube kaum, dass es für uns relevant ist, wie lange man sich droben in Skandinavien bezahlten Elternurlaub leistet. Einer meiner Brüder hat 8 Jahre dort gelebt. Anfänglich war alles an der Schweiz nur noch schlecht. Als er dann Familie hatte mit seiner Schweizer Frau, verlor das schwedische Gold seinen Glanz. Da war die Schweiz dann wieder recht.
    Item. 14 Tage müssen sein. Nichts oder weniger finde ich eine Schande.
    1. Antwort von Michi Leemann  (mille)
      Geehrte Kollegin Nussbaumer:

      Doch. Ich hätte gerne das Modell Schweden. Schon nur die Lebenszufriedenheit der Schweden überzeugt mich. Nörgler und Unzufriedene gibt es immer und überall...