Weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit hat sich im ostafrikanischen Land Südsudan in den vergangenen Monaten die Sicherheitslage verschlechtert. Sigrid Lamberg ist Länderkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen für den Südsudan und weiss mehr zur Situation im Land.
SRF News: Wie steht es um den Zustand der Gesundheitsversorgung im Südsudan?
Sigrid Lamberg: Der Zustand der Gesundheitsversorgung im Südsudan ist erschreckend schlecht. Das Gesundheitssystem ist mehr oder weniger komplett abhängig von externen Geldern. Die nationale Regierung stellt kaum finanzielle Mittel zur Verfügung.
Es funktionieren nur Gesundheitseinrichtungen, die direkte Unterstützung von internationalen Organisationen haben – etwa Ärzte ohne Grenzen. Wir betreiben im Südsudan 14 bis 15 grosse Krankenhäuser und sind mehr oder weniger flächendeckend in der Grundversorgung aktiv.
Die USA haben letztes Jahr den grössten Teil ihrer Unterstützung für den Südsudan ausgesetzt. Welche Folgen hatte das?
Das ist aktuell schwer messbar, aber in allen Sektoren spürbar – etwa in der Wasserversorgung und in der Lebensmittelversorgung. Da hat zum Beispiel das Welternährungsprogramm massive Kürzungen erlitten. Routineimpfungen sind gefährdet. Die USA waren ein grosser Geldgeber und haben viel Geld in den Südsudan gepumpt.
Das Gesundheitssystem ist mehr oder weniger komplett abhängig von externen Geldern.
Aber neben den USA haben auch andere traditionelle Geberländer ihre Aktivitäten im Südsudan zurückgefahren. Auch, weil es seit der Unabhängigkeit im Südsudan trotz vieler Investitionen keine wirkliche Entwicklung gegeben hat.
Wie wirken sich die bewaffneten Konflikte auf Ihre Arbeit aus?
Unmittelbar betroffen ist die Bevölkerung in den Gebieten, wo die Kämpfe stattfinden. Der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen ist nicht gegeben. Leute müssen aus der Gegend wegziehen, weil es einfach zu gefährlich für sie geworden ist.
Wir haben letztes Jahr zwei Spitäler schliessen müssen.
Auch wir sind indirekt oder direkt in die Kriegshandlungen hineingezogen worden. Wir haben letztes Jahr zwei Spitäler schliessen müssen; ein Spital war gar bombardiert worden. In diesen Gebieten waren wir oft die einzige Institution, die die Bevölkerung gesundheitlich versorgt hat. Wenn dann eine unserer Einrichtungen schliessen muss, hat die dortige Bevölkerung keinen Zugang mehr zur Gesundheitsversorgung.
Neben Malaria grassiert im Südsudan auch Cholera. Können solche Seuchen unter diesen Umständen überhaupt bekämpft werden?
Letztes Jahr war der grösste Choleraausbruch seit langer Zeit im Südsudan. Weil die Impfkapazitäten zusammengebrochen sind, haben wir ausserdem wieder vermehrt Masernausbrüche. Kann ein Land wie der Südsudan das stemmen? Nicht ohne internationale Hilfe.
Leute haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und auch keine Möglichkeit, Latrinen aufzusuchen.
Aktuell ist es ein bisschen besser, doch die Infrastruktur ist nicht vorhanden. Leute haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und keine Latrinen, die sie aufsuchen können. Insofern könnte sich die Situation in der nächsten Regensaison wieder verschlechtern. Für die hohe Sterblichkeitsrate ist hauptsächlich Malaria verantwortlich – vor allem bei Kindern.
Kann ein Land wie der Südsudan das stemmen? Nicht ohne internationale Hilfe.
Der Südsudan ist massiv vom Klimawandel betroffen. Wir haben sehr viele Überflutungen, die monatelang stagnieren und stehen bleiben. Das ist ein Paradies für Mücken, weshalb Malaria so eine grosse Bürde für die Bevölkerung ist. Weil das Gesundheitssystem nicht funktioniert, ist auch die Verteilung der Impfstoffe fast unmöglich.
Das Gespräch führte Matthias Kündig.