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Innige Nähe statt Distanz: Der britische Gesundheitsminister geht
Aus Echo der Zeit vom 27.06.2021.
abspielen. Laufzeit 03:29 Minuten.
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Affäre in Grossbritannien Minister strauchelt über Covid-Regel – Johnson in der Kritik

Dass ein Minister den Hut nehmen muss, gehört in vielen Ländern zum politischen Alltag. Wenn der Gesundheitsminister jedoch mitten in einer Pandemie das Büro räumen muss, sind die Umstände meist aussergewöhnlich. So auch in Grossbritannien. Gesundheitsminister Matt Hancock ist gestern zurückgetreten. Nicht weil er seine Sache nicht gut gemacht hätte, sondern weil Bilder einer Überwachungskamera aus seinem Büro publik wurden.

Die Affäre fliegt auf

Die Bilder sind der Traum jeder Boulevardzeitung. Sie zeigen wie Gesundheitsminister Matt Hancock jemanden innig küsst und umarmt, der nicht seine Ehefrau ist, sondern seine engste Beraterin. Doch es war nicht die Tatsache, dass der Gesundheitsminister eine aussereheliche Beziehung pflegt, welche die Britinnen und Briten empörte. Eine Affäre ist auch in diesem Land längst keine berufliche Disqualifikation mehr, sondern für einen Minister allenfalls peinlich oder ein bisschen würdelos. Nein, in Rage brachte die Öffentlichkeit die eigenwillige Auslegung der behördlichen Verordnung über soziale Distanz. Während mehr als 400 Tagen hat diese für Leute, die nicht in der gleichen Familie leben, zwei Meter betragen. Hausbesuche ausserhalb der eigenen Familie, Umarmungen oder gar Küsse waren untersagt. Doch ausgerechnet bei jenem Mann, der diese Restriktionen verordnete, schrumpfte diese Distanz offenbar im Büro regelmässig gegen Null.

Weitere Politiker verstossen gegen die Regeln

Die Episode erinnerte viele Britinnen und Briten an den seltsamen Ausflug des engsten Beraters von Boris Johnson im vergangenen Frühling. Während ganz Grossbritannien angehalten war, zu Hause zu bleiben, reiste Dominique Cummings 300 Kilometer von London in den Nord-Osten von England. Der Ausflug blieb für ihn ohne Konsequenzen. Cummings durfte im Amt bleiben. Und bis gestern sah es danach aus, dass auch der Gesundheitsminister seine Eskapaden überleben würde. Matt Hancock habe sich für sein Verhalten entschuldigt, liess der Premierminister verlauten, der Fall sei erledigt. Die Öffentlichkeit – und selbst einige konservative Politiker – sahen dies jedoch dezidiert anders.

Covid-Regime wirft Fragen auf

Das distanzlose Gebaren des Gesundheitsministers brachte ein Fass zum Überlaufen. Seit mehr als einem Jahr durchleben Britinnen und Briten ein äusserst restriktives Covid-Regime. Kein anderes europäisches Land hat mehr Opfer zu beklagen als Grossbritannien. Grosseltern haben ihre Kinder und Enkel während Monaten nicht sehen dürfen. Und Grossbritannien wird wohl das einzige Land in Europa sein, dessen Bewohner aus Sorge vor der rasanten Ausbreitung der Delta-Variante des Virus diesen Sommer auf Ferien im Ausland verzichten müssen.

Nur einige Tage vor der Publikation der Bilder aus dem Büro des Gesundheitsministers wurde bekannt, dass der Fussballverband Uefa mit der britischen Regierung offenbar einen Kuhhandel abgeschlossen hatte. Zweieinhalb-Tausend Fussballfunktionäre und Fans dürfen im Juli ohne Quarantäne zum Halbfinal und Final nach London reisen. Wer dagegen mit mehr als 30 Gästen seine Hochzeit feiert, muss weiterhin mit einer Busse von mehr als 10'000 Franken rechnen.

Gesundheitsminister tritt zurück

Gesundheitsminister Matt Hancock hat mittlerweile eingesehen, dass er wohl jegliche Autorität verloren hat und nahm gestern den Hut. Premierminister Boris Johnson wird zwar auch diese Affäre überleben, doch wer mit solch unterschiedlichen Messlatten regiert, strapaziert auf die Dauer nicht nur die Geduld der Leute, sondern ebenso ihr Vertrauen.

Patrik Wülser

Patrik Wülser

Grossbritannien-Korrespondent, SRF

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Patrik Wülser arbeitet seit Ende 2019 in London als Grossbritannien-Korrespondent für SRF. Wülser war von 2011 bis 2017 Afrika-Korrespondent und lebte mit seiner Familie in Nairobi. Danach war er Leiter der Auslandsredaktion von Radio SRF in Bern.

Echo der Zeit, 27.06.2021, 18:00 Uhr

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Tobias Flückiger  (Töbu)
    Warum hier nicht auch Fergusons Affäre erwähnt wird, erschliesst sich mir nicht. Es gab auch in Amerika ähnliche Fälle, aber die Wiederholung eines Rücktrittsgrunds unter den einflussreichsten Personen der englischen Corona-Politik wäre doch schon erwähnenswert - auch wenn der eine ein Politiker, der andere ein Wissenschaftler und vormals politischer Berater ist. Auch Hancock gibt ja an, im Hintergrund weiterzuwirken. Ferguson scheint sowieso die Öffentlichkeit zu scheuen. Hierzulande mit Erfolg
    1. Antwort von Tobias Flückiger  (Töbu)
      Meine Vermutung ist, es könnte daran liegen, dass Ferguson ein Wissenschaftler von Übersee ist. Einige Schweizer Fachleute wurden hier schon als Personen vorgestellt, aber auch Drosten wurde z. B. verschont. Bei diesen innerhalb der Wissenschaft sehr einflussreichen Leuten scheint man die wissenschaftliche Arbeit (bei uns) in den Vordergrund zu stellen. Eigentlich ist das ja die richtige Perspektive, nur dass der Mensch doch schwer von seiner Arbeit zu trennen ist. Selbst in der Wissenschaft.
    2. Antwort von Tobias Flückiger  (Töbu)
      Um den Gedankengang noch mit den beiden Wissenschaftler-Typen abzuschliessen, exponiert sich Drosten immerhin als Mensch, wodurch er vertrauenswürdig wird, was seine Absichten angeht. Ferguson weckt extrem gemischte Gefühle, da es einerseits gut ist, sich als Wissenschaftler nur mit einiger Zurückhaltung in politische Debatten einzumischen. Andererseits habe ich unwillkürlich Mitleid angesichts des Hasses, der ihm in seiner Heimat entgegenschlägt, aber auch der eigenen Angst vor seinem Genie.