Zum Inhalt springen

Header

Audio
Brisante Dokumente zum Krieg in Afghanistan aufgetaucht
Aus SRF 4 News aktuell vom 10.12.2019.
abspielen. Laufzeit 04:50 Minuten.
Inhalt

«Afghanistan Papers» Blossgestellte Kriegsmacht USA

Die Enthüllungen könnten den Truppenabzug beschleunigen. Das Ansehen der US-Armee ist schwer beschädigt.

«Beendet den Krieg, jetzt!», sagte der populäre Moderator Chris Hayes beim linkslastigen TV-Sender MSNBC. Es ist eine Reaktion auf die «Afghanistan Papers», die ein desolates Bild der amerikanischen Mission am Hindukusch zeichnen. Konservative Kommentatoren sind für einmal einig mit Hayes.

Dass es nicht läuft wie gewünscht in Afghanistan, ist nicht neu. Eigentlich sollte der Auftrag ja längst erfüllt sein. Der Einsatz werde vielleicht ein paar Monate oder auch zwei Jahre dauern, sagte der damalige Präsident George W. Bush. Das war vor achtzehn Jahren. Die USA kommen nicht vom Fleck und suchen einen raschen Ausweg, soviel war längst klar.

Kriegsmüde USA

Doch die Enthüllungen der Washington Post beschreiben ein Versagen auf der ganzen Linie – und systematische Bestrebungen, den Ernst der Lage zu vertuschen. Die meisten in den Dokumenten zitierten Personen waren davon ausgegangen, dass ihre Aussagen nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Sie sprachen deshalb bei der internen Untersuchung offen und direkt. Das verleiht den nun veröffentlichten «Afghanistan Papers» eine unverfälschte Wucht.

Die US-Bevölkerung ist ohnehin längst kriegsmüde. Trumps «America First»-Doktrin ist populär. Warum sollen amerikanische Frauen und Männer ihr Leben in Afghanistan lassen – diese Frage wird jetzt noch lauter gestellt als zuvor. Ohne klare Strategie hätten die USA planlos Milliarden verschleudert und tausende Menschenleben geopfert, so die ernüchternde Botschaft der Dokumente.

Unfähige afghanische Truppen

Das stärkt zum einen Trumps Argumente für einen baldigen Truppenabzug. Von links bis rechts steigt der Druck, nicht noch mehr amerikanische Menschenleben aufs Spiel zu setzen – für einen Krieg, bei dem so vieles schief läuft. Doch die Enthüllungen schwächen auch Trumps Verhandlungsposition gegenüber den Taliban. Mit einer derart diskreditierten US-Mission lässt sich nur schwer eine Drohkulisse für Verhandlungen aufbauen.

Eigentlich sollten längst die afghanischen Armee- und Polizeitruppen für Ordnung im Land sorgen. Milliarden hatten die USA in deren Aufbau investiert. Doch Angehörige der US-Armee bezeichnen diese Truppen in den «Afghanistan Papers» als «miserabel». Viele seien entweder drogenabhängig, korrupt, oder sie gehörten zu den Taliban. Zugleich zeichnete die US-Armeeführung in der Öffentlichkeit das ungetrübte Bild effizienter und erfolgreicher afghanischer Truppen.

Mit unermüdlicher Hartnäckigkeit hat Journalist Craig Whitlock jahrelang für die Veröffentlichung der Dokumente gekämpft. Seine Artikel in der Washington Post wirken ähnlich entblössend wie die so genannten «Pentagon Papers», die in den 70er-Jahren die tatsächliche Misere des Vietnamkrieges öffentlich machten. Die Enthüllungen trugen damals zum Rückzug der USA aus Vietnam bei – nicht ausgeschlossen, dass die «Afghanistan Papers» eine ähnliche Wirkung haben werden.

Thomas von Grünigen

Thomas von Grünigen

USA-Korrespondent, SRF

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Thomas von Grünigen ist seit Januar 2015 SRF-Korrespondent in New York. Zuvor arbeitete er in der «Rundschau»-Redaktion von SRF. Seine ersten Schritte im Journalismus machte er beim US-Sender ABC News und beim Lokalsender TeleBärn. Er hat an den Universitäten Freiburg und Bern sowie an der American University in Washington DC Medienwissenschaft, Journalistik und Anglistik studiert.

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

30 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Werner Winzeler  (Wernher)
    All diese Desaster gründen stets an der Selbstüberschätzung der Regierenden. Stärkstes Beispiel war die Aussage des G.W. Bush zum Irakkrieg: er versprach einen "chrurgisch präziesen" Einsatz der nur "ein paar Wochen" dauern würde. Selbstüberschätzung ist nicht nur ein Amerikanisches Phänomen. Es grassiert rund um den Erdball - von den höchsten Gremien bis hinuter auf die lokale politische Ebene. So hat Frau Merkel auch einmal gesagt "wir schaffen das".
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von M. Berger  (Mila)
    Mich wundert, dass die Leute sich wundern über die USA!
    Seit der Nachkriegszeit wurde die Bevölkerung des ganzen Westblocks mit gezielter Falschpropaganda aus den USA etc. darauf trainiert, im kommunistischen Osten das Böse zu sehen.
    Diese Hirnwäsche hält bis heute an. Seit Stalin tot ist (1952) hat sich Vieles allmählich geändert. Mit Gorbatschov und der Öffnung ist die Situation radikal anders. Trotzdem wurde/wird weiter auf Russland gebasht.
    Typisches "auf-dem-einen-Auge-blind-Syndrom.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Sebastian Mallmann  (mallmann)
    Wer sich die Vorgeschichte und die Ereignisse zu Beginn des Afghanistankriegs 2001 noch einmal vergegenwärtigen will, dem empfehle ich das Interview im Deutschlandfunk mit M. Chossudovsky (vom 29.03.13). Dieser nennt interessante Details und Zusammenhänge rund um die Ereignisse vor der Intervention, abseits der Verlautbarungen der amerikanischen Regierung. Titel: "Frieden in Afghanistan - Die Grenzen des Militärischen".
    Ablehnen den Kommentar ablehnen