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Afghanistan unter Taliban «Kommunikation ist der einzige Weg, um Projekte weiterzuführen»

Hilfswerke in Afghanistan sind seit der Machtübernahme der Taliban mit täglichen Herausforderungen konfrontiert. So werden Häuser kontrolliert oder Mitarbeiter bedroht. Michael Kunz, Präsident der «Afghanistanhilfe», beschreibt die Lage vor Ort.

Michael Kunz

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Michael Kunz setzt sich seit rund zehn Jahren für die Afghanistanhilfe ein. Seit 2013 ist er Präsident des Hilfswerks. Er setzt sich insbesondere für die Finanzierung der Hilfeleistung ein und führt die Kommunikation mit den lokalen Projektpartnern. Nebst der Kontrolle der laufenden Projekte ist ihm insbesondere das Gespräch mit der lokalen Bevölkerung wichtig, um die Hilfeleistungen auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort abzustimmen. Mit seiner Partnerin und seinen beiden Töchtern wohnt er in Schaffhausen.

SRF News: Wie funktioniert Ihr Hilfswerk unter der Talibanregierung?

Michael Kunz: Im Bereich Gesundheit haben die Taliban versichert, dass es zu keinen Änderungen kommen wird. Möglicherweise dürfen Patientinnen nur noch von weiblichem Personal behandelt werden. Doch ich bin überzeugt, dass auch Frauen weiter als Gesundheitspersonal arbeiten dürfen.

Im Bildungsbereich gilt die Regel, dass Mädchen nur noch bis zur sechsten Klasse in die Schule gehen dürfen. Doch dies wird nicht in allen Provinzen gleich umgesetzt: In Zentralafghanistan, wo sich die ethnische Minderheit Hazara befindet, wird das Schulverbot strikt umgesetzt. Wohingegen mir Projektpartner für Schulen im Paschtunen-Gebiet bestätigt haben, dass die Mädchen dort zurzeit die Schule bis zum obligatorischen 9. Schuljahr besuchen dürfen.

Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten

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Die zwei wichtigsten Strömungen des Islams sind das Sunniten- und Schiitentum. Von allen Muslimen weltweit sind schätzungsweise 85 bis 90 Prozent Sunniten, zu denen auch die Taliban gehören. Sunnitische Muslime werden auch Paschtunen genannt, welche nach dem stark orthodoxen Ehrenkodex, dem Paschtunwali, leben.

Aus der Geschichte Afghanistans haben Paschtunen den Führungsanspruch über das Land gefordert. Die Hazara-Ethnie war schon immer eine Minderheit, welche zu den Schiiten gehört. Menschen der Hazara-Minderheit haben mongolische Züge und sprechen Dari und kein Paschtu. Die Frauen dieser Ethnie haben viel mehr Freiheiten und Rechte, was den Taliban zusätzlich ein Dorn im Auge ist.

Sobald die Talibanregierung steht, gehe ich davon aus, dass Mädchen die Schule bis zur 9. oder eventuell sogar bis zur 12. Klasse besuchen dürfen, sofern ein getrennter Schulunterricht von Jungen gewährleistet ist.

Legende: Wegen des Schulverbots für Mädchen gehen sehr wenige zur Schule. Afghanistanhilfe

Ist die Situation vor Ort tatsächlich so schlimm, wie es bei uns im Westen ankommt?

Das ist sehr individuell. Angehörige der Hazara werden stark diskriminiert von den Taliban. Dies betrifft unter anderem auch Mitarbeiter der Hazara von unseren lokalen Partnerorganisationen. Da gibt es Vorfälle, Drohungen und Einladungen von Mitarbeitern, die sich bei den Taliban melden müssen.

Taliban bestimmen offene Posten der Hilfswerke

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Gemäss Kunz stellen Diskriminierungen der Hazara-Minderheit auch das Hilfswerk vor tägliche Herausforderungen, da viele Menschen dieser Ethnie bei ihren Partnerorganisationen arbeiten.

Erst kürzlich habe eine Mitarbeiterin einer Gesundheitseinrichtung in der Provinz Daikuni aus persönlichen Gründen die Stelle aufgegeben. Das Hilfswerk habe eine neue Person gesucht, eine Hebamme, wobei offene Stellen stets ausgeschrieben werden.

Das Gesundheitsministerium der Provinz habe dann entschieden, dass sie neu die offenen Posten in den Projekten der Hilfswerke besetzt. Dies sei für ein Hilfswerk schwierig zu akzeptieren, da diese Person dann jemand ist, der den Taliban sehr nahesteht und nicht der Ethnie dieser Region angehöre.

Kunz hofft, dass dies ein Einzelfall war und nicht zur gängigen Praxis werde. Denn es sei für die Sicherheit der gebärenden Frauen in ihren Gesundheitseinrichtungen zentral, dass weiterhin das Hilfswerk die offenen Posten belegen darf, da sie verantwortlich für die Frauen sind.

Die einen gehen das Risiko ein und werden bei den Taliban vorstellig, andere flüchten aus Angst. Die Angst ist gross, auch aus der Erfahrung, was ihnen bei der letzten Regierungsherrschaft der Taliban widerfahren ist.

Kürzlich kursierten Meldungen, dass Mädchen ab zwölf Jahren entführt und versklavt werden. Da wir diese nicht verifizieren konnten, versteckten wir alle Mädchen ab diesem Alter aus unseren Waisenhäusern in Privathaushalte.

Wir haben zwar Schutzbriefe als Zusicherung der Taliban erhalten, dass unserem Personal nichts passieren wird. Trotzdem passieren schlimme Dinge, sodass wir uns nicht darauf verlassen können. Kürzlich kursierten Meldungen, dass Mädchen ab zwölf Jahren entführt und versklavt werden. Da wir diese nicht verifizieren konnten, versteckten wir alle Mädchen ab diesem Alter aus unseren Waisenhäusern in Privathaushalte.

Video
Aus dem Archiv: Feuer im Dach bei den Taliban
Aus Tagesschau vom 15.09.2021.
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Was ist das Problem für die Taliban bei den Waisenhäusern?

Der erste Vorwurf der Taliban war, dass wir missionieren würden. Dies konnte schnell widerlegt werden. Als Nächstes waren sie nicht einverstanden, dass wir mit den Mädchen anders umgehen, als es ihre Bräuche vorsehen. Bei uns dürfen die Waisenkinder viel Sport betreiben, was für die Mädchen verboten ist. Wir unterstützen die Kinder mit zusätzlichen Bildungsangeboten, damit sie einen Vorsprung gegenüber den Kindern mit Eltern haben, da sie ab dem 18. Lebensjahr für sich selbst sorgen müssen.

Wir erziehen besonders die Mädchen als selbstbewusste Individuen. Das passt den Taliban grundsätzlich nicht.

Wir erziehen besonders die Mädchen als selbstbewusste Individuen. Das sind tolle Mädchen mit grossen Träumen. Das passt den Taliban grundsätzlich nicht, da wir die Mädchen in ihren Augen «verwestlichen». Auch hier vermute ich, dass es auch damit zu tun hat, dass die Mädchen mehrheitlich aus der Hazara-Ethnie stammen.

Legende: Kinder aus einer Schule der «Afghanistanhilfe» in Zentralafghanistan. Afghanistanhilfe

Was ist momentan die grösste Herausforderung für das Hilfswerk?

In der Zusammenarbeit der Partnerorganisationen mit der Regierung gibt es neu grosse Unterschiede. Früher sassen studierte Persönlichkeiten in den Ministerien. Heute besetzen Männer diese Posten, die oft keine Ahnung haben und womöglich nie zur Schule gegangen sind. Die sagen unseren Mitarbeitern: «Lern zuerst Paschtu, damit du mich verstehst.» Mit solchen Menschen zusammenzuarbeiten, ist schwierig. Trotzdem ist die Kommunikation mit der Talibanregierung aus meiner Sicht der einzige Weg, damit wir unsere Projekte in dieser Form durchführen können.

Das Gespräch führte Saya Bausch.

Die Hauptprojekte des Hilfswerks

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Legende: Afghanistanhilfe

Die «Afghanistanhilfe» ist seit über 30 Jahren tätig in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Nothilfe und Armutsbekämpfung. Mithilfe dreier lokaler Projektpartner werden Projekte in fünf afghanischen Provinzen umgesetzt.

Im Bereich Bildung engagiert sich das Hilfswerk beim Bau von Bildungseinrichtungen, mit Fokus auf Mädchenschulen. Im Gesundheitsbereich werden Gesundheitseinrichtungen aufgebaut, insbesondere in abgelegenen Ortschaften, um eine Basis-Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. Diese versorgen rund 100'000 Patientinnen und Patienten pro Jahr.

Daneben betreibt die «Afghanistanhilfe» drei Waisenhäuser mit rund 200 Waisen und Halbwaisen in zwei verschiedenen Provinzen.

Echo der Zeit, 18.09.2021, 18:00 Uhr;

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Christa Wüstner  (Saleve2)
    Im Gespräch bleiben ist der einzige Weg, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Aber das
    Bedeutet auch, ihnen klar zu verstehen zu geben, die Einmischung in die Hilfswerke
    nicht zu tolerieren. Sie versuchen Einfluss zu gewinnen über die Verteilung, wer
    unterstützt werden darf. Und das müsste sofort unterbunden werden. Die Frage aber
    wie ? Ist bereits schon kaum noch beantwortbar.
  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Ginge es nicht um die Zivilbevölkerung, vorwiegend um Mädchen und Frauen, wäre der Entscheid das Land zu verlassen wohl ziemlich einfach.
    1. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      Das wäre der einzig richtige Weg , aber nicht begehbar