Ein Treppengeländer hinunterrutschen, auf einem Mäuerchen balancieren oder sich zwischen eng stehenden Bäumen hindurchzwängen: Das haben viele Erwachsene zuletzt als Kind gemacht. Ob sie es heute noch könnten? «Es geht schneller als man denkt, und plötzlich hat man es verlernt», sagt die 61-jährige Maria Ringsén aus Boras in Schweden.
Mit dem richtigen Blick wird jedes noch so kleine Hindernis zur Trainingsgelegenheit.
Sie spricht aus eigener Erfahrung. Heute macht sie all das wieder – alleine oder zusammen mit anderen. In Schweden ist sie bekannt als die Erfinderin des «Tanten-Parkours», der landesweit Nachahmerinnen gefunden hat.
Hindernisse für alle
«Ich stand bei einer Wanderung plötzlich vor einem Bach und traute mich nicht, darüber zu springen.» Ringsén erzählt, wie sie eine tiefe Blockade in sich gespürt habe. «Da beschloss ich, etwas dagegen zu unternehmen.»
Sie fand die Lösung in ihrer nächsten Umgebung, dem Trottoir vor dem Haus, dem Park nebenan. «Mit dem richtigen Blick wird jedes noch so kleine Hindernis zur Trainingsgelegenheit.» Auf Steinen kann man das Gleichgewicht üben, über die Parkbank drüberklettern, beim Veloständer hindurchsteigen oder an einem Zaun einen kleinen Klimmzug wagen.
Das Wichtigste sei, dass man jeden Tag etwas mache, sei es auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkauf.
Selbstironie gehört dazu
Gemacht haben das schon andere vor ihr, doch Maria Ringsén hat der Aktivität einen knackigen Namen gegeben – «Tantparkour». Das Schwedische «Tant» steht dabei für «ältere Dame» oder eben «Tante». Zusammen mit dem sportlichen «Parkour» – einem Hindernislauf im städtischen Terrain – sei der Kontrast perfekt.
«Es klingt fast etwas albern und ist gleichzeitig wohlwollend.» Die Selbstironie ist für Ringsén Programm: «Wenn ich als ältere Frau im Park herumturne, dann muss es für andere Leute doch lustig aussehen. Ja klar! Ich mache ‹Tanten-Parkour›! Das gehört dazu!»
Es geht darum, sich selbstbewusst draussen bewegen zu können, neugierig zu sein und spielerisch durchs Leben zu gehen.
Maria Ringsén, die eigentlich Musiklehrerin ist, erzählte Kollegen davon. Bald wollten Zeitungen, Radio und Fernsehen darüber berichten. Das Interesse war riesig. 2023 wurde «Tantparkour» in Schweden zur Wortschöpfung des Jahres gekürt.
Inzwischen hat Ringsén auf Instagram über 50’000 Follower. Eine schwedische Universität hat die Aktivität gar wissenschaftlich auf den Effekt untersucht, Altersstereotypen zu überwinden. «Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich damit Normen breche oder nicht», sagt Ringsén.
«Aber wenn eine Studie sagt, dass ältere Frauen damit mehr Raum einnehmen und sichtbarer werden, dann stimmt das, und das ist gut so!»
Länger leben
Altersforscherin Heike Bischoff-Ferrari von der Universität Basel und der Universitären Altersmedizin «Felix Platter» kann der Idee nur Gutes abgewinnen. «Der ‹Tanten-Parkour› trainiert wichtige physische Elemente wie Beweglichkeit, Koordination, Kraft und Ausdauer», sagt sie.
Gleichzeitig sei er aber auch psychologisch wertvoll: «Es geht darum, sich selbstbewusst draussen bewegen zu können, neugierig zu sein und spielerisch durchs Leben zu gehen.»
Dass beim gemeinsamen «Tantparkour» viel gelacht werde, sei auch sozial wichtig. «Es kommt hier sehr vieles zusammen, was die Forschung heute belegt: dass es zu einer gesunden Lebenserwartung beiträgt», so Bischoff-Ferrari. Das gelte für Frauen und Männer.
Der «Tanten-Parkour» habe damit das Zeug dazu, das Leben zu verlängern.