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Legende: Video Der lange Schatten des Krieges in Mossul abspielen. Laufzeit 08:22 Minuten.
Aus 10vor10 vom 07.06.2019.
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Alles andere als besiegt Die Rache des IS

Im Nordirak ist der IS trotz seiner militärischen Niederlage bereits wieder aktiv. Er bedroht Bauern und zündet Felder an.

Die Handybilder sind verwackelt. Doch die Figuren, die sich weit entfernt im unwegsamen Geröll bewegen, sind deutlich erkennbar. «Der IS versteckt sich vor allem in den Karaschogh-Bergen, zwischen Erbil und Kirkuk. Sie sind auf beiden Seiten des Gebirges. Tagsüber verstecken sie sich, in der Nacht kommen sie hervor.»

Saeed Hazhar ist Brigadegeneral der Peschmerga, der Armee der Kurden im Irak. Die Bilder stammen von Bewohnern der Dörfer rund um das Karaschogh-Gebirge.

Legende: Video Saeed Hazhar, Brigadegeneral der Peschmerga: «Der IS bewegt sich in aller Offenheit» abspielen. Laufzeit 01:02 Minuten.
Aus 10vor10 vom 07.06.2019.

In 27 Dörfern seien die IS-Kämpfer gesichtet worden, berichtet der kurdische Fernsehsender Rudaw. Der Brigadegeneral bestätigt das. «Die Leute des IS gehen offen herum und verlangen von den Dorfbewohnern Steuern. Falls diese nicht zahlen, zünden sie ihre Felder an.»

Der IS ist alles andere als besiegt. Es gibt viele Schläferzellen.
Autor: Saeed HazharBrigadegeneral der Peschmerga

Es ist die Rache des IS. Rund 1000 Quadratkilometer Ackerland sind im Irak alleine im Mai verbrannt. Für die Mehrzahl der Feuer soll der IS verantwortlich sein. «Der IS ist alles andere als besiegt. Es gibt viele Schläferzellen. Die warten nur auf den richtigen Moment, um wieder aus ihren Verstecken hervorzukriechen.»

Profiteure im Niemandsland

Dort, wo Kurden und die Zentralregierung in Bagdad um die Herrschaft streiten, bewegt sich der IS schon wieder fast so offen wie vor 2014. Vor allem rund um die Stadt Kirkuk hat der Streit zwischen der Zentralregierung in Bagdad und der Kurdenregierung in Erbil zu einem Machtvakuum geführt, das der IS gerne ausnutzt.

Brennende Felder im Nordirak und in Syrien
Legende: Seit Anfang Mai brennen im Nordirak und Syrien viele Felder. Mit dem Getreide, das abgebrannt ist, hätte man eine Stadt so gross wie Bern ein Jahr lang mit Brot versorgen können. Keystone

«Der IS wird nur zu besiegen sein, wenn sich all die politischen Führer im Irak endlich zusammenraufen und wirklich für den Irak und die Iraker arbeiten. Nur wenn jeder für das Wohl des Landes kämpft und aufhört, für sein eigenes Wohl zu kämpfen, kann der IS wirklich besiegt werden.» Aber da hat Saeed Hazhar, der kurdische Brigadegeneral, wenig Hoffnung.

Dass der IS oder eine wie auch immer genannte Nachfolge-Organisation wieder gefährlich werden kann, weiss auch der irakische Gegenpart von Brigadegeneral Hazhar.

Legende: Video Irakischer Generalmajor Najim Abed al-Jabouri: «In Mossul gibt es unzählige Familien ohne Hoffnung auf ein besseres Leben» abspielen. Laufzeit 00:55 Minuten.
Aus 10vor10 vom 07.06.2019.

Generalmajor Najim Abed al-Jabouri sitzt in einem grossen Büro in einem Nebengebäude des früheren Palastes von Saddam Hussein in Mossul. Die Toilette nebenan ist vergoldet. Sie stand schon hier, als wir vor zwei Jahren in diesem Raum sassen. Damals hatten die Truppen von al-Jabouri gerade Mossul vom IS befreit.

Keine Arbeit, kein Einkommen. Das öffnet exakt jene Kluft, durch die der IS zurückkehren kann.
Autor: Najim Abed al-JabouriGeneralmajor Irakische Armee

Und der Generalmajor weiss nur zu gut, dass genau diese Toilette sinnbildlich ist für die Probleme im Irak. «In Mossul gibt es unzählige Familien – unzählige Familien! – ohne Hoffnung auf ein besseres Leben. Familien ohne Arbeit, ohne Einkommen. Das ist langfristig äusserst gefährlich. Denn das öffnet exakt jene Kluft, durch die ein IS oder jede andere schlechtgesinnte Organisation zurückkehren kann.»

Brücken bauen in Mossul

Der Generalmajor war seit dem Beginn der Offensive gegen den IS Oberkommandierender der gesamten sogenannten «Ninive-Operation» der irakischen Armee, der Operation zur Rückeroberung der Provinz Ninive und Mossuls vom IS.

Jetzt bereitet er sich auf seinen Abschied vor, es sind seine letzten Tage als Kommandant. «Wir wissen sehr genau: Einer der Gründe, weshalb der IS 2014 Mossul so leicht erobern konnte, war die schlechte Beziehung zwischen der Bevölkerung und den Sicherheitskräften. Ich habe sehr hart dafür gearbeitet, dies zu ändern.» Zum Beweis nimmt uns al-Jabouri mit in die Stadt.

Mossul
Legende: Die Schlacht um Mossul endete im Juli 2017. Sie dauerte 9 Monate, forderte rund 10'000 Menschenleben und legte die Stadt fast komplett in Trümmer. SRF

Demonstrativ verzichtet er auf das gepanzerte Fahrzeug und setzt sich in einen ungeschützten Geländewagen. Die schwerbewaffneten Begleittruppen schickt er in den Hintergrund. «Ob es irgendwo sicher ist, das hängt nicht von den Sicherheitskräften ab. Das hängt von der Bevölkerung ab.» Diese begrüsst den Generalmajor ausnahmslos freundlich, als er durch den Markt schlendert.

Legende: Video Generalmajor al-Jabhouri weiss, dass er der Bevölkerung in Mossul nicht helfen kann. abspielen. Laufzeit 02:13 Minuten.
Aus 10vor10 vom 07.06.2019.

Ein Junge stürzt heran. «Der IS hat meinen Vater entführt!» «Wo war das?» «In Wahda, General.» «Wie viele Geschwister hast Du?» «Vier.» «Wer hilft Dir?» «Mein Onkel.» «Arbeitest Du bei ihm?» «Ja, er ist Schmid.» Der Generalmajor weiss, dass er nicht helfen kann. Aber er versucht der Bevölkerung wenigstens das Gefühl zu vermitteln, dass er sich kümmert.

«Ich diskutiere dies andauernd, mit der Regierung in Bagdad, mit den lokalen Behörden: Wir müssen das Leben der Menschen hier verbessern. Aber bis heute haben wir nicht genügend grosse Schritte in diese Richtung gesehen.»

Die Gefahr in den Lagern

Die noch grössere Gefahr aber liegt für al-Jabhouri in den Lagern. «Wir haben immer noch viele IS-Familien in den Lagern. Deren Leben müssen wir ändern. Denn dort werden gerade die neuen irakischen Taliban geboren!» Diese Situation sei nebst der darbenden Wirtschaft die grösste Gefahr für die Zukunft.

In den Lagern werden gerade die neuen irakischen Taliban geboren.
Autor: Najim Abed al-JabouriGeneralmajor Irakische Armee

«In den Lagern leben Kinder. Diese werden ihre Mütter fragen: Wer hat meinen Vater getötet? Und die Mütter werden antworten: Die Ungläubigen haben deinen Vater getötet. Und die Kinder werden dieselbe Frage in der Schule stellen, falls sie denn so etwas wie Schule haben in den Lagern, und die Lehrer werden die gleiche Antwort geben wie die Mütter. Das ist sehr gefährlich. Deshalb müssen wir dieses gesamte Umfeld komplett verändern.»

Der Irak, das macht al-Jabouri deutlich, ist mit dieser Aufgabe allein überfordert.

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Achim Frill  (Afri)
    Ich weigere mich die Theorie zu akzeptieren, dass immer bloss Armut sowie Arbeits- u. Perspektivenlosigkeit zu solchen Problemen führt. Es gibt viele bettelarme Gegenden auf der Welt, da herrscht auch bittere Armut. Trotzdem werden die Menschen dort nicht zu mordenden Monstern. Vielleicht kleinkriminell, ja, um zu überleben. Aber nicht zu solch menschenverachtenden Tieren. Nein, es ist hauptsächlich der Islam, der die anderen als ungläubig einstuft und aus seinen "Gläubigen" wahre Teufel macht.
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    1. Antwort von Simon Weber  (Weberson)
      @Achim Frill: Religionen können Menschen sehr verblenden, da muss ich Ihnen recht geben. Aber in punkto Grausamkeit stehen die lateinamerikanischen Drogengangs und Menschenschmuggler dem IS in nichts nach. Brutale Vergewaltigungen sind in Indien an der Tagesordnung. Auch die LRA ist für ihre unglaubliche Brutalität bekannt. Und zwischendurch dreht auch ein Christ aus einem Industriestaat durch (Schweden, Neuseeland...)
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    2. Antwort von Steff Stemmer  (Steff)
      @Frill, so eine Aussage kann man nur machen aus dem bequemen Sofa heraus, mit einer Abneigung (um nicht Hass zu sagen) gegen den Islam und nicht zuletzt unter Ausblendung der Tatsachen.
      Im Mittelalter zogen sehr viele Eidgenossen für andere in den Krieg (Söldner), da sie keine Perspektive hatten, sich oder ihre Familien zu ernähren! In der Hoffnung nach Plünderungen reich nach Hause zu kommen. Es war so absurd, dass sich sogar Männer aus dem gleichen Dorf gegenüberstanden (Dokumentiert)!
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    3. Antwort von Walter Matzler  (wmatz)
      Herr Stemmer, vor zweitausend Jahren haben die Römer, noch etwas früher die Griechen, die Ägypter, die Perser usw. Was hat das mit der heutigen Welt zu tun? Wir haben uns mit den gegenwärtigen Problemen auseinander zu setzen. Ein Verbrechen kann nicht mit irgendwelchen Ungerechtigkeiten aus früheren Zeiten entschuldigt werden. Aus der Geschichte sollen wir Lehren, aber nicht entschuldigen.
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  • Kommentar von Harald Buchmann  (Harald_Buchmann)
    Wie sagte Saddam Hussein als die USA völkerrechtswidrig den Iran zu bombardieren begannen? “Das wird die Mutter aller Kriege“ Bald 20 Jahre später ist immer noch Krieg. Nur dank Iran und Russland wird der Nachbar Syrien jetzt langsam wieder stabil. Wenn die USA jetzt noch den Iran angreifen, dann werden Flüchtlingswellen auf uns zu kommen, da war das Bisherige noch gar nichts im Vergleich.
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    1. Antwort von Reto Blatter  (against mainstream)
      Sie meinen den Saddam, der nach den Terroranschlägen von 9/11 öffentlich applaudierte und den Terroristen zum Erfolg gratuliert hatte. Oder meinen sie den Saddam der sein eigenes Volk vergaste?
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  • Kommentar von Simon Weber  (Weberson)
    Ein sehr guter Bericht. Man kann die IS nicht einfach mit Bomben und Gewehrsalven besiegen. Man bewirkt damit vielfach genau das Gegenteil. Dies ist auch gut im Jemen zu sehen. Wo die Bevölkerung leidet und die Jugend ohne Perspektive ist - dies wegen verbombten Krankenhäuser und Schulen. Ein optimaler Nährboden für Extremismus. Es gibt nur den Weg der Zusammenarbeit und der Hilfe zur Selbsthilfe von allen, um die Situation im nahen Osten zu verbessern - aber das sehen leider einige anders..
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    1. Antwort von Harald Buchmann  (Harald_Buchmann)
      Und sie bereiten gegen Iran schon den nächsten Krieg vor.
      Gute Alternative bietet China, welches mit Saudi-Arabien, Israel und Iran je beste Beziehungen hat, und mit Belt and Road eine Vision bietet, wie sich der Nahe Osten jenseits von religiösem Fanatismus entwickeln könnte.
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