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Angela Merkel in Chemnitz Endlich kam sie

Die Kanzlerin wollte den Sturm aussitzen. Nun aber sprach sie. Doch die Wut wird bleiben – nicht nur jene der Rechten.

Legende: Video Auslandredaktorin Bettina Ramseier: «Für viele kommt Merkels Besuch zu spät» abspielen. Laufzeit 00:18 Minuten.
Aus Tagesschau vom 16.11.2018.

Es war ruhig geworden um Chemnitz. Viele Wochen hörte man kaum mehr etwas aus der Stadt, die es noch vor kurzem nicht aus den Negativschlagzeilen geschafft hatte. Heute, fast drei Monate nach den Ereignissen im Spätsommer, als Chemnitz sein hässlichstes Gesicht gezeigt hatte, kam sie endlich, Angela Merkel.

Das ganze Land, ja die ganze Welt hatte mit dem Finger auf die Kleinstadt im Osten Deutschlands gezeigt, wo Ausländer und jüdische Bürger angegriffen wurden und der rechte Mob offen Naziparolen skandierte. Ein Verfassungsschutz-Präsident, der hinter allem eine linksextreme Verschwörung witterte, brachte gar die deutsche Regierung an den Rand des Zusammenbruchs.

Sie lässt Stürme vorbei ziehen

Steinmeier, Giffey, Özdemir, Gysi – alle kamen sie danach, um ein Zeichen gegen Hass zu setzen. Und Angela Merkel? Hielt sich zurück. Verurteilte die Ausschreitungen zwar, blieb dem Ort des Geschehens aber fern. Eine Einladung der Chemnitzer Oberbürgermeisterin liess sie zwei Monate lang ruhen.

Merkel liess Gras über die Sache wachsen – ganz, wie man es sich von ihr gewohnt ist. Blinder Aktivismus ist nicht Merkels Sache, genauso wenig wie kurzentschlossenes oder proaktives Handeln. Sie lässt Stürme gerne vorbeiziehen, bevor sie sich aus der Deckung begibt, und hat so schon manches politische Unwetter weitgehend unbeschadet überstanden.

Kein Merkel-Problem

In Chemnitz nehmen ihr das viele übel. Zu lange habe es gedauert, bis Merkel die Stadt besuchte. Die ersehnte Solidarität der Kanzlerin war ausgeblieben. Vor allem die fortschrittlichen, aufgeschlossenen Menschen in Chemnitz hätten sich mehr Unterstützung in dieser dunklen Stunde gewünscht – verständlicherweise.

Doch seither ist etwas Entscheidendes passiert: Die Kanzlerin hat ihren Abgang eingeleitet. Das nimmt Kritikern, die auch heute wieder laut fordern «Merkel muss weg», den Wind aus den Segeln.

Und so wird offensichtlich, dass der Unmut vieler Menschen – gerade im Osten – kein eigentliches Merkel-Problem ist. Viele hier fühlen sich von der Gesellschaft abgehängt. Und dieses Problem wird bleiben.

Bettina Ramseier

Bettina Ramseier

Deutschland-Korrespondentin, SRF

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Bettina Ramseier ist SRF-Korrespondentin in Berlin. Sie ist seit 15 Jahren TV-Journalistin: Zuerst bei TeleZüri, danach als Wirtschaftsredaktorin bei SRF für «ECO», die «Tagesschau» und «10vor10».

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Amthauer (Peter.A)
    Ich fand Frau Merkels Auftritt in Chemnitz befremdlich. Er erinnerte mich an die aalglatten SED-Auftritte, auf denen immer gelächelt und gewunken wurde, als gäbe es keine Alternative. MfG
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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Wenn in Deutschland 40 megareiche Menschen insgesamt vermögender, wohlhabender, einflussreicher sind als 40 Millionen ärmere Menschen, dann sollte die vage Kanzlerin bei diesem eminent wichtigen, vorrangigen Thema schon eine Lösung parat haben.Merkel leitet D und die EU weiterhin auf Sicht, hat keine Vorstellungen/Ideen, wie sich D entwickeln soll und wird D in einem schlechten Zustand (Strassen, Schulen, Sicherheitsgefühl der Bevölkerung.
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  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Aussitzen hat die Dame von ihrem Vorgänger gelernt - nun hat es sich ausgesessen . Dieses Verhalten nenne ich Verwalten von schlechtem Gewissen . Nach eigenen Angaben war Merkel dort früher als Kulturreferentin tätig. Zeitzeugen, die der Merkel-Biograf Gerd Langguth befragt hat, sprachen davon, sie sei für „Agitation und Propaganda“ zuständig gewesen. ( Quelle : Wikipedia ) Auch ein guter Grund alles Vergessen zu machen . Ein Unfall der Deutschen Politik ?
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