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Angriff aus dem Iran Kurden im Nordirak machen sich Sorgen

Iranische Revolutionsgarden haben vor einer Woche die Stadt Koya in der Kurdenregion im Nordirak bombardiert. Ein Augenschein vor Ort.

Legende: Audio Angriff auf die Kurden im Nordirak abspielen. Laufzeit 07:45 Minuten.
07:45 min, aus Rendez-vous vom 14.09.2018.

Ein Peshmerga-Kämpfer warnt seinen Chef vor Metallsplittern im Gras. «Die Splitter sind überall», sagt Loghman Ahmedi. Er ist Vorstandsmitglied der iranisch-kurdischen Partei KDP-I im Nordirak. Er war in seinem Büro, als eine Rakete etwa 100 Meter davor einschlug.

Die Wucht der Explosion habe ihn und seinen Kollegen an die Wand geschleudert, aber sie seien mit leichten Verletzungen davongekommen. Er zeigt auf den Krater zwischen den Bürogebäuden. Hier schlug eine der insgesamt vier Raketen ein.

Ein Krater im Boden
Legende: Ein Krater, der eine iranische Boden-Bodenrakete in ein Gelände der iranischen Partei KDP-I gerissen hat, in der Nähe der nordirakischen Stadt Koya. SRF/Nawzad Kareem

Etwa fünf Meter breit und drei Meter tief ist das Loch, in das sich die Rakete beim Aufschlag in den Boden gebohrt hat. Das Gras drumherum ist verbrannt. Metalltüren liegen herum – die Wucht hat sie aus den Gebäuden gesprengt.

Anzahl Todesopfer könnte noch steigen

Die herumfliegenden Metallsplitter haben zwei Peshmerga-Kämpfer, die Wache standen, auf der Stelle getötet. Die Metallsplitter sind teilweise so gross wie Teller. Auf einem Hügel hinter den beschädigten Bürogebäuden ist ein Friedhof. 15 neue Gräber sind mit kurdischen Flaggen bedeckt, zwei Gräber sind noch leer. Die Ärzte geben zwei Verletzten kaum Überlebenschancen.

Revolutionsgarden stecken hinter Anschlag

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Letzten Samstag schlugen am helllichten Tag Raketen in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak ein. Dort leben auch iranische Kurden – sie waren das Ziel des Angriffs. Die Spitzen der iranisch-kurdischen Parteien hatten sich zu einer Sitzung getroffen, als die Raketen einschlugen. 15 Menschen starben, rund 50 wurden verletzt. Der Angriff ereignete sich in der Nähe der nordirakischen Stadt Koya, rund 150 Kilometer von der iranisch-irakischen Grenze entfernt. Die iranischen Revolutionsgarden bekannten sich zum Angriff.

Deshalb hätten sie insgesamt 17 Gräber ausgehoben, erklärt der iranische Kurde Ahmedi. Ein Peshmerga-Kämpfer steckt auf einem der Gräber eine kleine Papierflagge wieder ein. Derweil zeigt Ahmedi auf ein grosses Gebäude im Tal: Dort habe es die meisten Opfer getroffen, als sie ihre Parteisitzung abgehalten hätten. Auch Flüchtlinge wurden verletzt, weil einige Raketen ihr Ziel verfehlt hätten. «So sieht Krieg mit Boden-Bodenraketen aus», sagt er.

Nicht der erste Angriff aus dem Iran

Angriffe aus dem Iran auf die iranischen Kurden, die in der Autonomen Region Kurdistans im Irak leben, sind nichts Neues. Der Iran wirft den Kämpfern vor, den Nordirak als Rückzugsgebiet zu nutzen, um von dort aus Anschläge zu verüben. Im Juli töteten Kurden mindestens zehn iranische Grenzwächter.

Die iranischen Kurden hingegen behaupten, sie kämpften nur gegen ihre Unterdrückung durch den Iran und für mehr Autonomie.

Peshmerga-Kämpfer steht auf dem Friedhof in Koya
Legende: Peshmerga-Kämpfer steht auf dem Friedhof in Koya: Bei einem iranischen Raketenangriff auf Kurden im Nordirak kamen 15 Menschen ums Leben, 50 wurden verletzt. SRF/Nawzad Kareem

Dass der Iran aber aus über 200 Kilometer Distanz eine Boden-Boden-Rakete ins Nachbarland feuert, um die kurdischen Kämpfer zu treffen, ist neu. «Es sollte auch die Weltgemeinschaft aufschrecken», meint Tahir Mahmoodi, ein Parteifunktionär der iranischen Kurdenpartei KDP-I im Nordirak.

Dieser Raketenangriff aus dem Iran habe das Leben für die Kurden im Nordirak unsicherer gemacht. «Und dies nicht nur für die iranischen Kurden, sondern für alle Kurden hier», sagt er. Dieser Angriff sei nicht nur eine Warnung an die iranischen Kurden gewesen, sondern auch an die Weltgemeinschaft – nach dem Motto, der Iran zeige damit, dass er hier machen könne, was er wolle.

Protestkundgebung vor UNO in Erbil

Und Mahmoodi erinnert daran: Die Kurden hätten davor gewarnt, dass der IS vom Iran her in den Nordirak komme, und man habe damals nicht auf sie gehört. Heute wisse man, dass sie Recht gehabt hätten.

Die Sorge über den iranischen Raketenangriff auf die Kurdenregion im Irak ist gross. Noch grösser ist aber die Enttäuschung, dass es kaum internationalen Protest dagegen gab. An einer Demonstration vor dem UNO-Gebäude in der nordirakischen Stadt Erbil protestierten Kurdinnen und Kurden gegen das Schweigen – und äusserten ihre Angst, dass die Welt sie im Stich lasse.

Ein Peshmerga-Friedhof in Koya
Legende: Ein Peshmerga-Friedhof in Koya, in der autonomen Region Kurdistan im Nordirak: Hier liegen die Opfer des iranischen Raketenangriffs vom Samstag, 9. September 2018. SRF/Nawzad Kareem

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Josephk Ernstk (Joseph ernst)
    Der Iran zeigt wieder mal seine strategischen Ziele, sei es in Jemen oder nun im Nordirak ! Er gibt den IS-Schergen die Möglichkeit ihre terroristische Aktivitäten weiterzuführen. Dass die Amerikaner dem Iran keinen Glauben schenken ist nachvollziehbar !
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  • Kommentar von Bendicht Häberli (bendicht.haeberli)
    In der heutigen Zeit, wo viel von Völkerrecht und Menschen gesprochen wird, ist es ein absolutes Desaster, dass für die ca. 30 Millionen Kurden noch keine Lösung gefunden wurde. Hauptverantwortlicher ist hier die UNO. Und gerade aus diesem Grund macht sich der Iran die unübersichtliche Kriegslage in der Region zu Nutze und beschliesst die Kurden mit Boden-Boden Raketen. Auch durch die USA wurden Kurden ausgenutzt. Putin macht auch mit und unterstützt Assad. SCHANDE AN ALLE !
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    "Enttäuschung, dass es kaum internationalen Protest dagegen gab" //Protest bedeutet Stellungnahme. Doch wer sieht da in diesen sich doch ständig bekriegenden islamischen Ländern noch durch und hinter die Kulissen? Sieht die Welt zu ist es nicht recht, mischt sie sich ein, ist es auch nicht recht. Konflikte, Konfliktparteien, Rebellen, Kulturen, Radikale, Stämme, Bildung, rel.Ausrichtung usf derart kompliziert von Land zu Land u.in jedem Land... Einmischungen haben bisher nichts Gutes gebracht.
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