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Unter den Demonstranten herrscht mehrheitlich eine friedliche Stimmung
Aus HeuteMorgen vom 06.11.2019.
abspielen. Laufzeit 06:56 Minuten.
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Anhaltende Proteste in Irak «Es riecht nach Revolution in Bagdad»

Seit Anfang Oktober demonstrieren in Irak täglich Tausende Menschen gegen das Regime und gegen die Korruption. Es rieche nach Revolution, sagt die in Irak lebende Journalistin Birgit Svensson.

Birgit Svensson

Birgit Svensson

Journalistin

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Die deutsche Journalistin berichtet seit dem Sturz von Saddam Hussein aus dem Irak. Sie arbeitet für die «Zeit», Deutschlandradio, die Deutsche Welle und für SRF.

SRF News: Wie ist derzeit die Stimmung in den Strassen Bagdads?

Birgit Svensson: Sie ist sehr euphorisch und vergleichbar mit der Stimmung bei der ägyptischen Revolution 2011, die zur Absetzung des damaligen Präsidenten Hosni Mubarak geführt hat. Die Leute treffen sich auch in Bagdad auf dem Tahrir-Platz. Dort sieht man viele strahlende Gesichter – die Leute sind überzeugt davon, einen Regimewechsel erzwingen zu können.

Demonstrantin hebt Arme in die Höhe.
Legende: Euphorische Stimmung in Bagdad: Die Demonstrierenden glauben, einen Umsturz herbeiführen zu können. Reuters

Gehen die Behörden immer noch so hart gegen die Protestierenden vor?

Premier Adel Abdel Mahdi sagte in einer Ansprache am Dienstag, man könne einen Regierungswechsel nicht einfach so zulassen. Das müsse im Kabinett entschieden werden. Auch sagte er, die Demonstrationen in zahlreichen Städten im Süden des Landes müssten endlich beendet werden. Ob das bedeutet, dass die Sicherheitskräfte jetzt noch brachialer gegen die Protestierenden vorgehen werden, ist unklar.

Bislang mehr als 250 Tote bei Demos

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Bislang mehr als 250 Tote bei Demos

Bei den seit Anfang Oktober anhaltenden Protesten in Bagdad und anderen Städten im Süden Iraks sind nach Angaben von Spitälern und Ärzten mehr als 250 Menschen getötet worden, viele von ihnen durch Tränengasgranaten. Am Dienstag berichteten Augenzeugen, dass Sicherheitskräfte in Bagdad erstmals auch scharf in die Menschenmenge geschossen hätten. Demnach fielen die Schüsse in der Umgebung des Sitzes des staatlichen TV, mehrere Personen wurden dabei getötet. Zuvor war von Erschossenen aus Kerbala berichtet worden. (sda)

Agenturmeldungen deuten darauf hin, dass die Stimmung recht gewalttätig ist. Können Sie das bestätigen?

Im Lager der Demonstranten herrscht sicher keine solche Stimmung. In Bagdad hausen sie rund um den Tahrir-Platz auf rund einem Kilometer Länge in einer Art Camp. Es gibt dort Zelte, die Leute liegen auf Matratzen, es gibt Lesungen und sogar Frisöre.

Im Camp der Demonstranten herrscht eine Art Partystimmung.

Viele irakische Fahnen wehen im Wind – es herrscht eher eine Art Partystimmung. Dabei wird die Einheit Iraks betont. Es scheint, dass die Auseinandersetzungen zwischen den Sunniten, Schiiten und Kurden vorbei sei – die Leute fühlen sich als Iraker. Ihr Slogan heisst denn auch: «Wir sind Iraker, wir wollen über unser Land bestimmen».

Tahrir fotografiert von oben, viele Lichter zu sehen.
Legende: Partystimmung auf dem Tahrir-Platz in Bagdad. Reuters

Was sind das für Leute, die an den Protesten teilnehmen?

Zu Beginn waren es vor allem Arbeitslose, mittlerweile beteiligen sich Studentenverbände, Ärztevereinigungen, Lehrer oder Professoren an den Protesten. Auch ganze Busladungen Stammesangehörige und -führer aus dem Süden sind inzwischen in Bagdad eingetroffen. Sie liessen verlauten, nicht eher wieder abzuziehen, bevor eine neue Regierung im Amt sei.

Die Protestierenden fordern einen Regierungswechsel und ein Ende der Korruption. Was sonst noch?

Zu Beginn wurden mehr Jobs – die offizielle Arbeitslosigkeit unter den jungen Irakern liegt offiziellen Angaben zufolge bei 25 Prozent –, mehr Strom, besseres Wasser, besserer öffentlicher Service gefordert.

Sie wollen ein Ende des von den USA eingeführten Proporzsystems in der Regierung.

Inzwischen wollen sie nicht nur den Sturz der aktuellen Regierung, sondern auch ein Ende des von den Amerikanern vor 15 Jahren eingeführten Proporzsystems. Dieses zementiert die Machtverteilung zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden und ist laut den Demonstranten der Schlüssel zur grassierenden Korruption in der Politik.

Die Demonstranten scheinen entschlossen zu sein, bis zur Erreichung ihrer Ziele weiterzumachen. Riecht es nach Revolution in Irak?

Tatsächlich sprechen auch die Protestierenden von einer Revolution. Ob es tatsächlich eine solche wird, werden wir sehen. Es sind ja nicht nur die Iraker, die hier über ihr Schicksal bestimmen. Auch ausländische Kräfte sprechen da mit. So ist denn auch eine der Forderungen der Demonstrierenden, dass Iran, die USA und die Türkei das Land unverzüglich verlassen sollen.

Das Gespräch führte Janis Fahrländer.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Joseph De Mol  (Molensepp)
    Der Tahrir-Platz steht nicht wie in der Bildlegende behauptet in Bagdad, sondern in Kairo! Ein bisschen Präzision in der Recherche täte ganz gut in solch essenziellen Fragen.
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    1. Antwort von SRF News (SRF)
      Es gibt auch in Bagdad einen Tahrir-Platz. In englischsprachigen Medien wird er auch Liberation Square genannt. Er liegt im Viertel Al-Rusafa, auf der östlichen Seite des Flusses Tigris.
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  • Kommentar von Thomas Heimberg  (tomfly)
    Hört sich ja alles gut an - wir sind ein Volk - weg mit der korrupten Regierung. Allein mir fehl der Glaube. Seit hundert Jahren jagt in fast allen muslimischen Ländern eine Revolution die andere - immer mit scheinbar vernünftigen Motiven. Was rauskommt sind immer Bürgerkriege, deren Flüchtlinge dann andere Länder aufnehmen müssen. Und falls dann doch einmal Frieden herrscht, dauert es meistens nicht lange, bis sich wieder eine Gruppe diskriminiert fühlt und die nächste Revolution anzettelt.
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    1. Antwort von S. Borel  (Vidocq)
      Nein. Schon mal sicher nicht 100 Jahre. Da waren noch alle (heutigen) Staaten im mittleren Osten und dem Maghreb Kolonien. Und es kam zu Wahlen, die dem Westen, hauptsächlich den USA wegen dem Öl nicht passten, und niedergeschlagen wurden... bestes Beispiel der Iran. Und auch diese Proteste im Irak sind die direkte Folge des Krieges und der Bevormundung der USA. Und solange in dieser Region Öl sprudelt, wird es ein Pulverfass bleiben. Mir tun die Menschen, die dort geboren werden äusserst leid.
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  • Kommentar von Klaus KREUTER  (SWISSKK)
    Vielleicht kommt man dahinter, dass manche Länder eben anders sind und anders agieren. Alles mit westlichen Massstäben zu sehen ist völlig falsch. Der Irak war nie ein in sich geschlossener Staat, da sind die Unterschiede schon von der Religion her sehr eklatant.
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    1. Antwort von Joseph De Mol  (Molensepp)
      Richtig. Im gesamten Gebiet, welches wir heute den Nahen Osten nennen, waren die Menschen als Beduinengesellschaften organisiert. Viele davon traditionell nomadisch ausgerichtet. Daher funktionieren dort aus einer historischen Sicht Staaten, wie wir sie im Westen kennen, zu keiner Zeit.
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