Zum Inhalt springen

Header

Audio
Wiederholt sich im Herbst 2019 der Arabische Frühling?
Aus SRF 4 News aktuell vom 25.10.2019.
abspielen. Laufzeit 07:36 Minuten.
Inhalt

Neuer Arabischer Frühling? «Es fehlen klare Führungsfiguren – das war schon 2011 ein Fehler»

Im Irak wird seit Wochen gegen Korruption und Misswirtschaft demonstriert. Auch im Libanon und in Ägypten gehen die Menschen wieder auf die Strasse. Für Journalistin und Buchautorin Julia Gerlach knüpfen diese Proteste an den Arabischen Frühling von 2011 an.

Julia Gerlach

Julia Gerlach

Journalistin und Autorin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Von 2008 bis 2015 hat Julia Gerlach als Korrespondentin für deutsche Medien aus Kairo über die arabischen Welt berichtet. Zuvor war sie Redakteurin beim heute Journal des ZDF. Sie hat mehrere Sachbücher über den Islam in Deutschland und den Arabischen Frühling geschrieben. Zur Zeit schreibt sie bei der mobilen Nachrichtenplattform «Amal, Berlin!»

SRF News: Die Proteste haben etwas gemeinsam: Die Menschen haben genug von den teils korrupten Regierungen. Sie fordern Reformen – gibt es weitere Gemeinsamkeiten?

Julia Gerlach: Wenn wir uns die Länder herausgreifen, in denen die Proteste am stärksten sind, Libanon und Irak, da spielt eine grosse Rolle, dass dort die Macht lange zwischen verschiedenen Konfessionen aufgeteilt wurde.

Sie haben das System lange hingenommen, weil ihnen versprochen wurde, dass so kein Krieg ausbricht und die Gewalt eingedämmt wird.

Einzelne haben relativ wenig zu sagen. Dagegen lehnen sich die Leute auf. Sie haben das System lange hingenommen, weil ihnen versprochen wurde, dass so kein Krieg ausbricht und die Gewalt eingedämmt wird. Nun gehen die Demonstranten vor allem gegen die Korruption vor.

Die Probleme sind aber unterschiedlich: Im Libanon gibt es einen grossen Schuldenberg, im Irak fehlt es an einer genügenden Infrastruktur. Ist es eher Zufall, dass es in diesen Ländern gleichzeitig zu Massenprotesten kommt?

Ich glaube nicht. Wenn man das grosse Bild in der Region anschaut, herrscht im Moment eine Umbruchsituation. Die Ordnung, die wir bisher gekannt haben, war sehr stark geprägt von der Ordnungsmacht USA, von Militärregimen und der geteilten Macht zwischen mehreren Konfessionen.

Wenn wir weg sind, dann stürzt ihr ins Chaos oder die radikalen Dschihadisten kommen an die Macht.

Die autoritären Regimes haben die Bevölkerung auch immer in Schach gehalten, indem sie sagten: ‹Wenn wir weg sind, dann stürzt ihr ins Chaos oder die radikalen Dschihadisten kommen an die Macht.› All dies scheint nun ins Wanken geraten zu sein. Das spüren die Menschen auch, die jetzt auf die Strasse gehen. Und sie versuchen, die Weichen in ihre Richtung zu stellen.

Sehen Sie Parallelen zwischen dem Arabischen von 2011 und den heutigen Protesten?

Typisch für die Proteste jetzt wie damals ist, dass sie zum grossen Teil führerlos sind. Im Irak und Libanon gibt es keine klare Führungsfigur. Das hat sich schon 2011 als Fehler erwiesen. Es gab da einfach keine Alternative, welche die Regierung übernehmen konnte, als die Diktatoren gestürzt wurden. Die grosse Frage nun ist natürlich, wie sich das jetzt weiterentwickelt.

Die Machthaber reagieren einigermassen ratlos. Wenn Zugeständnisse gemacht werden, dann sehr spät. Haben die Machthaber in diesen Ländern aus dem Arabischen Frühling 2011 überhaupt etwas gelernt?

Ich denke ja – leider scheint die Lehre gezogen worden zu sein, dass man sehr hart vorgehen muss gegen alle Arten von Protesten. Die Regierungen sind zum Schluss gekommen sind, dass man damals zu nachgiebig war, dass zu viel Platz gegeben wurde für Protestbewegungen und demokratische Ideen.

In einem ihrer Bücher zeigen Sie auf, dass der arabische Frühling die alten Regimes gestärkt hat. Wie schätzen Sie aktuell die Lage ein?

Tatsächlich ist es so, dass die militärisch geprägte Ordnung, die die Region seit den 1950er-Jahren beherrscht, aus der Rebellion 2011 gestärkt hervorgegangen ist. Solche Regierungen sind auch weiter an der Macht.

Die Ideen von Freiheit und Mitbestimmung, die lassen sich nicht dauerhaft unterdrücken.

Es gibt aber auch Hoffnung. Die Ideen von Freiheit und Mitbestimmung, die lassen sich nicht dauerhaft unterdrücken. Ein Aktivist hat mir kürzlich gesagt: ‹Wenn man die Freiheit einmal geschmeckt hat, dann möchte man das immer wieder kosten.› Vielleicht wird im Laufe der Zeit diese Bewegung etwas reifer, werden die Ideen besser formuliert und dann vielleicht auch erfolgreicher.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

Sendebezug: SRF 4 News, 25.10.2019, 8.15 Uhr.

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

5 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    Der Bericht von Frau Gerlach deckt sich mit meiner Meinung. Die unterdrückten Menschen müssen sich selber von ihren Peinigern befreien. Das kann Jahrzehnte,wenn nicht Jahrhunderte dauern. Wichtig ist,dass sie daran glauben,dass es immer Hoffnung gibt.Leider werden viele Bemühungen von unterdrückten Bevölkerungen zunichte gemacht, weil westlichen Demokratien, aus reinem Profitdenken, mit den schurkischen Diktaturen Geschäfte abwickeln. Dadurch wird der Machterhalt der Despoten verlängert. Leider!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Joseph De Mol  (Molensepp)
    Der sog. Arabische Frühling ist ein Euphemismus. In Tat und Wahrheit hat es sich, v.a. auch in Nordafrika, wo alles begonnen hat, um Hunger-Revolten gehandelt. Das politische Narrativ wurde dem erst später beigesetzt. Von wem, das ist bis heute Gegenstand investigativer Untersuchungen. Westeuropa wurde daraufhin kausal seit 2015 mit Migranten aus dem nordfafrikanischen Raum und dem Nahen Osten überrollt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von kurt trionfini  (kt)
      Finde ich gut, wenn Sie die existentiellen Hintergründe (Ernährungssicherheit) mit ein beziehen. Das hingegen finde ich so was von Respektlos: "Das politische Narrativ wurde dem erst später beigesetzt". Damit stellen Sie die Menschen in Arabischen Ländern als dumme Handlanger fremder Mächte dar. Als ob die Menschen in arabischen Staaten nicht selbständig und selbstverantwortlich für ihre Rechte einstehen könnten.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Komisch, in der Tier- und Pflanzenwelt, ist alles geregelt, nur in der Welt des "Homo sapiens", herrschen: Habgier, Egoismus, Verantwortungs-Respektlosigkeit, Skrupellosigkeit, Zerstörungswut, Gewalt, Ausbeutung, Diskriminierung, Mord..... = Unfähigkeit für ein faires, respektvolles, friedliches Zusammenleben!?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      In der Natur heisst es fressen oder gefressen werden. Da gibt es auch keine Werte wie Habgier, Egoismus, Verantwortungs-Respektlosigkeit, Skrupellosigkeit, Zerstörungswut, Gewalt, Ausbeutung, Diskriminierung.
      Und bitte Natur nicht mit den dressierten Haustieren verwechseln.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen