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Während des Kosovokrieges Seite an Seite mit der Nato
Aus Tagesschau vom 24.06.2020.
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Anklage gegen Präsident Thaci Ein schwerer Schlag – und eine grosse Chance für den Kosovo

Im Kosovo herrscht Konsternation: Eine Anklage wegen Kriegsverbrechen gegen ein amtierendes europäisches Staatsoberhaupt gab es seit Slobodan Milosevic 1999 nicht mehr. Obwohl Hashim Thaci bei vielen Kosovaren unbeliebt ist, so spüren doch auch seine Gegner: Das ist eine schlechte Nachricht für den Kosovo.

Am 27. Juni sollten sich die Präsidenten von Serbien und Kosovo in Washington zu Gesprächen treffen. Doch diese Anklage schwächt die Verhandlungsposition des Kosovo im Weissen Haus in hohem Mass. Inzwischen hat Thaci seine Reise nach Washington offenbar gar abgesagt.

Steckt politisches Kalkül dahinter?

Viele Beobachter im Kosovo vermuten, dass politisches Kalkül hinter dem Zeitpunkt der Veröffentlichung der Anklage steckt. Zumal die Anklage offenbar schon im April fertig war. Einer, der so denkt, ist der kosovarische Rechtsprofessor und Analyst Vigan Qorolli. «Das ist ein Druck auf die Stopptaste für das politische Leben im Kosovo», meint er. In Washington soll ja ein Gebietsabtausch zwischen Serbien und Kosovo besprochen werden. Die EU war immer dagegen, auf dem Balkan Grenzen zu verschieben.

Die USA hatten die EU schnöde übergangen und blossgestellt, als sie die Gespräche in Washington anberaumten. Die Anklage könnte der europäische Gegenzug sein, mutmassen viele. Doch so einfach ist die Sache kaum. Der Internationale Strafgerichtshof dürfte nur Anklage erheben, wenn er solide Beweise und Zeugen hat.

Thaci demonstrierte Verachtung für Demokratie

Seine ehemaligen Mitstreiter im Kosovo-Krieg sagen, Thaci sei unschuldig. Doch sie haben wenig Glaubwürdigkeit. So erklärte Ex-Premierminister Ramush Haradinaj: «Das kosovarische Volk hat rechtmässig für seine Freiheit gekämpft nach heftiger Unterdrückung durch Serbien. Das Resultat war Freiheit und die Errichtung der Republik Kosovo.»

Auch wenn diese Anklage die Republik Kosovo in eine äusserst schwierige Situation bringt, so könnte sie auch die Chance für eine historische Wende zum Besseren sein. Denn der jetzt angeklagte Hashim Thaci war es, der die Regierung von Albin Kurti, den Wahlsieger vom letzten Herbst, mit äusserst fragwürdigen und undurchsichtigen Winkelzügen stürzen liess. Damit demonstrierte er ganz offen seine Verachtung für die Demokratie.

Der Kosovo vor einem Neuanfang?

Falls das Kosovo-Spezialgericht in Den Haag Thaci verurteilen sollte, dann wäre der Weg frei für einen Neuanfang. Für einen Präsidenten (oder eine Präsidentin), der oder die nicht mit Tricks eine demokratisch gewählte Regierung aushebelt.

Dann dürfte sich auch im Kosovo die Einsicht durchsetzen, dass ein Mann mit dem zweifelhaften Ruf von Thaci – egal, was seine Verdienste auch sein mögen – nicht geeignet ist, um das Oberhaupt eines europäischen Landes zu sein, das sich demokratisch nennen möchte.

Peter Balzli

Peter Balzli

SRF-Korrespondent in Wien

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Peter Balzli war in den 1990er Jahren erstmals für SRF tätig. Zuerst für die Sendungen «Kassensturz» und «Time-Out», dann war er als Korrespondent des Schweizer Fernsehens in Paris und in London. Seit Mitte 2016 berichtet er als freier SRF-Korrespondent aus Wien über Ost- und Südeuropa und das Baltikum.

Tagesschau, 24.6.2020, 18:00 Uhr

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Stauffer  (Pfefferschote)
    Höchste Zeit, dass gegen den sogenannten Unantastbaren endlich ein Haftbefehl erstellt wurde. H. Thaci und seine UCK-Führungsleute erhielten in der Schweiz den Status als anerkannte Flüchtlinge und wurden Jahrelang verhätschelt und finanziell unterstützt.
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  • Kommentar von Alfred Schläpfer  (191.5yenokavan)
    Falls das Gericht In Den Hague Thaçi für schuldig befindet, hat die Schweiz einmal mehr einem Kriminellen Asyl gewährt, ihn in unseren Institutionen gefördert, nie genau hingeschaut und unserem Land einen Bärendienst erwiesen.
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  • Kommentar von David Neuhaus  (Um Neutralität bemüht)
    Wieso getraut sich eigentlich kein Journalist in den westlichen Staats-/ und Kommerzmedien der Frage nach dem Ursprung des Krieges (UCK-Terrororganisation?) Den Lügen in der damaligen Presse und von damaligen Politiker sowie der legalität und Vereinbarkeit mit dem Völkerrecht des NATO- Einsatzes nachzugehen? Einige Historiker haben bereits interessante und kritische Bücher dazu verfasst!
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    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Der Kosovo würde noch heute zu Serbien gehören, wenn das Regime Milosevic nicht versucht hätte den Kosovo ethnisch zu säubern.
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    2. Antwort von David Neuhaus  (Um Neutralität bemüht)
      Vielen Dank Albert Planta. Neben Historiker kam sogar eine ARD-Dokumentation 2001 zu einer ganz anderen Meinung als sie Herr Planta. Was haben sie denn für konkrete Argumente für ihre Behauptung Herr Planta?
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    3. Antwort von tina nivo  (Fuchsi)
      Fakt ist :Serbien hat krieg geführt Fakt ist : das es eine ethnische Säuberung war.( Kosovo und Bosnien)
      Fakt ist: Das bis heute zu wenig Wiedergutmachung geleistet worden ist, siehe Bosnien!
      Fakt ist: Kosovo blieb nichts anderes übrig als eine UCK. da Kosovo keine eigene Armee haben durfte! Zuhause sitzen Däumchen drehen und warten bis man als nächster an der Reihe ist?
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