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«Tear down this wall»: Reagans prophetische Rede
Aus Zeitblende vom 12.06.2021.
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Appell an Gorbatschow Reagans prophetische Rede: «Tear down this wall»

Die Rede von Ronald Reagan 1987 hätte es so fast nicht gegeben. Die Inspiration dafür kam von einer deutschen Hausfrau.

Es war eine Rede, von der man sagt, sie habe geholfen, den Kalten Krieg zu beenden. Die Rede, die der damalige US-Präsident Ronald Reagan am 12. Juni 1987 am Brandenburger Tor hielt. Und in der er seinen sowjetischen Gegenspieler, Michael Gorbatschow, dazu aufforderte, die Berliner Mauer niederzureissen.

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Reagan: «Herr Gorbatschow, reissen Sie diese Mauer nieder»
Aus Tagesschau vom 09.11.2014.
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Es war der junge, damals relativ unerfahrene Redenschreiber Peter Robinson, der den Auftrag fasste, die Rede für den US-Präsidenten zu schreiben.

Das Weisse Haus schickte Robinson ein paar Wochen vor dem geplanten Staatsbesuch nach Westberlin. Dort traf er sich mit ranghohen US-Diplomaten, die ihm rieten, in der Rede die Mauer, die damals West- und Ostberlin trennte, nicht zu erwähnen. Das Thema sei heikel, und die Deutschen hätten sich längst an die Trennung gewöhnt.

Der Hass auf die Mauer

Doch an einem Abendessen bekam Peter Robinson ein anderes Bild. Deutsche Bekannte, Dieter und Ingeborg Elz, hatten den jungen Amerikaner zu einer Dinnerparty eingeladen, damit er sich mit Westberlinern austauschen konnte.

Als Robinson die Gäste fragte, ob es denn stimme, dass man sich an die Mauer mitten durch die Stadt gewöhnt habe, war es zuerst ganz still am Tisch. «Ich dachte, dass ich wohl gerade einen monumentalen Fauxpas begangen hatte», erinnert sich Robinson.

Wenn es Gorbatschow ernst ist mit Glasnost, dann soll er nach Berlin kommen und die Mauer niederreissen.
Autor: Ingeborg ElzHausfrau

«Doch dann begann es aus den Leuten herauszusprudeln. Es war nicht so, dass sie sich an die Mauer gewöhnt hatten, im Gegenteil, sie hassten sie», sagt Peter Robinson. Ein Mann am Tisch habe mit dem Finger in eine Richtung gezeigt und erzählt, seine Schwestern leben dort, nur wenige Kilometer entfernt. Auf der anderen Seite. Er habe sie seit über 20 Jahren nicht gesehen.

Die Gastgeberin, Ingeborg Elz, erhob wütend die Stimme: «Wenn es Gorbatschow ernst ist mit Glasnost und Perestrojka, dann soll er nach Berlin kommen und die Mauer niederreissen.»

Peter Robinson wusste, dass er soeben den Schlüsselsatz für die Rede von Reagan in Berlin gehört hatte.

Widerstand auf höchster Ebene

Zurück in Washington machte sich Peter Robinson daran, die Rede zu schreiben. Die wichtigste Passage darin war enorm umstritten. «Vom Aussendepartement über die Sicherheitsberater bis hin zu Reagans Stabschef waren alle dagegen, dass Präsident Reagan in seiner Rede Michail Gorbatschow dazu auffordern sollte, die Mauer niederzureissen.» Der Druck auf Robinson war enorm.

Ronald Reagan entschied am 18. Mai 1987 vor seinen Redenschreibern, dass er den Menschen im kommunistischen Osten mitteilen wollte, dass die Mauer fallen musste.
Legende: Ronald Reagan entschied am 18. Mai 1987 vor seinen Redenschreibern, dass er den Menschen im kommunistischen Osten mitteilen wollte, dass die Mauer fallen musste. ZVG

Noch einen Tag vor der Rede sollte Reagans Stabschef in einem venezianischen Palast, in dem Reagan damals an einem Wirtschaftsgipfel teilnahm, die Passage mit dem Präsidenten durchgegangen sein.

Peter Robinson: «Reagan fragte den Stabschef: ‹Bin ich der Präsident?› Der antwortete: ‹Ja, Sir, Sie sind der Präsident.› – ‹Also kann ich entscheiden, ob die zwei Zeilen drinbleiben oder nicht?› – ‹Ja, Sir, Sie können entscheiden.› – ‹Gut, dann bleiben sie drin.›»

«Ronald Reagan war zwar ein freundlicher, offener Mensch. Doch er war unglaublich stur. Das war in diesem Fall ein Glück für mich», sagt Peter Robinson.

Am Tag der Rede flog Reagan mit der Air Force One von Venedig in die Bundesrepublik Deutschland und landete auf dem Flughafen Berlin Tempelhof. Dort wurden er und seine Frau Nancy mit militärischen Ehren empfangen.

Jedes Wort war am richtigen Platz. Reagan war noch viel besser, als ich es mir erträumt hatte, als ich die Rede schrieb.
Autor: Peter RobinsonRedenschreiber für Ronald Reagan

Sein junger Redenschreiber Peter Robinson war zu diesem Zeitpunkt daheim in seiner Junggesellenwohnung in der Nähe von Washington. Er wollte das Wochenende auf dem Land verbringen, möglichst weit weg von allen Nachrichtensendern und dem Weissen Haus. Robinson fürchtete, dass Ronald Reagan in letzter Minute die Rede noch abschwächen – und die beiden zentralen Sätze weglassen würde.

Während des Kofferpackens habe er seinen kleinen Fernseher eingeschaltet, erzählt Peter Robinson. «Der Korrespondent von CBS in Deutschland erwähnte, dass man vernommen habe, Reagan würde eine dramatische Rede halten», erinnert sich Robinson. «Ich schaute also ein bisschen widerwillig zu. Und plötzlich wurde mir bewusst: Er wird das wirklich durchziehen!» Der Gedanke habe ihm fast den Atem geraubt.

Applaus über die Mauer hinweg

Als Ronald Reagan seine Rede vor dem Brandenburger Tor begann, hing tausende Kilometer entfernt, sein junger Redenschreiber an seinen Lippen. «Jedes Wort war am richtigen Platz. Er war noch viel besser, als ich es mir erträumt hatte, als ich die Rede schrieb.»

Dann kam die zentrale Stelle: «Mister Gorbatschow, open this gate. Mister Gorbatschow, tear down this wall», rief Reagan über die Köpfe hinweg in den wolkenverhangenen Berliner Himmel. Die Menge tobte, der Applaus war über die Mauer hinweg in Ost-Berlin zu hören. Und Peter Robinson musste sich auf den Boden setzen, so gross war die Anspannung gewesen, die nun von ihm abfiel.

Video
Ausschnitt aus Reagans Rede vom 12.06.1987 (Originalton)
Aus News-Clip vom 09.06.2021.
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Die Rede Reagans sorgte damals nicht für Schlagzeilen, sie wurde kaum beachtet. Der damalige Korrespondent für Radio DRS sprach von einer «populistisch gehaltenen Rede».

Erst zwei Jahre später, als die Mauer tatsächlich fiel, bekam die Rede die Bedeutung, die sie nun hat.

Präsident Ronald Reagan nimmt den Applaus von Bundestagspräsident Philipp Jenninger und Bundeskanzler Helmut Kohl nach seiner Rede entgegen.
Legende: Der deutsche Bundestagspräsident Philipp Jenninger (links) und Bundeskanzler Helmut Kohl (rechts) applaudieren nach der Rede Ronald Reagan. Keystone

Der Kreis schloss sich für Peter Robinson über 30 Jahre später. Vor zwei Jahren wurde er zu einem Abendessen in der deutschen Botschaft in Washington eingeladen, zur Feier des 30. Jubiläums des Mauerfalls. Ehrengast war Joachim Gauck. Gauck, der zum Zeitpunkt der Rede 1987 evangelischer Pfarrer im ostdeutschen Rostock war, und später Bundespräsident wurde.

Die richtigen Worte zur richtigen Zeit

Gauck sagte an dem Abend in Washington, Ronald Reagan habe das Richtige gesagt, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit.

Peter Robinson: «Über 30 Jahre lang habe ich mich gefragt, ob es das richtige gewesen sei, die umstrittenen zwei Zeilen in die Rede zu packen. An dem Abend, als Gauck das sagte, hatte ich endlich die Gewissheit. Ja, es war richtig gewesen. Nie soll aber vergessen werden, wer mir die Inspiration für die Rede gegeben hat. Es war eine deutsche Hausfrau, es war Ingeborg Elz. Und nie soll vergessen werden, dass es Ronald Reagan war, der darauf beharrte, die Worte von Ingeborg Elz wiederzugeben. Die Forderung an Gorbatschow, die Mauer niederzureissen.»

Zeitblende, 12.06.2021, 10:33 Uhr

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25 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Trefzer  (ttre)
    Tja, früher vermochten Worte noch etwas zu bewegen. z. Bsp: "Ik bin ain Berliner".
    Geht heute leider im allgemeinen "Getwitter" völlig unter.
    D.T. dem "stable genius" sei Dank ;-).
    1. Antwort von Daniel Häberlin  (Svensk)
      Na ja, eigentlich haben weder die Worte von Kennedy, noch die Worte von Reagan etwas bewegt. Vielmehr trugen Ungarn, das 1989 mit dem Abbau des Eisernen Vorhangs begann, und Gorbatschow, der die Warschauer-Pakt-Staaten gewähren liess, zum Ende des Kalten Krieges bei. Und zum Fall der Berliner Mauer führten letztendlich die gestammelten Worte von Günter Schabowski auf die Frage, wann die Grenze nach Westberlin öffnen werde: "Das tritt nach meiner Erkenntnis ... ist das sofort, unverzüglich."
  • Kommentar von Patrick Janssens  (patrickjanssens)
    Vielleicht sollte man die Rede nochmal vorlesen an der US/Mexiko Grenze, und einigen anderen Stellen.
    1. Antwort von Kai Haudenschild  (K_Haudi)
      Sie meinen z.B. auch an den europäischen Grenzen, bei denen sie Flüchtlinge zurück ins Wasser werfen?
  • Kommentar von Hanspeter Schwarb  (Ganymed)
    Auch wenn die Berater ihm abgeraten hatten den Satz zu sagen, was konnte schon passieren. Er hatte ja nur Schulterklopfer rund um sich. Ganz im Gegenteil zu Gorbatschow, der musste gegen sein Umfeld im Kreml agieren. Daher ist Gorbatschow der Hauptverantwortliche für die Beendigung des Kalten Krieges. Für mich ist er sogar der Herausragendste Mensch im 20 Jahrhundert
    1. Antwort von Karl Kirchhoff  (Charly)
      Naja, am Dalai-Lama wüsste ich auch nichts zu kritisieren.