Eine No-Future-Stimmung ergreift viele britische Jugendliche: Sie arbeiten nicht. Sie gehen nicht zur Schule. Und sie haben auch keine Pläne für die Zukunft. Fast eine Million junger Menschen lebt in Grossbritannien in den Tag hinein. So viele wie nie zuvor.
Das ist gesellschaftlich und sozialpolitisch ein Riesenproblem. Viele von ihnen leben von Sozialhilfe, was die Staatskasse überfordert.
Boxtraining und pädagogische Unterstützung
Anthony York kennt die Sorgen der Jugendlichen. Der Box-Coach betreibt in der mittelenglischen Stadt Peterborough einen speziellen Jugendtreff: Mit «Boxing Futures» will er Jugendlichen auf die Sprünge helfen. Hier bekommen sie mehrmals pro Woche ein Fitness-Boxtraining und können vorher oder nachher mit Sozialpädagoginnen oder -pädagogen über ihre Sorgen reden.
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Bild 1 von 3. Boxtraining für mehr Selbstvertrauen. Auch die Pandemie hat dazu beigetragen, dass die soziale Interaktion ausblieb. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. «Eine ganze Generation hat Schwierigkeiten mit der Sozialisierung», sagt Box-Coach Anthony York. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. «Boxing Futures» unterstützt Menschen zwischen 16 und 24 Jahren. Bildquelle: SRF.
York weiss: Die Not vieler Jugendlicher ist gross: «Es ist eine Generation, die Schwierigkeiten hat, sich auszudrücken und Beziehungen zu pflegen. Die sozialen Medien helfen nicht. Die Automatisierung der Wirtschaft hilft auch nicht. Der Arbeitsmarkt bietet solchen Jugendlichen nicht genügend Möglichkeiten.»
Die Covid-19-Pandemie habe das Phänomen noch verschärft, ist York überzeugt – als viele Menschen während Monaten zu Hause bleiben und die sozialen Kontakte auf ein Minimum reduzieren mussten.
Training für mehr Selbstvertrauen
Emmanuel Aymin kommt mehrmals pro Woche in den Box-Club. Der 20-Jährige zog vor gut fünf Jahren zusammen mit seinen Eltern und drei jüngeren Geschwistern von Italien nach Grossbritannien. Richtig heimisch fühlt er sich noch nicht. Sein Englisch ist lückenhaft, Arbeit hat er keine. Eine Ausbildung macht er auch nicht.
Boxen soll ihm Disziplin und Entschlossenheit vermitteln und zu mehr Selbstvertrauen verhelfen – und ihm so den Weg in die Arbeitswelt ebnen. «Hier habe ich Spass mit meinen Freunden oder auch allein, ich mag das Boxen», sagt Emmanuel Aymin. «Zu Hause mache ich nicht viel, so halte ich mich wenigstens fit. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, ist mir jede Arbeit recht, auch einfache.»
Subventionierte Praktikumsplätze und mehr Lehrstellen
Jetzt versucht die Labour-Regierung, die untätigen Jugendlichen wachzurütteln. Sie will zusätzliche Praktikumsplätze und Lehrstellen in der Privatwirtschaft subventionieren und droht gleichzeitig mit der Kürzung der Sozialhilfe.
Finanzministerin Rachel Reeves stellt umgerechnet gut 900 Millionen Franken bereit – verteilt über die nächsten drei Jahre. Reeves Kalkül ist es, möglichst viele Jugendliche mit Unternehmen in Kontakt zu bringen – in der Hoffnung, dass die meisten von ihnen nach dem sechsmonatigen Praktikum oder der 18-monatigen Anlehre eine Stelle angeboten bekommen.
Reeves Versprechen: «Echte Arbeit, praktische Erfahrung, neue Kompetenzen: Wir werden keine Generation zurücklassen, der die Perspektiven, die Würde, die Sicherheit und die Chancen fehlen, die ein guter Arbeitsplatz bietet.»