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«Ein System, das dich komplett kontrolliert. Als wärst du kein Mensch.»
Aus Tagesschau vom 24.06.2020.
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Arbeitsmigrantinnen im Libanon Ausgesetzt wie Vieh

Tausende Wanderarbeiterinnen stehen im Libanon vor dem Nichts. Die doppelte Krise trifft die Arbeitsmigranten besonders hart.

Arbeitsmigrantinnen gehören im Libanon zu den am stärksten Betroffenen der Wirtschafs- und Politkrise. Wer sich seine Importe nicht mehr leisten kann, kann sich seine Arbeitsmigrantinnen schon gar nicht mehr leisten. Einzelne Libanesen laden ihre Haushaltsangestellte einfach vor dem betreffenden Konsulat ab, wie ausgesetzte Tiere.

Auf der Suche nach Schutz

Etwa 30 zumeist junge Frauen sitzen vor dem äthiopischen Generalkonsulat in Beirut auf Matten oder Plastiksäcken. Sie suchen Schutz in dem bisschen Schatten, den das Gebäude spendet. Es sind Arbeitsmigrantinnen, Hausangestellte, die von ihren libanesischen Arbeitgebern vor dem äthiopischen Konsulat ausgesetzt wurden. «Sie behandeln uns wie Abfall», so die Äthiopierin Hana.

Äthiopische Hausangestellte mit Masken versammeln sich mit Habseligkeiten vor dem äthiopischen Konsulat in Hazmiyeh
Legende: In Hazmiyeh, einer Vorstadt von Beirut, versammeln sich äthiopische Hausangestellte mit ihren Habseligkeiten vor dem äthiopischen Konsulat. Reuters

Zweieinhalb Jahre hat Hana im Haushalt einer libanesischen Familie gearbeitet und gelebt. Freizeit gab es keine. Freiheit auch nicht. 150 US-Dollar verdiente sie. Einen guten Teil davon schickte sie jeden Monat nach Hause zu ihrer Familie.

Seit fünf Monaten erhalte ich keinen Lohn mehr.
Autor: HanaÄthiopische Arbeitsmigrantin

Als die Wirtschaftskrise im Libanon immer schlimmer wurde, endete der Geldfluss abrupt. «Seit fünf Monaten erhalte ich keinen Lohn mehr. Als ich sagte, ich bräuchte das Geld für meine Familie, antwortete Madam: ‘Ich habe kein Geld mehr. Wenn Du arbeiten willst, dann schweig. Wenn Du noch einmal nach Geld fragst, schlage ich Dich’.» Hana hat trotzdem noch einmal nach Geld gefragt. «Da packte Madam meine Kleider in eine Tasche und brachte mich hierher.» Den Pass von Hana hat ihre Arbeitgeberin einbehalten.

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Hana: «Sie gab mir weder Geld noch meinen Pass.»
Aus News-Clip vom 24.06.2020.
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Geschichten wie die von Hana kennt Tsigereda Brihanu zuhauf. Brihanu leitet die Projekte von «Egna Legna», einem Hilfswerk speziell für Arbeitsmigrantinnen. «Seitdem die Krise vor einem Dreivierteljahr begann, wurde die Situation immer schlimmer.»

«Moderne Sklaverei»

Brihanu kam selbst einst als Arbeitsmigrantin aus Äthiopien in den Libanon. «Ich dachte, ich könne hier weiterstudieren, und daneben ein bisschen arbeiten, um die Universität zu finanzieren.» Doch sie hatte sich getäuscht. Wie so viele, die unter falschen Versprechungen in den Libanon gelockt wurden.

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Tsigereda Brihanu: «Dieses System kann man moderne Sklaverei nennen.»
Aus News-Clip vom 24.06.2020.
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«Das libanesische System für Gastarbeiterinnen, das sogenannte ‘Kefala-System’, ist ein System, das dich komplett kontrolliert. Du hast keinerlei Rechte.» In der Tat werden Hausangestellten von ihren «Arbeitgebern» häufig die Pässe abgenommen. Sie müssen im selben Haushalt leben, Rechte haben sie kaum. «Es ist ein System moderner Sklaverei», sagt Brihanu.

Libanesen geht das Geld aus

Jetzt, in der doppelten Krise von wirtschaftlichem Kollaps und Corona-Lockdown, trifft es Arbeitsmigrantinnen und -migranten besonders. Die libanesische Währung fällt ins Bodenlose, US-Dollar sind unerschwinglich geworden. Viele Libanesen haben selbst kaum Geld und leiden Hunger. Können die Miete nicht mehr bezahlen, oder die Schule ihrer Kinder. Geschweige denn ihre Hausangestellten. «Manche sagen, wir bezahlen dich nächsten Monat, dann wieder nächsten Monat, aber keiner hat mehr Geld.» Tsigereda Brihanu füllt eine Portion Reis in einen Sack. Sie verteilt mit ihrer Organisation Lebensmittel, 1000 Leute leben von ihrer Hilfe, es reicht hinten und vorne nicht.

Ich will meine Familie wiedersehen.
Autor: HanaÄthiopische Arbeitsmigrantin

Die jungen Frauen vor dem Generalkonsulat wollen nach Hause. Doch viele haben keinen Pass, geschweige denn Geld für den Flug. «Ich will meine Familie wiedersehen.» Hana kommen die Tränen. «Wenn ich sterben soll, dann in meinem Land. Ich will nicht hier sterben.»

Tagesschau, 19.30 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
    Als WanderarbeiterIn muss ich immer damit rechnen, im Falle einer ökonomischen Krise vor dem Nichts zu stehen. Das ist Teil des „Geschäfts“. Dann müsste die Botschaft des betreffenden Heimatlandes Hilfe anbieten. Vermutlich handelt es sich aber um illegal Anwesende. Dann gibt es dort nichts zu holen. Warum die real existierende Sklaverei in Afrika weder vom UNO-Menschenrechtsrat noch von NGO‘s täglich bekämpft wird, ist mir ein Rätsel. Schuldbewirtschaftung im Westen ist einfacher.
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  • Kommentar von thomas caluori  (schefzgi)
    Die Araber betrieben schon vor Jahrtausenden Sklavenhandel. Endlose Karawanen zogen durch die Wüste mit Kamelen. Bis heute hat sich offenbar nichts geändert.
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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Mehr als zehn Millionen ausländische Arbeiter schuften derzeit in den arabischen Golfstaaten. Viele von ihnen werden regelrecht ausgebeutet. In SA wurden in den vergangenen Jahren mehrfach Fälle von Hausangestellten bekannt, die von ihren Arbeitgebern gefoltert, vergewaltigt wurden. Sie sind auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Bis zu 19 Stunden pro Tag arbeiten, keine Seltenheit. Moderen Sklaverei wird geduldet.
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    1. Antwort von Klaus KREUTER  (SWISSKK)
      Herr Keller: es ist nur einfacher im westlichen Europa nach Missständen zu schauen, dies zu publizieren und sich daran ergötzen. Vergessen werden viele Probleme in den arabischen Staaten. Bald wird die Welt voller Freude Fussball aus Katar schauen und den Blutzoll der Fremdarbeiter vergessen.
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