Die US-Regierung teilt mit, dass sie Saudi-Arabien beim Aufbau eines zivilen Atomprogramms helfen wolle. SRF-Korrespondent Fredy Gsteiger erklärt, warum die Ölmonarchie auf Atomkraft setzen will – und ob nun ein nukleares Wettrüsten in der Region droht.
Warum braucht Saudi-Arabien überhaupt Atomkraft?
Saudi-Arabien verfügt zwar über die weltweit zweitgrössten bekannten Ölreserven. Aber auch die sind nicht unendlich und dürften in einigen Jahrzehnten zur Neige gehen. Dazu kommt: Je weniger Erdöl Saudi-Arabien selbst verbraucht, umso mehr kann es davon exportieren. Das Königreich setzt deshalb seit längerer Zeit auch auf alternative Energieformen wie Solarenergie oder Windkraft, für die es über gute natürliche Voraussetzungen verfügt.
Wer gewährleistet, dass Atomkraft nicht auch für militärische Zwecke genutzt wird?
Eigentlich niemand. Daran, dass es beim ausschliesslich zivilen Charakter des saudischen Atomprogramms bleibt, gibt es daher beträchtliche und berechtigte Zweifel. Riad nährt sie seit Jahren selbst. Es hat immer wieder betont, dass man sich selbst auch Atomwaffen verschaffen will, falls der regionale Erzfeind Iran einmal solche besitzt. Das Abkommen enthält so gut wie keine Sicherungen, um zu verhindern, dass die Saudis ihr Atomprogramm von einem zivilen auch zu einem militärischen ausweiten. Die USA verlangen diesmal nicht – anders als sie das in einem Atomabkommen 2009 von den Vereinigten Arabischen Emiraten verlangten –, dass Saudi-Arabien auf jegliche Urananreicherung verzichtet. Wenn aber ein Land selbst Uran anreichern kann, hat es auch die Möglichkeit, höher angereichertes Uran für militärische Zwecke abzuzweigen.
Warum ist Washington so grosszügig gegenüber Riad?
Es ist das erste Mal, dass die USA ein solches Abkommen abschliessen. Wohl hauptsächlich aus drei Gründen:
- Erstens will die Regierung von Präsident Donald Trump die Saudis wieder enger an sich binden. Diese sind nicht glücklich mit der US-Kriegsführung gegen den Iran und leiden direkt unter dem fortdauernden Krieg. Das Vertrauen Saudi-Arabiens in die USA als Schutzmacht hat dadurch stark gelitten – man knüpft deshalb engere Bande zu Ländern wie China oder Russland. Diese Umorientierung wollen die Amerikaner stoppen.
- Zweitens ist die Regierung Trump nicht dafür bekannt, langfristig zu denken. Sie sucht schnelle, oft undurchdachte Geschäftsabschlüsse, also «Deals» nach trumpschem Stil.
- Drittens winken der US-Industrie Milliardengeschäfte mit den Saudis, wohl weit über die Energiewirtschaft hinaus. Geld ist das, was zählt für Trump.
Was bedeutet der amerikanisch-saudische Atompakt für die Zukunft?
Die internationalen Reaktionen fallen fast unisono negativ aus. Das Risiko ist beträchtlich, dass das ganze jahrzehntelange Konstrukt, die Weiterverbreitung von Atomwaffen möglichst zu verhindern – und das einige Zeit ganz ordentlich funktioniert hat –, kollabiert, falls künftig mit Saudi-Arabien ein weiteres Land den Weg Richtung atomare Bewaffnung einschlägt. Zumal es dann im ohnehin konflikterschütterten Nahen Osten nicht bei Saudi-Arabien bliebe.
Hinzu kommt, dass die Iraner nun erst recht widerborstig sein und jegliche Beschränkungen ihres Atomprogramms ablehnen werden, wenn die USA gleichzeitig einer anderen Regionalmacht gerade zu einem solchen Programm verhelfen. Und Israel, bisher die einzige Atommacht in der Region, ist bestimmt nicht glücklich, sollte nun mit Saudi-Arabien auch ein arabischer Nuklearstaat heranwachsen.