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Rumänien: Schlechte Aussichten für Kinder auf dem Land
Aus Rendez-vous vom 14.04.2021.
abspielen. Laufzeit 04:17 Minuten.
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Ausgefallene Schulstunden Corona vertieft Stadt-Land-Graben in Rumänien

  • In Rumänien gab es wegen der Corona-Pandemie fast ein halbes Jahr lang nur Online-Unterricht – oder gar keine Schulstunden.
  • Denn vor allem auf dem Land steht viele Schulkinder weder ein Computer noch ein Internetzugang zur Verfügung.
  • Die lange Unterrichtspause dürfte den sowieso schon besonders tiefen Graben zwischen Stadt und Land noch tiefer machen.

Negresti ist eine verschlafene Kleinstadt im Nordosten Rumäniens. Etwas Leben bringen rund 1000 Jugendliche, die hier die Oberstufe besuchen.

Normalerweise zumindest, denn während der Pandemie musste auch ihre Schule für 24 Wochen auf Online-Unterricht umstellen. «Fast zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler konnten daran nicht teilnehmen», sagt Schulleiter Gabriel Matei. Die meisten kommen täglich in Kleinbussen aus mehreren Dutzend Dörfern. Sie besitzen weder Computer noch Tablets.

Alte Kirche aus Holz in Negresti rechts, links Wohnblocks
Legende: Negresti (im Bild die dortige Holzkirche Sfântu Nicolae) leben weniger als 10'000 Menschen. Kinder vom Land werden normalerweise mit Bussen in die Schulen der Ortschaft gebracht. imago images

Und von einer guten Internetverbindung werden sie auch in zehn Jahren noch träumen. «Einige Schüler erzählen mir, sie müssten auf einen Baum klettern, wenn sie in ihren Dörfern telefonieren wollten», sagt der Schulleiter.

Das erklärt, wieso die Lehrerinnen und Lehrer nach der ersten Schliessung im März 2020 viele ihrer Schüler überhaupt nicht mehr erreichen konnten.

Schüler aus armen, bildungsfernen Familien

Dass 24 Wochen Online-Unterricht für viele 24 Wochen gar kein Unterricht bedeutete, das sei verheerend, sagt Matei. Nicht nur wegen des verpassten Schulstoffs: Die meisten Jugendlichen an seiner Schule kämen aus armen, bildungsfernen Familien. Sie zum Lernen zu bringen, sei schon in normalen Zeiten schwierig. Ausfälle durch den Online-Unterricht entmutigen diese Jugendlichen zusätzlich. Die Arbeit der Lehrer werde weitgehend sinnlos.

World Vision, eine Hilfsorganisation für benachteiligte Kinder, hat die Folgen der geschlossenen Schulen in Rumänien untersucht. Sie geht davon aus, dass im ganzen Land mehr als 200'000 Schülerinnen und Schüler nicht am Online-Unterricht teilnehmen konnten. Sie befürchte einen neuen Rekord bei den Schulabbrüchen, sagt Mihaela Nabar, Direktorin von World Vision Rumänien.

Kleine Kinder auf einem Pausenplatz mit Abstand in Bukarest, Rumänien
Legende: 200'000 Schülerinnen und Schüler seien während des 24 Wochen langen Ausfalls des Präsenzunterrichts vom Unterricht ausgeschlossen gewesen, schätzt World Vision. imago images

Und zwar nicht nur bei Kindern aus Roma-Familien, die immer eine überdurchschnittliche Schulabbrecherquote haben, sondern bei allen Kindern aus armen Familien in ländlichen Gegenden. Die rumänische Regierung sieht diese Gefahr. Sie will zusammen mit Organisationen wie World Vision Förderunterricht für die während der Pandemie abgehängten Jugendlichen organisieren. Und sie will den Zugang zum Internet auf dem Land verbessern.

Das seien gute Vorhaben, sagt Hilfswerkschefin Nabar. Sie würden aber für viele Schülerinnen und Schüler zu spät kommen. Nabar geht davon aus, dass der unterschiedlich gute Zugang zum Online-Unterricht während der Pandemie den Graben zwischen Stadt und Land in Rumänien vertiefen werde.

Jugendliche rechnen mit Sozialhilfe

In Rumänien, das zeigen Untersuchungen, ist das Gefälle zwischen Stadt und Land besonders gross. Und zwar nicht nur was den Wohlstand angeht, sondern auch was die Infrastruktur, was die Möglichkeiten angeht.

Matei sagt, der Graben spiegle sich in den tiefen Ambitionen zahlreicher Jugendlicher auf dem Land. «Wir haben Schüler aus Familien, die bereits in der zweiten oder dritten Generation Sozialhilfe beziehen. Diese Jugendlichen rechnen damit, dass auch sie dereinst von Sozialhilfe leben werden.» Dass sie nun während der Pandemie fast während eines halben Jahres vom Schulunterricht abgehängt waren, wird ihren Ehrgeiz sicher nicht angestachelt haben.

Rendez-vous, 14.04.2021, 12:30 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Marlis Bremgartner  (Brem)
    Die EU sollte mehr die Bildung im Osten Fördern, anstelle Geld Förderung für Stadium keiner Braucht. So wird den unterschied zwischen Osten und Western Bildung auch kleiner. Die Unternehmen möchten dorthin ziehen, wo man die Gebildeten Leute hat.
  • Kommentar von Albert Planta  (Plal)
    Von der Ceausescu-Diktatur konnte sich das Land nie richtig erholen. Die Fördergelder gehen vielfac7h in die falschen Hände.