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Pflegerin wird zur Kindsmörderin: Ein Kriminalfall wühlt Grossbritannien auf
Aus News Plus vom 22.08.2023. Bild: Keystone/AP/Elizabeth Cook
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Babymorde in Grossbritannien Wenn Pflegende Gott spielen: So schützen sich Heime und Spitäler

Der Fall einer Kindsmörderin wühlt das Königreich auf. Auch in der Schweiz wurden bereits Pflegekräfte zu Tätern – die Institutionen versuchen, das Risiko zu minimieren.

«Sie haben grausam, kalkulierend und zynisch gehandelt und eiskalt jede Verantwortung für Ihre Taten abgelehnt. Für eine gerechte Strafe kommt nur ein lebenslanges Urteil infrage»: Mit diesen Worten wandte sich der Richter an die Angeklagte. Darauf liess er den Urteilsspruch folgen: «Lucy Letby, ich verurteile sie in allen sieben Fällen wegen Mordes.»

Der Fall wühlt derzeit ganz Grossbritannien auf. Die ehemalige Pflegefachfrau wurde wegen Verbrechen verurteilt, die jede Vorstellungskraft sprengen: In einem Spital in Nordengland tötete sie sieben Babys und versuchte es bei sechs weiteren.

Das Motiv für die Gräueltaten blieb im Prozess offen. Bis zum Ende bestritt die 33-Jährige die Taten. Der Urteilsverkündung blieb sie fern.

Die Kindsmörderin während des Prozesses in Manchester (Illustration)
Legende: Letby ist erst die vierte Frau in Grossbritannien, die zu der «whole life order» genannten Höchststrafe verurteilt wurde. Zwei sitzen in Haft, die dritte starb hinter Gittern. Keystone/AP/Elizabeth Cook

Patientinnen und Patienten vertrauen dem medizinischem Fachpersonal ihr Leben an. Wenn dieses «Gott spielt», wie es der Ankläger vor Gericht ausdrückte, ist dies der ultimative Vertrauensbruch – in die Institutionen als Ganzes.

Unvorstellbares Trauma bei den Eltern

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Der Fall beschäftigt Grossbritannien auch derart, weil sich die Eltern der attackierten Babys am Ende des Prozesses geäussert haben und ihrer Wut, Ohnmacht und Verzweiflung Ausdruck verliehen. Die BBC strahlte ihre erschütternden Schilderungen vor einem Millionenpublikum aus. Auch Patrik Wülser, SRF-Korrespondent in London, hat den verstörenden Fall der Kindsmörderin und die abschliessenden Worte der Angehörigen verfolgt. «Es waren erschütternde Szenen, selbst gestandene Gerichtsreporter waren zu Tränen gerührt.» Dass ihre Kinder auf der Neugeborenen-Abteilung ermordet wurden, habe bei den betroffenen Eltern unfassbares Leid und psychische Schäden verursacht. So schilderte eine Mutter, dass sie sich das Leben nehmen und ihrer Tochter in den Tod folgen wollte, weil sie den Schmerz schlicht nicht mehr ertragen konnte.

Von der BBC über die Tageszeitungen und Online-Medien berichten britische Medien rund um die Uhr über den Fall. «Eine junge Pflegefachkraft, die wehrlose Säuglinge umbringt und das ausgerechnet an einem Ort, an dem Eltern Hilfe und Schutz erwarten –  das löst heftige Emotionen aus», sagt Wülser. Das wird auch in der Berichterstattung spürbar. Viele Medien vergleichen die Täterin mit dem Teufel, einige Kommentatoren fordern sogar, die Todesstrafe wieder einzuführen. «Gleichzeitig wird die Frage gestellt, warum die Spitalleitung nicht früher auf diese seltsamen Todesfälle reagiert hat», berichtet der SRF-Korrespondent. Zurück blieben eine offene Wunde in der britischen Gesellschaft – und viele offene Fragen.

Fälle wie in England gab es in der Geschichte immer wieder. Berühmt-berüchtigt sind die «Todesengel von Lainz»: In den 1980er-Jahren töteten vier Stationshilfen in einem Spital in Wien Dutzende Menschen. In den USA gestand der Pfleger Charles Cullen 2003, dass er über 16 Jahre bis zu 45 Patienten ermordete. In Deutschland wurde 2015 der sogenannte «Todespfleger» wegen 85 Morden verurteilt.

Hinschauen statt wegschauen

Die Schweiz wurde Anfang des Jahrtausends vom Fall des «Todespflegers von Luzern» erschüttert. Er mordete zwischen 1995 und 2001 in Pflegeheimen in der Zentralschweiz. Seine Opfer: Mindestens 22 pflegebedürftige alte Menschen.

Illustration des Prozess gegen den Todespfleger
Legende: Der «Todespfleger von Luzern» vergiftete oder erstickte seine Opfer. Als Motiv gab er Überforderung und Mitleid an. Noch immer sitzt er seine lebenslange Haftstrafe ab. Keystone/Linda Graedel

Doch wie können Heime und Spitäler verhindern, dass das Personal Schutzbedürftigen über Jahre hinweg Leid zufügt und sogar ungestraft morden kann? Um das Risiko zu minimieren, gibt es Sicherheitsvorkehrungen und automatisierte Abläufe, erklärt Yvonne Ribi, die oberste Pflegefachperson der Schweiz.

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Archiv: Der Todespfleger aus der Innerschweiz
Aus DOK – Kriminalfälle vom 04.08.2009.
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Zentral sei auch, dass in jedem Team eine Kultur bestehe, dass Auffälligkeiten den Vorgesetzten gemeldet würden. Verdachtsmomente müssten ernst genommen werden. Und das auf allen Hierarchiestufen. Dem gibt auch die Charta des Heimverbandes Curaviva Ausdruck, die da heisst: «Wir schauen hin!»

Medienschaffende vor Spital in Chester/England
Legende: Im Fall von Lucy Letby wurde offensichtlich weggeschaut: Jahrelang wurden Hinweise ignoriert – auch vonseiten des Spitalmanagements, das sich vor einer imageschädigenden Untersuchung fürchtete. Keystone/AP/Jacob King

Prävention beginne aber schon in der Ausbildung, sagt Ribi. «Pflegende sind sehr gut ausgebildete Fachpersonen – und das ist auch sehr wichtig.» Denn Fehler und Missbräuche können fatale Folgen haben. Wer Medikamente oder Infusionen verabreiche, trage eine grosse Verantwortung. Deshalb sei es in der Ausbildung wichtig, dieses Gefährdungspotenzial zu thematisieren.

Es müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, damit Pflegende ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen erledigen können.
Autor: Yvonne Ribi Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK)

Auch der technologische Fortschritt hilft, Missbräuche zu verhindern, sagt Ribi: «Wenn etwa Morphine verabreicht werden, wird das lückenlos registriert, wenn die Institution über solche Systeme verfügt.» Zudem müsse bei Medikamenten mit besonderem Gefährdungspotenzial das Vier-Augen-Prinzip angewendet werden. «Das gehört zu den betrieblichen Standards.»

Die Pflegenden in der Schweiz würden alles dafür tun, um die Unversehrtheit der Patientinnen und Heimbewohner zu garantieren, ist Ribi überzeugt. Zuletzt sieht sie aber auch die Politik in der Pflicht, um Fehler durch Stress und Überlastung zu vermeiden: «Es müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, damit Pflegende ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen erledigen können.»

SRF 4 News, 22.08.2023, 17:15 Uhr;

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