Die baltischen Staaten, bestehend aus Estland, Lettland und Litauen, stehen vor einer besonderen Herausforderung: Ihre geringe Breite von 200 bis 400 Kilometern steht einer langen gemeinsamen Grenze von 1700 Kilometern mit Russland und Belarus gegenüber. Im Januar 2024 vereinbarten die drei Länder deshalb eine gemeinsame Verteidigungslinie bestehend aus Panzersperren, Panzergräben, Minen, Bunkern und militärischen Depots.
Eine gemeinsame Front gegen die Bedrohung
Diese sogenannte Baltic Defence Line soll einen konventionellen russischen Angriff verlangsamen und den drei kleinen Ländern Zeit verschaffen, damit sie nicht sofort von einer ersten Angriffswelle überrollt werden. Gleichzeitig soll der Nato mehr Zeit für eine koordinierte Gegenreaktion gegeben werden.
Allein in Lettland sollen dieses Jahr 50 Kilometer der Baltic Defence Line entstehen. Doch der Baufortschritt ist eine Herausforderung. Bislang sind lediglich zwei Kilometer Befestigungen fertiggestellt – eine geringe Strecke, gemessen an der Dringlichkeit der Lage und den Erfahrungen aus vier Jahren Krieg in der Ukraine.
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Bild 1 von 3. Das sind die brandneuen Panzersperren, sogenannte «Drachenzähne». Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Andris Rieksts, Oberst der lettischen Armee und zuständig für den Bau der Verteidigungslinie in Lettland: Zu seiner Aufgabe sagt er: «Das ist unser Job. Unser Land vom ersten bis zum letzten Zentimeter zu verteidigen.». Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Alltag an der neuralgischen Grenze: Ein russischer Zug fährt keine 30 Meter hinter der lettischen Grenzbefestigung vorbei. Bildquelle: Gil Skorwid.
Oberst Rieksts erklärt, dass alles Zeit und Material brauche. «Das ist keine PowerPoint-Präsentation, wo man einfach alles haben kann, was man will. Das ist das echte Leben.»
Nicht überall sind jedoch massive Bunker und Panzergräben notwendig. Estland setzt auf natürliche Hindernisse, wie Seen, während Litauen und Lettland planen, trockengelegte Sumpfgebiete wieder zu bewässern, um Angreifer zu stoppen – Umweltschutz als Verteidigungsstrategie sozusagen.
Friedenszeiten und zivile Kooperation
Der Bau der Verteidigungslinie in Friedenszeiten bringt besondere Herausforderungen mit sich. Oberst Rieksts weist darauf hin, dass es nicht einfach sei, auf dem Land von Bauern Panzergräben zu bauen oder überall Drachenzähne aufzustellen. «Und wir werden in Friedenszeiten auch keine Minenfelder verlegen.»
Daher ist die Kooperation mit der Zivilbevölkerung unerlässlich. Bei einem Treffen vor Ort, in Anwesenheit von SRF, erklärt sich ein Bauer bereit, 30 Meter Land direkt an der Grenze für das Projekt zur Verfügung zu stellen, unter der Bedingung, dass das Bewässerungssystem ersetzt wird, das durch die Bauarbeiten in Mitleidenschaft gezogen wird. Allen im Baltikum ist der Ernst der Lage bewusst.
Ein Signal an Moskau und die Nato
Die Baltic Defence Line, deren Kosten sich in den kommenden Jahren auf über eine Milliarde Euro belaufen werden, ist Teil eines umfassenden Nato-Verteidigungskonzepts. Marcel Berni, Dozent für Strategische Studien an der Militärakademie der ETH, sieht in der Verteidigungslinie auch eine wichtige symbolische Bedeutung: «Ich glaube, ein grosser Teil davon ist Symbolik, ein Zeichen gegenüber Russland, gegenüber Belarus, dass man bereit ist.»
Wir waren über 50 Jahre von Russland besetzt. Wir wissen, was das heisst. Nie wieder!
Guna Gavrilko, Sprecherin im lettischen Verteidigungsministerium, betont die Entschlossenheit der baltischen Staaten: «Sie mögen das Verzweiflung nennen, aber wir nennen das Entschlossenheit. Wir waren über 50 Jahre von Russland besetzt. Wir wissen, was das heisst. Nie wieder! Wir werden kämpfen und unser Heimatland vom ersten Zentimeter an verteidigen.»
Womöglich schwingt auch ein Stück Mut der Verzweiflung mit. Denn etwas anderes als eine Verteidigung ab dem ersten Zentimeter bleibt den kleinen baltischen Staaten im Falle eines russischen Angriffs gar nicht übrig.