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Barbetreiber Moretti frei Italien zeigt der Schweiz die gelbe Karte

Dass ein gut befreundeter Nachbarstaat seinen Botschafter zu Konsultationen zurückbeordert, kommt selten vor. Dass Italien nun genau dies tut, ist ein überdeutliches Zeichen des italienischen Unmuts, der sich angestaut hat.

Italien trauert weiter intensiv um seine Toten und Verletzten von Crans-Montana. Und ärgert sich darüber, dass die Gemeinde das Lokal entgegen geltenden Vorschriften lange nicht kontrollierte. Dass der Gemeindepräsident weiter im Amt ist. Dass man Minderjährige in die Bar liess und ihnen Alkohol ausschenkte. Und nun kam auch noch der Barbetreiber auf freien Fuss. Diese Nachricht schlug in Italien ein und brachte das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen.

Durst nach Gerechtigkeit

Die Brandnacht von Crans-Montana hat das Zeug, das Verhältnis Italiens zur Schweiz nachhaltig zu trüben oder gar zu beschädigen. Es besteht die Gefahr, dass sich Crans Montana zum neuen Sinnbild für die Schweiz verfestigt und sich im kollektiven Gedächtnis einbrennt.

Natürlich weiss man auch in Italien, dass die Schweizer Justiz unabhängig ist und dass die Regierung die Festnahme des Barbetreibers nicht einfach anordnen kann. Aber in Italien erwartet man nun, dass keine weiteren Fehler passieren. Dass die Schweiz schnell reagiert, vor allem bei den Entschädigungen. In Italien sagt man dazu: «Abbiamo sete di giustizia» – wir haben Durst nach Gerechtigkeit.

Die Schweiz soll die emotionale Ebene ansprechen

Dabei geht mitunter vergessen, dass es auch in Italien ganz schön dauern kann. Und dass auch in Italien längst nicht alle dringend Verdächtigen sofort in Haft kommen.

Man denke zum Beispiel an den Fall Francesco Schettino. Der Bruchkapitän hatte das Schiff Costa Concordia 2012 gegen Felsen gesteuert, insgesamt 32 Menschen starben. Doch der dringend Tatverdächtige Schettino lebte auch Jahre nach dem Unglück noch auf freiem Fuss. Und auch acht Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua mit seinen 43 Toten ist noch kein Urteil gefällt, alle Verdächtigen sind weiterhin frei.

Italien reagiert beim Thema Crans-Montana sehr emotional. Und Italien erwartet von der Schweiz, dass sie auch diese emotionale Ebene anspricht und ernst nimmt. Sollte dies der Schweiz nicht gelingen, könnte der Schaden weiter wachsen.

Franco Battel

Italienkorrespondent

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Franco Battel ist seit 2024 wieder Italienkorrespondent bei Radio SRF. Zuvor war er Auslandredaktor. Bereits von 2015 bis 2021 berichtete Battel als Korrespondent für Italien und den Vatikan aus Rom. Zuvor war er als Auslandredaktor für Mexiko, Zentralamerika, Kuba und Liechtenstein verantwortlich.

Info 3, 24.1.2026, 17 Uhr ; 

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