Die Brandkatastrophe in Crans-Montana sorgt International für Kritik. Besonders gross ist sie aus Italien. Das Land hat sechs Opfer zu beklagen und hat am Donnerstag ein eigenes Strafverfahren verkündet. Der italienische Botschafter in der Schweiz und Liechtenstein, Gian Lorenzo Cornado, über Entschädigungen, fehlende Autopsien, und die Schuldfrage.
SRF News: Was hat Sie in den letzten 15 Tagen am meisten bewegt?
Gian Lorenzo Cornado: Zweifellos der Kontakt mit den Familienangehörigen. Als ich am 1. Januar in Crans-Montana ankam, hatten sich die Familien bereits im Kongresszentrum versammelt. In ihren Augen sah ich die Angst, dass das Unwiderrufliche geschehen sein könnte.
Ich habe Aussenminister Antonio Tajani angerufen, ihn auf Lautsprecher gestellt und ihn mit allen Angehörigen sprechen lassen. Er sagte: Ich spreche zu Ihnen nicht nur als Minister, sondern vor allem als Vater und Grossvater. Tajani kam einen Tag später vor Ort und wurde von den kantonalen Behörden, der Kantonspolizei und der Generalstaatsanwältin empfangen und traf sich mit den Familien.
Die Öffentlichkeit war bestürzt über die Haltung des Gemeinderats.
Was hat sie am meisten schockiert oder irritiert?
Es gab diese berühmte Pressekonferenz, die viele verblüfft hat. Die Reaktion des Gemeinderats, der sich nicht bei den Familien entschuldigen wollte und zugab, keine regelmässigen Kontrollen des Lokals angeordnet zu haben, war befremdlich. Der Gemeindepräsident hat zugegeben, dass die Gemeinde ihre Pflicht nicht erfüllt hat, also hat auch er sich nicht an das Gesetz gehalten. Die Öffentlichkeit war bestürzt über diese Haltung, aber vor allem war sie schockiert über das Verhalten der Barbetreiber des Lokals. Dieses ist sehr schwerwiegend und hat die Voraussetzungen für dieses Drama geschaffen.
In Bologna soll nun die Exhumierung eines Opfers stattfinden.
Ja, das wurde von der Familie gewünscht. Keiner der verstorbenen Italiener wurde einer Autopsie unterzogen, was nach Ansicht der italienischen Justiz jedoch notwendig gewesen wäre. Wir wissen nicht, ob die Opfer an Verbrennungen oder einer Rauchvergiftung gestorben sind, oder weil sie in der Massenpanik erdrückt wurden. Dies ist eine wichtige Tatsache für die Ermittlungen zur Schuldfrage. Denn es ist eine Sache, an einer Rauchvergiftung zu sterben, und eine andere, weil es zu einer Massenpanik gekommen ist.
Wie erklären Sie sich, dass die Autopsien nicht durchgeführt wurden?
Die genauen Gründe kenne ich nicht. Was ich sagen kann, ist, dass die Kantonspolizei sehr professionell gearbeitet hat. Innerhalb von 48 Stunden hat sie es geschafft, alle Opfer zu identifizieren. Zunächst hatte man befürchtet, dass dies Tage oder Wochen dauern würde. Es kann sein, dass man es vorgezogen hat, die Leichen nach der Identifizierung sofort ihren Familienangehörigen zu übergeben.
Auf rechtlicher Ebene könnte es zu einer europäischen Angelegenheit werden.
Italien will als Zivilpartei auftreten und hat auch die Europäische Gemeinschaft aufgefordert, dasselbe zu tun. Weshalb?
Um vor Gericht Ansprüche geltend machen zu können. Wenn die Verantwortlichen verurteilt werden, werden sie auch zur Zahlung von Entschädigungen verurteilt. Damit kann der italienische Staat von den Eigentümern des Lokals die Ausgaben ersetzt bekommen. Doch zuerst muss geklärt werden, ob dies nach schweizerischem Recht überhaupt möglich ist.
Zudem handelt es sich bei den Opfern auch um europäische Bürger, nicht nur um Italiener. Daher ist es richtig, dass die Europäische Kommission einbezogen wird. Auf rechtlicher Ebene könnte dies zu einer europäischen Angelegenheit werden.
Das Gespräch führte Philipp Zahn.