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Putin provoziert Polen
Aus Echo der Zeit vom 10.01.2020.
abspielen. Laufzeit 08:24 Minuten.
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Beginn des Zweiten Weltkriegs Putin schiebt Polen Mitschuld in die Schuhe

  • Kurz vor Weihnachten hat der russische Präsident bei mehreren Gelegenheiten den Beginn des Zweiten Weltkriegs umgedeutet.
  • Polen sei mitverantwortlich für den Beginn des Krieges, sagte Putin. Denn Polens damalige politische Führung sei antisemitisch gewesen.
  • Für Polen ist das eine Provokation. Das polnische Parlament hat die Aussagen des russischen Präsidenten denn auch scharf verurteilt.

Politik in Polen, das ist Grabenkampf. Regierung und Opposition stehen sich unversöhnlich gegenüber. Ausser gestern Abend: Da hat ausgerechnet Wladimir Putin die Streithähne vereint. Per Akklamation, ohne Gegenstimme, hat das polnische Parlament eine Resolution verabschiedet und die «falschen und provokativen» Aussagen des russischen Präsidenten verurteilt.

Russland ist im Selbstverteidigungsmodus

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Porträt David Nauer
Legende:Eine Einschätzung von Korrespondent David Nauer in Moskau.

Seit einiger Zeit werden in Osteuropa Stimmen laut, welche die Verbrechen Stalins vor und während des Zweiten Weltkrieges anklagen. Für die russische Führung ist das fast Gotteslästerung. Denn unter Putin hat der Kreml den Sieg von 1945 zum wichtigsten Ereignis der russischen Geschichte erhoben.

Es gibt eine staatlich gelenkte Erinnerung an diesen Sieg. Er wird beinahe sakral gefeiert. Die Erzählung ist, dass es ein heroischer Kampf der absolut guten Sowjetunion gegen die absolut bösen Nazis war. Wer nun diese Art der Erinnerung auch nur in Ansätzen infrage stellt, muss mit einer russischen Gegenattacke rechnen.

Der aktuelle Auslöser für Putins Angriff ist eine Resolution des Europäischen Parlaments vom vergangenen Herbst. Darin wird festgehalten, dass Nazi-Deutschland und die Sowjetunion beide verantwortlich seien für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Die Russen und auch Putin persönlich hat diese Resolution sehr erzürnt – wie ich finde auch nicht ganz zu Unrecht, denn es stimmt zwar, dass Stalin damals skrupellos Länder besetzte.

Aber es ist eben auch so, dass kein anderes Land so viele Menschen verloren hat im Kampf gegen die Nazis wie die Sowjetunion. Und angesichts dieses Leids des sowjetischen Volkes finde ich es schon etwas polemisch und auch respektlos, Nationalsozialismus und Sowjetunion auf eine Stufe zu stellen.

Doch das grundsätzliche Problem ist, dass verschiedene Länder sich an verschiedene Perioden dieser Zeit erinnern. Mit anderen Worten: Alle sehen sich als Opfer und niemand ist bereit, einzugestehen, dass auch die eigenen Vorfahren Täter waren.

Bewirken wird die Resolution wenig. Aber sie zeigt, wie sehr der russische Präsident Polen vor den Kopf gestossen hat. Polen sei am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mitschuldig gewesen, sagte Putin mehrfach. Der russische Einmarsch in Polen gut zwei Wochen nach dem deutschen Überfall sei ein Akt sowjetischer Selbstverteidigung gewesen. Das ist in polnischen Ohren eine Beleidigung. Denn Polen sieht sich als erstes Opfer des Zweiten Weltkriegs.

Man kann Putins Versuch, Polen eine Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in die Schuhe zu schieben, nur als stalinistischen Revisionismus bezeichnen.
Autor: Andrzej DudaPräsident Polens

Und zwar mit gutem Grund: Hitler und Stalin hatten das Land schon unter sich aufgeteilt, bevor Nazi-Deutschland im September 1939 von Westen her Polen überfiel, und bevor die sowjetischen Truppen von Osten her einmarschierten.

Man könne Putins Versuch, Polen eine Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in die Schuhe zu schieben, nur als stalinistischen Revisionismus bezeichnen, sagt Polens Präsident Andrzej Duda. Und Regierungschef Mateusz Morawiecki twittert: «Putin hat schon oft gelogen, wenn es um Polen geht. Er macht das bewusst. Meistens dann, wenn der internationale Druck auf die Regierung in Moskau hoch ist.» Putins Geschichtslektion hat das sowieso schon kühle polnisch-russische Verhältnis weiter abgekühlt.

Dabei wäre 2020 – gerade aus historischen Gründen – ein guter Zeitpunkt für eine Annäherung. In gut zwei Wochen wird in Auschwitz der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee vor 75 Jahren gedacht.

Doch Russlands Präsident Wladimir Putin kommt nicht. Vielleicht – so genau weiss man es nicht – wurde er von den Polen auch nicht eingeladen.

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40 Kommentare

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  • Kommentar von Christa Wüstner  (Saleve2)
    Putin fühlt sich vor den Kopf gestossen, weil man Russland Mitschuldig spricht für den 2. Weltkrieg. Ausserdem wird Stalin noch heute sehr verehrt für die Befreiung seines Landes
    Von den Nazis. Es sind vor allem die älteren Bürger, die das noch gut in Erinnerung haben.
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  • Kommentar von Beni Fuchs  (Beni Fuchs)
    Ich mach mir nun eher Sorgen, wer mitschuldig sein wird am 3. Weltkrieg. Es scheint eh niemand in den Machteliten dieses Erdballs etwas gelernt zu haben aus den ersten Beiden. Selbst bei all den Wählern und Akzeptanten dieser vielen 'komischen' Regierungen zweifle ich. Aber nur zu, fokussiert Euch aufs Umdeuten der Erfahrungswerte...
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  • Kommentar von Christoph Heierli  (help)
    Von in die Schuhe schieben keine Rede. Ihr Titel ist falsch. Putin hat Recht, Die meisten Historiker bestätigen dies. An den langen Grenzen zu Russland sind Polen immer wieder eingefallen und haben russische Dörfer ausradiert, die Frauen vergewaltigt Kinder entführt usw. Bis der regierende Zar die Kosaken zum Schutz formierte. Wenn die Polen ein Dorf in Russland einäscherten, haben die Kosaken einfach zwei polnische ausgelöscht. Erst dann haben die polnischen Überfälle aufgehört.
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    1. Antwort von Andreas Dante  (Andreas Dante)
      Auf welche HistorikerInnen beziehen Sie sich da? Ich bitte um Quellen.
      Ferner, von welchem Jahrhundert sprechen Sie? Polen war seit 1795 grösstenteils russisches Staatsgebiet und wird erst 1918 zu einem souveränen Staat? Wenn Sie den (für die Soviets total peinlichen) polnisch-sovietischen Krieg meinen, dann müssen Sie aber schon den Kontext nennen (russ. Bürgerkrieg). Die Zaren waren damals schon lange weg von der Weltbühne. Für mich klingt das, mit Verlaub, nach hist. Revisionismus.
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