Bewohner von Aleppo trauen den «sicheren» Fluchtkorridoren nicht

Seit Monaten ist Aleppo heftigst umkämpft – die humanitäre Lage in der nordsyrischen Stadt ist katastrophal. Syriens Regierung und Russland sind dabei, Fluchtkorridore für die eingeschlossenen Bewohner zu errichten. Doch nutzen lässt sich das Angebot offenbar kaum. Und die Bomben fallen weiter.

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Misstrauen in Aleppo

1:05 min, aus Tagesschau vom 29.7.2016

Leben lässt sich in Aleppo eigentlich schon lange nicht mehr. Grosse Teile der Stadt im Norden Syriens wurden dem Erdboden gleichgemacht. Doch noch immer sind etwa 250'000 Menschen dort eingekesselt.

Syrische Soldaten in einem komplett zerstörten Viertel von Aleppo. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gegen 250'000 Menschen sollen sich noch in Aleppo befinden – weite Teile der Stadt sind komplett zerstört. Keystone

Mittlerweile haben die syrische Regierung und ihr Verbündeter Russland begonnen, mehrere «sichere» Korridore zu errichten, mittels denen Zivilisten die heftig umkämpfte Stadt verlassen sollen. Flugblätter mit den entsprechenden Fluchtrouten wurden aus Helikoptern abgeworfen. Doch das Angebot haben laut Beobachtern bisher nur zwölf Menschen angenommen.

Denn: Rebellengruppen hätten Strassensperren errichtet und verhinderten, dass Menschen sich den Korridoren näherten. Zudem werfe die syrische Regierung weiter Bomben ab. Die Routen in den von Rebellen kontrollierten Gebieten seien de facto geschlossen, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

UNO: Fluchtkorridore sind «unser Job»

Die Vereinten Nationen riefen Russland dazu auf, die Verwaltung der Fluchtkorridore UNO-Experten zu überlassen. Wenn es um humanitäre Hilfe für die notleidende Bevölkerung von Aleppo gehe, seien UNO-Organisationen am besten geeignet, erklärte der UNO-Sonderbeauftragte für Syrien, Staffan de Mistura, in Genf. Aktivisten in Aleppo hatten zuvor berichtet, dass die Bewohner der Stadt zögerlich seien und fürchteten, vom syrischen Regime festgenommen zu werden.

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IS tötet 24 Zivilisten

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat nach Angaben von Menschenrechtsbeobachtern mindestens 24 Zivilisten im Norden Syriens exekutiert. Die Dschihadisten hätten einen Überraschungsangriff gestartet und mehrere Dörfer in der Nähe der belagerten Stadt Manbidsch attackiert.

Währenddessen warnte Deutschlands Aussenminister Frank-Walter Steinmeier einmal mehr vor der «furchtbaren humanitären Katastrophe», die sich in Aleppo anbahne. Und er übte offen Kritik: «Wer wie das syrische Regime mit Flächenbombardements die Krise auslöst und gleichzeitig unabgesicherte Fluchtwege anbietet, treibt ein zynisches Spiel, stellt die Menschen vor eine erbarmungslose Wahl und versperrt letztlich auch jegliche Aussicht auf eine Wiederaufnahme der Genfer Gespräche.»

Kritik von allen Seiten

Auch Frankreich kritisierte die angekündigten humanitären Korridore als nicht «glaubwürdige Antwort». «Das humanitäre Völkerrecht verlangt, dass Hilfe schnellstens dorthin gebracht werden kann», teilte der Sprecher des Pariser Aussenministeriums mit.

Die syrische Armee und ihre Verbündeten hatten vor gut zwei Wochen die letzte Versorgungsroute in die Rebellenviertel von Aleppo gekappt. Gemäss internationalen Hilfsorganisationen fehlt es insbesondere an Lebensmitteln und medizinischer Versorgung.