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Mit Jane Elliotts Methode gegen Vorurteile
Aus Echo der Zeit vom 30.06.2020.
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Blaue Augen vs. braune Augen Jane Elliotts Schocktherapie gegen Rassismus

Die amerikanische Lehrerin Jane Elliott teilte Ende der 1960er Jahre ihre Klasse in Blau- und Braunäugige ein. Die Blauäugigen bevorzugte sie, die Braunäugigen diskriminierte sie. Sie wollte so den Kindern zeigen, wie sich Rassismus anfühlt. Elliott engagiert sich heute noch.

Seit dem Tod von George Floyd wird in den USA so intensiv über Rassismus debattiert wie letztmals in den 1950er- und 1960er-Jahren während der Bürgerrechtsbewegung. Zu den Aktivistinnen von damals gehört auch Jane Elliott. Die Primarschullehrerin aus dem ländlichen Bundesstaat Iowa sorgt 1968 mit einem Experiment unter dem Titel «Blue Eyes, Brown Eyes» weltweit für Furore.

Sie teilt dabei ihre Klasse in zwei Gruppen ein, die Blau- und die Braunäugigen. Sie bevorzugt erstere und diskriminiert letztere, um den Kindern zu zeigen, wie sich Rassismus anfühlt (Anm. d. Red: Im späteren Verlauf des Experiments tauschten die Gruppen die Rollen). Leider sei diese Schocktherapie heute noch immer nötig, sagt Jane Elliott.

Ein Schul-Experiment wühlt das Land auf

Die Idee zu «Blue Eyes, Brown Eyes» hat Jane Elliott am 4. April 1968, am Tag, als Martin Luther King ermordet wird. Sie fragt sich: Wie soll ich am nächsten Tag mit meinen Drittklässlern darüber sprechen?

Ich habe beobachtet, wie die sonst wundervollen Kinder meiner Klasse in nur 15 Minuten zu fiesen, boshaften kleinen Drittklässlern wurden.
Autor: Jane ElliottEhemalige Lehrerin und Antirassismus-Aktivistin

«Ich wusste, dass ich dieses Mal konkret werden musste und nicht bloss weiter darüber reden konnte. Denn geredet hatten wir über Rassismus bereits seit dem ersten Schultag», erinnert sich die heute 87-Jährige.

Nicht reden, handeln, sagt sie sich also. Am nächsten Morgen startet sie ein Experiment, um den Kindern vor Augen zu führen, wie sich Rassismus anfühlt. Zwei Jahre später wird das Experiment gefilmt, der Dokumentarfilm sorgt für grossen Wirbel im ganzen Land.

«Brown Eye» wird zum Schimpfwort

Blauäugige seien bessere Menschen, erklärt Jane Elliott ihren Drittklässlern bei dem Experiment. Blaue Augen würden mehr Licht durchlassen und das wirke sich positiv aufs Gehirn aus. «Blauäugige Menschen sind deshalb intelligenter als braunäugige, sie sind sauberer und zivilisierter», gaukelt Elliott den Kindern vor.

Ältere Dame vor Schulklasse
Legende: Jane Elliott erklärt ihrer Schulklasse, dass blauäugige Menschen intelligenter seien als braunäugige. Frontline PBS / A Class Divided; William Peters , Link öffnet in einem neuen Fenster

Die Kinder mit blauen Augen machen sofort mit: Bald hänseln sie ihre braunäugigen Kameraden, grenzen sie aus beim Spiel in der Pause. «Brown Eye» wird zum Schimpfwort. In nur 15 Minuten verändern sie ihr Verhalten: «Ich habe beobachtet, wie die sonst wundervollen, bedachten Kinder meiner Klasse in nur 15 Minuten zu fiesen, boshaften, diskriminierenden kleinen Drittklässlern wurden», so Elliott.

Auswirkung auf das Selbstvertrauen

Die braunäugigen Kinder sind schon bald verzweifelt, trauen sich aber nicht aufzumucken. Jane Elliott führt mit beiden Gruppen einen Test mit Rechen-Aufgaben durch: Blauäugige Schüler, die sonst Mühe haben mit Rechnen, brillieren plötzlich, braunäugige Musterschülerinnen hingegen versagen. Sie führt das Experiment in den nächsten Jahren immer wieder durch, stets mit gleichen Resultaten.

Was die braunäugigen Kinder erlebten, ist das, was Menschen mit dunkler Hautfarbe angetan wird.
Autor: Jane Elliott
Kinder und Lehrerin sitzen um Tisch
Legende: Die favorisierten Kinder schnitten während des Experiments bei Tests besser ab als die andere Schülergruppe. Frontline PBS / A Class Divided; William Peters , Link öffnet in einem neuen Fenster

Heute ist Jane Elliott fest überzeugt: Wer ständig herabgesetzt wird, verliert das Selbstvertrauen und fügt sich in die zugewiesene Rolle. Was die braunäugigen Kinder in ihrer Klasse erlebten, sei das, was Menschen mit dunkler Hautfarbe angetan werde.

Der rassistischen Vergangenheit stellen

Die Bevölkerung von Riceville, Iowa, reagiert Ende der 1960er-Jahre mit Entsetzen und rassistischen Sprüchen auf das Experiment von Jane Elliott: «Sie sagten: Ich weiss nicht, warum sie sich über Rassismus in Riceville aufregt, wir haben hier keinen Rassismus – wir haben keine ‹Nigger› hier. Das war das Wort, das sie brauchten!»

Freunde und Nachbarn brechen den Kontakt zu ihr ab, selbst ihre Kinder werden bespuckt und ausgegrenzt. Im Lehrerzimmer rät man ihr: Tu das nicht mehr, lass die Vergangenheit ruhen, blicke nach vorne.

Es gibt nur eine Rasse – die menschliche Rasse.
Autor: Jane Elliott

Solange sich das Land nicht seiner rassistischen Vergangenheit stelle, würden die alten Fehler wiederholt, sagt Jane Elliott noch immer mit Bestimmtheit. Aber leider müsse man die Leute auch heute wieder daran erinnern, dass es nur eine Rasse gebe: die menschliche Rasse.

«Der einzige Grund, warum wir weisse Haut haben, ist die natürliche Reaktion unserer Haut auf die Umwelt. Kommt darüber hinweg, Leute!», betont die pensionierte Lehrerin.

Ältere Frau mit Sweatshirt und Anti-Rassismus-Spruch
Legende: Jane Elliott kämpft auch heute noch gegen Vorurteile und «ein irrationales Klassensystem, das auf rein willkürlichen Faktoren beruht». zVg / janeelliott.com

Schockexperiment noch immer nötig

Elliott führte jahrelang Workshops durch und sogenannte «diversity trainings», auch mit Erwachsenen. Der Film über ihr Experiment aus den 1960er-Jahren zirkuliert heute wieder auf den sozialen Medien.

Müsste man das Experiment von damals auch noch heute durchführen? «Oh my Lord, Ja, unbedingt!», ruft Elliott. Nach der Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten habe sie geglaubt, das Land sei auf dem richtigen Weg. Aber sie habe die Wut vieler Weisser unterschätzt.

Die Lüge der weissen Überlegenheit wird heute wieder täglich verbreitet.
Autor: Jane Elliott

Und jetzt stelle Donald Trump sicher, dass die Lüge der weissen Überlegenheit noch immer täglich verbreitet werde. Dass seit dem Tod von George Floyd jetzt so viele Junge gegen Rassismus protestierten, auch die Kinder ihrer damaligen Drittklässler, erfülle sie aber mit Dankbarkeit: «Heute beteiligen sich so viele Weisse an den Protesten der Schwarzen wie nie zuvor.» Dafür verantwortlich sei Donald Trump. Er wirke wie ein Spiegel, in dem viele Weisse ihre eigene bisherige Ignoranz wieder erkannten.

Die Zeit, in der die Weissen ihre eigene Vorstellung vom Zusammenleben rücksichtslos durchsetzen konnten, sei vorbei. Was derzeit passiere, ist Jane Elliott überzeugt, sei das nahende Ende des Anspruchs auf weisse Vorherrschaft.

Echo der Zeit, 30.06.2020, 18:00 Uhr

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Maria Müller  (Mmueller)
    Interessante Nebenbeobachtung: In Südafrika gibt es ja neben Weissen und Schwarzen auch noch die sog. Farbigen/Coloureds. Das sind (übrigens Millionen!) Menschen, die unter ihren Vorfahren sowohl Weisse als auch Schwarze hatten, also Mischlinge sind. Und der Punkt ist: Diese Coloureds werden von den herrschenden (ANC-) Schwarzen z.T. ganz handfest diskriminiert (und mit ganz üblen Bezeichnungen tituliert). Weil sie sie als "unechte Schwarze" verstossen (!!) Und Europa schaut grossteils weg...
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    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Maria Müller: Südafrika ist seit dem Tod Nelson Mandelas kein Musterbeispiel mehr, sondern ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Die südafrikanische Regierung ist menschlich und fachlich unfähig. Leider wählen die meisten "echten" Schwarzen immer noch reflexartig den ANC, so dass diesem die politische Konkurrenz fehlt und er als faktische Monopolpartei schalten und walten kann wie er will.
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    2. Antwort von Timo Bucher  (rasifix)
      Rassismus in jeglicher Form ist zu verurteilen. Ich hoffe ihre Aussage ist nicht als Entschuldigung für den Rassismus der Weissen zu verstehen.
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    3. Antwort von Maria Müller  (Mmueller)
      @T. Bucher: Nein, aber als Kritik am (opportunistisch??) grossteils fleissig wegschauenden Europa. Schwarze unterdrücken "Halbschwarze": Wo bleiben hier all die massenhaften "George Floyd Demos" ??? (Ach ja stimmt, die passen ja nicht ins Konzept, es lässt sich nicht "politisch bewirtschaften".)
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    4. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Timo Bucher: Rassismus ist nicht ein Begriff der exklusiv nur für Weisse gilt. Es gibt schwarze Rassisten gegen die weissen oder indischstämmigen Minderheiten in Südafrika und Zimbabwe. Es gibt arabische Rassisten gegen die billigen Arbeitskräfte aus den Philippinen und Bangladesh. Es gibt Chinesen, die sich als Rassisten gegenüber den eigenen Minderheiten, wie den Tibetern verhalten, etc.
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    5. Antwort von Maria Müller  (Mmueller)
      Letztendlich zeigt die Auflistung von T. Leu eines deutlich: Das dieses Thema wohl nie gelöst werden wird. Es gibt mehr als 190 Staaten weltweit und in prakt. keinem einzigen (!) von ihnen klappt eine "real existierende Multikulti-Utopie". Auf Gesetzesebene mag es zwar funktionieren (und das ist natürlich gut so!), aber auf Stufe "Mikrokosmos" sieht es dann halt doch grossmehrheitlich anders aus (schwarz bleibt bei schwarz, weiss bei weiss, coloured bei coloured).
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  • Kommentar von Corinne Ehrler  (Corinne Ehrler)
    Ist jetzt eigentlich jeden Tag "Tag des Antirassismus" ? Hey, es gibt auf der Welt noch brennendere Probleme...!
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    1. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Viele davon sind Folge genau dieses Problems: Vorurteile. Rassismus ist nur eine Form davon. Dieses Experiment hat auch zu tun mit Diskriminierung anderer Art, sei es wegen der Religion, dem Geschlecht, dem Körperbau oder einfach wegen ein bisschen anders sein als der Durchschnitt. In der heutigen Zeit geht es auch um Cybermobbing.
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    2. Antwort von Danielo Rüfenachto  (leGierAffe)
      Jaja Frau Ehrler, es gibt viele Menschen die solche Themen lieber ignorieren möchten. Glücklicherweise wird man Ihnen den Gefallen wohl nicht machen..
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    3. Antwort von Maria Müller  (Mmueller)
      @d. rüfenacht: Und es gibt (linke) Kreise, die am liebsten jede Woche einen "Rassismus-Skandal" bzw. irgendeine Demo (oder Plünderung) machen möchten. Glücklicherweise wird man ihnen den Gefallen wohl nicht machen...
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  • Kommentar von samuel mollet  (mollet_s)
    Eine Bitte an alle die kommentieren..... bitte zuerst den Film 'Blue Eyed' schauen, sich eine Meinung bilden und dann trollen - wenn man noch will/kann....
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