Ein Palazzo im Herzen von Vicenza, einer Stadt im Hinterland Venedigs. In den Büros der Industriellenvereinigung klagt Maurizio Basso über die hohen Kosten für den Strom. Er bezahle dafür heute doppelt so viel wie noch vor fünf Jahren.
Gaspreis als Treiber
Darüber klagen viele in Italien. Denn der Strom ist so teuer wie fast nirgendwo sonst in Europa. Das liegt daran, dass unser südliches Nachbarland viel Strom aus Gas produziert. Steigt der Gaspreis, dann steigt auch der Strompreis.
Maurizio Basso leitet einen Betrieb in Vicenza mit knapp 500 Angestellten. Sie produzieren die Mechanik, um Autositze vollautomatisch zu bewegen und bequem auf den jeweiligen Fahrer einzustellen. Es ist ein Produkt für teure Autos, mit dem Bassos Firma europäische Marktführerin ist.
Doch es gibt Konkurrenz aus China: «Dort kostet der Strom dreimal weniger als in Italien. Für uns ist das ein enormer Wettbewerbsnachteil», klagt der Firmenchef.
Italien produziert nur wenig Solarstrom
China verfügt anders als Italien über Atomkraftwerke, deren Strom derzeit deutlich billiger ist als jener, den man aus Gas erzeugt. Zudem hält Chinas Regierung den Strompreis bewusst tief, um seine Industrie vor ausländischer Konkurrenz zu schützen.
Das italienische Klagelied über die hohen Energiepreise ist berechtigt und seit Jahren zu hören. Längst schon hätte Italiens Politik den Strommix ändern müssen: hin zu mehr Wind- oder Solarenergie.
Doch Fehlanzeige: Das sonnige Italien produziert nach wie vor viel zu wenig Solarstrom. Warum? Italien müsse dringend seine Bürokratie abbauen, um Solarpanels oder Windräder unkompliziert zu bewilligen, sagt Basso.
Rückkehr zum Atomstrom?
Die überbordende Bürokratie – auch das ein altes Klagelied. Um Abhilfe zu schaffen, will Italien mit Mini-Reaktoren bald wieder Atomstrom produzieren. Doch solcher dürfte wohl frühestens in zehn bis 15 Jahren fliessen. Und doch gibt es Wege, die Stromkosten zu reduzieren – erstaunliche Wege.
Und so treffen wir in einer Bar in der Altstadt von Vicenza den Elektroingenieur Jonjan Hoxha: «Mit unseren Vorschlägen können Firmen ihre Stromrechnungen innert weniger Monate um bis zu 30 Prozent reduzieren», sagt er.
Parasitären Stromverbrauch bekämpfen
Um das zu erreichen, montieren Hoxha und seine Angestellten Sensoren, die den Verbrauch jeder einzelnen Maschine genau messen. So könne man parasitären oder verborgenen Stromkonsum eliminieren. Denn: «Defekte oder schlecht eingestellte Maschinen verbrauchen oft deutlich mehr Strom.»
Es gebe aber auch Maschinen, die im Ruhezustand viel Strom konsumieren und die man darum ganz abschalten müsse, erklärt Hoxha. Er und seine Firma Astreo haben bereits vierzig Unternehmen auf ihre Stromeffizienz abgeklopft.
Grosses Sparpotenzial bei KMU
Italien ist stark industrialisiert. Doch viele Firmen sind nur klein oder mittelgross. Meist haben sie nicht die Mittel, ihren Maschinenpark regelmässig zu erneuern. Darum stehen in Italiens Fabriken viele Stromfresser. Das Potenzial für kreative Sparvorschläge ist dementsprechend gross.
Zurück in der Industriellenvereinigung. Wegen der blockierten Strasse von Hormus seien die Lieferketten nun unterbrochen, sagt Firmenchef Basso. Auch bei einem schnellen Friedensschluss rechnet der Patron nicht mit rasch sinkenden Energiepreisen.
Strom sparen oder den Energiemix ändern – viele Alternativen hat Italien nicht.