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Britische Bahn in der Kritik Das privatisierte Sorgenkind

Grossbritannien galt als Muster für die Privatisierung von Staatsbetrieben. Doch auf den Schienen dreht sich der Wind.

Legende: Video Briten wollen Staatsbahn zurück abspielen. Laufzeit 2:31 Minuten.
Aus Tagesschau vom 22.07.2018.

Seit Margaret Thatcher Grossbritannien als Premierministerin regierte, dominiert eine wirtschaftsfreundliche Ideologie bei den Staatsbetrieben. Wasserversorgung, Energieunternehmen oder die Eisenbahn wurden auf der Insel privatisiert und sollten sich dem freien Markt stellen. Mehr Wettbewerb, weniger Bürokratie: so das Versprechen.

Margaret Thatcher und John Major im Zug
Legende: Architekten der Privatisierung an Bord: die ehemaligen Premierminister Margaret Thatcher und John Major im Jahr 1994. Reuters

Der Weg nach Edinburgh rentiert sich nicht

Doch nun, rund drei Jahrzehnte später, findet in der Bevölkerung ein Stimmungsumschwung statt. In einer Umfrage zeigten sich rund zwei Drittel der Briten unzufrieden mit den Privatisierungen, sie wünschen sich, dass manche Versorger wieder in staatliche Hände fallen. Gerade die Eisenbahn ist statt eines Musterschülers zurzeit eher ein Problemkind.

Ein Beispiel: die Strecke zwischen London und Edinburgh. Die Bahnlinie ist nicht rentabel genug. Zuletzt hatte Unternehmer und Milliardär Richard Branson sein Glück versucht – und kurz darauf wieder kapituliert. Bereits zum dritten Mal innert 15 Jahren übernimmt der Staat die Strecke, eine Schmach für Transportminister Chris Grayling von Theresa Mays konservativer Partei.

Teuer und nicht zuverlässig

Die Opposition um Labour-Anführer Jeremy Corbyn sieht sich bestätigt: Die Privatisierungswelle Thatchers müsse rückgängig gemacht werden. «Die Öffentlichkeit bezahlt die Infrastruktur und die privaten Unternehmen schaffen es nicht rentabel zu fahren», klagt der Linkspolitiker.

Jeremy Corbyn in einem Zug
Legende: Sein Kurs gegen Privatisierungen nimmt Fahrt auf: Oppositionsführer Jeremy Corbyn möchte auf Verstaatlichungen setzen. Imago

Bei der britischen Eisenbahn ist der Lack ab. Es kommt zu zahlreichen Verspätungen und Ausfällen, die Zugbillette gehören zu den teuersten Europas. In der Bevölkerung steigt die Unzufriedenheit.

Liegt die Schuld beim Staat?

Ist die Privatisierung der Bahn für den schlechten Service verantwortlich? Das sehen nicht alle so. Für Duncan Simpson von der Allianz der Steuerzahler liegt die Schuld beim staatlichen Teil des Bahnsystems: «Die schlechte Infrastruktur ist für zwei Drittel der Verspätungen verantwortlich und diese ist ja in staatlicher Hand.» Die Privatisierung der Bahn ging für Simpson nicht weit genug.

Bis jetzt überzeugt das Zusammenspiel von Staat und Privatwirtschaft jedenfalls nicht. Sollte sich die Situation nicht verbessern, wird die Kritik an der teilprivatisierten Bahn auf beiden Seiten immer lauter werden.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Die funktionierende Infrastruktur ermöglicht, dass Arbeitsplätze erreicht werden. Kündigungen sind in der Schweiz immer möglich, also braucht es diese funktionierende Infrastruktur, damit nicht dauernd umgezogen wird. Zentral ist, das rentierende Strecken die weniger lukrativen Strecken quersubventionieren, sonst entvölkern sich gewisse Gegenden noch viel schneller. Das gibt es nur bei öffentlich-rechtlichen öV. Private wollen nur die Hauptstrecken und sogar die BLS will nur diese.
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  • Kommentar von Olaf Schulenburg (freier Schweizer)
    Einmal mehr zeigt sich das doe gesamte Privatisierungsidee ein Irrweg darstellt. Also muss auch in der Schweiz die Norbremse gezogen werden. Alles was bereits privatisiert ist muss rückgängig gemacht werden. Unbedingt an das kranke Gesundheitssystem denken und ebenso dürfen keine Wasserquellen mehr in privater Hand bleiben. Alle wollen das System ausschlachten und Mitanbieter mit Billigpreisen zerstören. Sobald das geschehen ist explodieren die Preise und die Qualität stürzt in den Keller.
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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Es gibt den spannenden Artikel von Timothy Roth, Harvard, der sicher kein Linker ist. Er zeigt darin auf, dass die Frage, ob privat oder öffentlich rein ideologisch zu beantworten sei. Es gibt keine objektiven Gründe für das eine oder andere. Z.B. in «The roaring ninties» hat Stiglitz, ehem. Weltbanker/ Berater Clinton, die «effizientesten Stahlwerke der Welt» erwähnt in Taiwan & Südkorea. Ohne Argumente forderte er die Privatisierung. Wir sollten lernen, dass wir Interessen haben, nicht Werte.
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