Verbotene, romantische und aufopfernde Liebe: Das britische Nationalarchiv in London zeigt in seiner Ausstellung «Love Letters» Korrespondenz aus über 500 Jahren voller Sehnsucht, Herzschmerz und Leidenschaft. Eine Auswahl dreier berühmter Briefe.
Bosies leidenschaftlicher Appell an Königin Victoria
1895 schrieb Lord Alfred Douglas, «Bosie», einen verzweifelten Brief an Königin Victoria mit der Bitte, seinen Liebhaber Oscar Wilde zu begnadigen. Der irische Schriftsteller war einige Wochen zuvor wegen «Unzucht» zu zwei Jahren Haft und Zwangsarbeit verurteilt worden – Alfred Douglas' Vater hatte die Beziehung zwischen den beiden enthüllt.
Obwohl die beiden eine turbulente Beziehung führten, zeigt Bosies Brief eine tiefe Bewunderung und Zuneigung für seinen Liebhaber. Wilde lebte nach seiner Haftentlassung im Exil in Paris, Bosie distanzierte sich später von Wilde und dem Skandal.
«Männer begehren Männer und Frauen begehren Frauen: Das war für mich überraschend», sagt Saul Nassé, Geschäftsführer des Nationalarchivs.
Auch Victoria Iglikowski-Broad, Kuratorin der Ausstellung, betont die Bedeutung des Briefs, der queere Beziehungen repräsentiert. «Der Brief ist wichtig, weil es nicht viele davon gibt.» Sie könnten nur deshalb gezeigt werden, weil sie beschlagnahmt, zur Strafverfolgung der Liebenden verwendet und archiviert wurden.
Robert Dudleys «Last Lettar» an Queen Elizabeth I.
Kurz vor seinem Tod schrieb Robert Dudley 1588 einen letzten Brief an Königin Elizabeth I. Die beiden kannten sich seit ihrer Kindheit. Ihre Beziehung zu einem verheirateten Mann gab immer wieder Anlass zu Gerüchten und bedrohte ihren Ruf – weshalb sich Königin Elizabeth I. auch gegen eine Heirat mit Dudley entschied, als seine Frau starb.
Doch ihre Zuneigung für ihn blieb ein fester Bestandteil während ihrer gesamten Regierungszeit. Nach dem Tod der Königin 1603 wurde Dudleys Brief in einer Schachtel neben ihrem Bett gefunden. Sie hatte ihn mit «His Last Lettar» beschriftet.
König Eduards Thronverzicht für die Liebe
König Eduard VIII. herrschte während 326 Tagen als König von Grossbritannien und Nordirland und Kaiser von Britisch-Indien. Am 10. Dezember 1936 dankte er als König ab – unter anderem aus Liebe zur Amerikanerin Wallis Simpson. Als Oberhaupt der anglikanischen Kirche war es ihm nicht möglich, eine zweifach geschiedene Frau zu heiraten.
Der Abdankungsbrief steche aufgrund seiner historischen Bedeutung hervor, erklärt Saul Nassé. «Es war eine der grössten Liebesaffären des 20. Jahrhunderts – und sie zeigt, wie eine persönliche Beziehung zur Staatssache wurde.» Dieses Dokument zeuge davon, dass die Abdankung die britische Geschichte geprägt hat.
Nach seinem Thronverzicht wurde er zum Herzog von Windsor und lebte mit seiner Frau im Exil.
Mehr als Liebesbriefe
Neben romantischen Liebesbriefen zeigt die Ausstellung auch Korrespondenz über Freundschaften – die Lieblingsdokumente der Kuratorin. «Ich finde, Freundschaft ist ein oft übersehener Aspekt der Liebe. Es geht um emotionale Gefühle, die man nur unter Freunden ausdrücken kann», sagt Victoria Iglikowski-Broad.
«Ich hoffe, dass es den Menschen hilft, auch auf Menschen zuzugehen, die sie lieben, die aber nicht nur romantische Partner sind – und ihnen zu schreiben und mit ihnen zu kommunizieren.»