«Lasst unsere Stadt in Ruhe! Lasst unsere Nachbarn in Ruhe», ruft ein Mann durch die Metallzäune, die das Gebäude umgeben. Agenten der US-Einwanderungsbehörde ICE (US Immigration and Customs Enforcement) brechen hier zu ihren Einsätzen auf. Die Protestierenden trotzen der extremen Kälte – Schals vor den Gesichtern, Eis in den Augenbrauen. Er komme jeweils vor der Arbeit hierher, sagt ein Mann, der anonym bleiben will.
Minneapolis und die Nachbarstadt St. Paul sind im Visier der Trump-Regierung – wie zuvor schon Los Angeles oder Chicago. Seit Wochen läuft eine aggressive ICE-Operation der Migrationspolizei – um papierlose Migranten festzunehmen.
Hierherzukommen ist das Mindeste, was ich tun kann.
«Die Menschen scheinen nervös, solche mit dunkler Hautfarbe trauen sich nicht aus dem Haus. Als Weisser im mittleren Alter muss ich keine Angst vor ICE haben. Hierherzukommen ist das Mindeste, was ich tun kann», sagt der Protestierende.
Doch der Bundesbehörde weht nicht nur klimatisch bedingt ein kalter Wind entgegen. Immer wieder kommt es zwischen den ICE-Beamten und Zivilisten zu teils heftigen Auseinandersetzungen – am 7. Januar wurde die 37-jährige Renée Good in ihrem Auto erschossen. Und auch am Samstag ist es zu einem ungeklärten Fall gekommen – wieder fielen Schüsse, wieder ist eine Person gestorben.
In Minnesota leben viele Menschen somalischer Herkunft. Der Bundesstaat hat einen ausgebauten, grosszügigen Sozialstaat, der in den letzten Jahren vermutlich um Milliarden Dollar betrogen wurde: Viele dieser des Betrugs überführten Personen haben somalische Wurzeln. Ein Anlass für die Trump-Regierung, Minnesota ins Visier zu nehmen – und Gouverneur Tim Walz, einen prominenten Trump-Gegner.
Tatsächlich leben in Minnesota relativ wenige papierlose Migranten – Minneapolis ist klein im Vergleich zu Los Angeles oder Chicago. Trotzdem ist hier, wie es von der Regierung heisst, die bislang grösste ICE-Operation im Gang – mit Tausenden Agenten. Sie durchkämmen die Stadt. Aggressiv, vermummt und schwer bewaffnet.
Aber Minneapolis wehrt sich. Leute organisieren sich, etwa Eltern an Schulen, um Familien zu schützen, die Angst haben, die Wohnung zu verlassen – und Unterstützung mit der Miete brauchen. Kirchen engagieren sich. «Diese Organisation, komplett im Hintergrund, ist überwältigend. Darauf kann man sehr stolz sein», sagt ein Bewohner.
Regierungssicht gegen Meinung vor Ort
Die Trump-Regierung hingegen ist überzeugt: Schuld an den Spannungen hätten Krawallmacher, örtliche Politiker, die zur Gewalt aufriefen, und lokale Behörden, die nicht mit der Migrationspolizei kooperierten. Dabei gehe es doch darum, Schwerverbrecher dingfest zu machen – tausende Schwerkriminelle seien schon festgenommen worden.
Bei dieser Besatzung durch die Bundesregierung geht es schon lange nicht mehr um Einwanderung. Es ist eine Kampagne der organisierten Brutalität gegen die Menschen unseres Bundesstaates.
Die Zahl ist nicht zu überprüfen – und sehr zweifelhaft. Bewohner berichten, sie würden nur aufgrund ihrer Hautfarbe angehalten, auch US-Bürger wurden festgenommen, sogar im eigenen zu Hause. Gouverneur Tim Walz sagt: «Bei dieser Besatzung durch die Bundesregierung geht es schon lange nicht mehr um Einwanderung. Es ist eine Kampagne der organisierten Brutalität gegen die Menschen unseres Bundesstaates.»
Die Bundesbehörden scheinen Minneapolis an den Rand einer grösseren Eskalation zu führen. Aber vielleicht ist das ja das Ziel von Präsident Trump – der gewillt scheint, in US-Städten auch das Militär einzusetzen.