Chinas Wirtschaft: «Bloss kosmetische Reformen»

Die chinesische Führung will mehr Markt und weniger Staat. Doch: Welche Tragweite haben die vage formulierten Reformen tatsächlich? Der bekannteste unabhängige Ökonom Chinas jedenfalls ist skeptisch.

Die Skyline von Peking im Licht der untergehenden Sonne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Skyline von Peking: Mao Yushi sagt, die Immobilienblase werde bald platzen. Reuters

Dass die Beschlüsse des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas einen radikalen Reformschub auslösen, glaubt Professor Mao Yushi nicht. Der liberale Ökonom hat in den 1990er-Jahren Chinas ersten privaten Thinktank zur Wirtschaftspolitik gegründet. Der heute 84-Jährige gilt als angesehenster regierungsunabhängier Ökonom Chinas.

Ohne Krise keine Reformen möglich?

Die von der Parteispitze angekündigten Reformen seien keinesfalls von der gleichen Tragweite wie die vor 35 Jahren, sagt Mao. Damals hatte Deng Xiaoping die Epoche der Reform und Öffnung eingeleitet. Mao Yushi stuft die angekündigten Neuerungen als «bloss kosmetische Wirtschaftsreformen» ein.

Der neue Parteichef Xi Jinping und der Regierungschef Li Keqiang hätten ihre parteiinterne Macht noch nicht genügend festigen können. Und ohne eine handfeste Wirtschaftskrise seien in China sowieso keine radikalen Reformen möglich, das sei schon früher so gewesen, fährt Mao fort.

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Mao Yushi

Mao Yushi

Der Ökonome Mao Yushi geriet in die Schlagzeilen, als er 2011 in einem geradezu blasphemischen Artikel den «Grossen Vorsitzenden» Mao Zedong demontierte. Eine Klage Ultralinker Chinesen blieb folgenlos. 2012 erhielt er in den USA den Milton-Friedman-Preis.

Die Volksrepublik habe zwei grosse Wirtschaftskrisen durchgemacht: Die erste nach der Kulturrevolution, als das Land kurz vor dem Kollaps stand. Nur deshalb habe Deng Xiaoping seine Reformen in der Parteispitze durchboxen können. Den zweiten Reformschub gab es nach dem Tiananmen-Massaker und dem darauffolgenden wirtschaftlichen Stillstand.

Warten auf das Platzen der Immobilienblase

Mao Yushi ist überzeugt, dass China gegenwärtig direkt auf eine neue heftige Krise zusteuert – gerade weil jetzt angekündigten Reformschritte Flickwerk bleiben würden.

Bald schon werde die Immobilienblase platzen, die sich in den letzten Jahren aufgebläht habe. Das werde Krisen in verschiedensten Sektoren auslösen und schliesslich in eine ausgewachsene Finanzkrise münden. So zynisch das klinge, vielleicht seien dann endlich die nötigen Reformen möglich, gibt Mao zu bedenken.

Viele Gruppen verfügen über viel Macht

Allerdings: Das Team von Xi Jinping und Li Keqiang werde es mit ihren Reformversuchen trotzdem viel schwieriger haben als damals Deng Xiaoping, ist Mao Yushi überzeugt. Denn seit damals hätten sich in China mächtige Interessengruppen gebildet – etwa bei Staatsbetrieben mit Quasi-Monopolen wie im Energie- und Erdölsektor oder bei den Staatsbanken.

Und auch die Nachkommen der kommunistischen Gründergeneration beugten sich nur widerwillig dem Diktat der Partei. All diese Gruppen verfügten über Macht und Geld und stemmten sich gegen alles, was ihre Privilegien gefährden könnte.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Chinesische Regierung will sich aus Wirtschaft zurückziehen

    Aus Tagesschau vom 12.11.2013

    Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei hat nach 4 Tagen Plenumssitzung beschlossen, man wolle sich weiter aus der Wirtschaft zurückziehen, damit diese weiter wachsen kann. Doch das reicht offenbar nicht. Ökonomen verlangen, dass zudem unter anderem die Zinsen für Kredite und die Kreditvergabe liberalisiert werden.

  • China will mehr Markt - mit zaghaften Reformen

    Aus Echo der Zeit vom 12.11.2013

    Vier Tage lang diskutierte Chinas Führungsspitze hinter verschlossenen Türen über die Wirtschaftspolitik des Landes. Im Vorfeld war sogar von einem radikalen Kurswechsel die Rede gewesen. Das Zentralkomitee hat nun tatsächlich wohlklingende Reformversprechen veröffentlicht.

    Die Meinung eines Ökonomen und eine Einordnung.

    Urs Morf